Kritische Astrologie - Der »Brexit« und seine Macht über unser Leben

Mehr Brexit wagen

Kolumne Von

Als Kolumnist oder, schlimmer noch, als Satiriker muss man ja schon von Berufs wegen unentwegt anstoßen, empören und zuspitzen, selbst dann, wenn man eigentlich nur für moderaten Fortschritt im Rahmen der Gesetze und nach Anhörung aller Beteiligten ist. Oft genug ähnelt die fortwährende Zuspitzerei in Verhältnissen, die selbst schon stachelig genug sind, dem Unterfangen, einem Igel noch Spikes an die Ellbogen zu kleistern – manchmal aber findet man noch dankbar kahle Stellen, weiße Flecken auf der Landkarte der Kontroverse. Ich habe jetzt eine gefunden und bin sehr stolz, meine Sache auch mit einigem Elan vertreten zu können, nämlich: Ich finde die »Brexit«-Verhandlungen ganz gut. Haha, nehmt das, ihr Übelnehmer da draußen!

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Nicht den »Brexit«, die »Brexit«-Verhandlungen! Da werden Rechtsnormen aus vier Jahrhunderten zitiert, da sitzen sich Abgeordnete mit hochroten Köpfen gegenüber, Stimmen werden heiser, und der antisemitische Kasperkopf Corbyn tupft sich wehleidig den Schweiß von der erhitzten Stirn. Klar, dass sich da die deutschen Kommentatoren überschlagen mit Häme: »Brexit-Chaos«, höhö, wie oft wollen sie denn noch abstimmen, Kindergarten, und wie der eine da immer »Order« schreit, lol. Da will man die Briten doch gleich in Schutz nehmen vor Leuten, denen man die Demokratie mit Waffengewalt aufzwingen musste und die sie tendenziell schon dann wieder abschaffen wollen, wenn sie ihnen nicht effizient genug läuft, weil Sachen wiederholt werden müssen und Leute gefragt. Da kommen sofort deutsche Bescheidwisser an und verweisen mit lachhaftem Stolz auf die angebliche Überlegenheit eines Systems, dass sie ohne die Briten gar nicht hätten.

Nein, von mir aus kann das ruhig so weitergehen! Es sollen noch mehr Anträge und Referenden her, es sollen Koalitionen zerbrechen, Minister zurücktreten und jede Menge Fetzen fliegen. Gegen den lachhaften deutschen Parlamentarismus, bei dem die größten Ungeheuerlichkeiten im Akkord und in stiller Effizienz beschlossen werden, ist der »Brexit« geradezu eine Säule demokratischer Kultur.