Eurovision Song Contest in Tel Aviv

Harte Töne

Showdown in Tel Aviv: Die Band Hatari will bei ihrem ESC-Auftritt auf israelische Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen. Israel-Fans und Israel-Feinde sind darüber gleichermaßen empört.

»Ich liebe mein Land und ich liebe Tel Aviv«, sagt der Vertreter Israels beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC), Kobi Marimi. Er strahlt dabei über das ganze Gesicht. Dass der Wettbewerb in diesem Jahr in seiner Heimatstadt Tel Aviv stattfinden wird, ist für Marimi eine besondere Freude. Dabei hätte es auch anders kommen können: »Nächstes Mal in Jerusalem«, rief Netta Barzilai, die Gewinnerin des ESC im vergangenen Jahr in Lissabon. Nicht mit ihrer feministischen Elektro-Nummer »Toy« löste sie damals eine Welle der Entrüstung aus, sondern mit der Ankündigung, dass die Großveranstaltung im kommenden Jahr in Jerusalem stattfinden werde.

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Eigentlich kein Skandal, schließlich hatte Israel schon 1979 und 1999 den Wettbewerb in der Stadt ausgerichtet. Doch zwei Tage nach Nettas Sieg verlegten die USA ihre Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, die Debatte über die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels war in vollem Gange. Orthodoxe Juden, radikale Palästinenser und Anhänger der Boykottbewegung BDS lehnten Jerusalem als Veranstaltungsort gleichermaßen ab. Die Süddeutsche Zeitung reagierte prompt mit ­einer Karikatur, die die Verlegung der Botschaft und den Sieg Nettas als Ausdruck der kriegslüsternen Politik Israels erscheinen ließ. Die Zeichnung zeigt den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu verkleidet als Netta, in der Hand hält er eine Bombe mit Davidstern, darüber war in einer Sprechblase zu lesen: »Nächstes Jahr in Jerusalem«.

BDS-Gruppen fordern den Boykott des Musikwettbewerbs und begannen damit, Künstlerinnen und Künstler für ihre Diffamierungskampagne zu gewinnen. Ziel der seit 2005 laufenden Kampagne ist die wirtschaftliche, kulturelle und politische Isola­tion Israels. Unterstützer der BDS-Bewegung treten regelmäßig mit pla­kativen Aktionen in Erscheinung. So findet beispielsweise alljährlich in zahlreichen Ländern eine sogenannte »Israeli Apartheid Week« mit einer Reihe von israelfeindlichen Kund­gebungen und Veranstaltungen statt.

Schon bevor die Planung der Party begann, war sie damit ein Politikum. Dabei wollen die Organisatoren des ESC genau das seit Jahren vermeiden, ja sogar unterbinden. Der Portugiese Salvador Sobral trug bei seiner Pressekonferenz vor dem Finale 2017 ein T-Shirt mit der Aufschrift »SOS Refugees« und fing sich dafür eine Rüge der Organisatoren ein. »Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur sind während des Contests untersagt«, heißt es in den Vorschriften der European Broadcasting Union (EBU).

Dabei ist der Songcontest schon immer mehr als nur ein Treffen von Schlagerfreunden und Karrierestartpunkt für Abba oder Céline Dion gewesen. Gewinner des ESC war bereits 1961 der Song »Nous les amoureux« des Sängers Jean-Claude Pascal, in dem es um schwule Liebe geht. Dana International war 1998 die erste transsexuelle Künstlerin, die den Contest gewann, die bärtige Dragqueen Conchita Wurst folgte 2014. Die Live-Übertragungen des ESC sind in ganz Europa oftmals Anlass für queere Parties, auf denen geschlechtliche Viefalt, Diversität und Trash zelebriert werden.

Kobi Marimi ist überzeugt, dass es beim ESC vor allem um die Musik und das Miteinander geht. Denjenigen, die zum Boykott der Veranstaltung aufrufen, rät er im Gespräch mit der Jungle World, sich selbst ein Bild von Israel zu machen: »Es geht um Liebe und die Liebe zur Musik, ich hoffe, das werden sie erkennen.«

»Man fragt sich schon, was zu tun ist, wenn mitten in der Nacht der Bombenalarm losgeht.«

Den Feinden des ESC ist gerade diese schwule, glitzernde Weltoffenheit ein Dorn im Auge. Es war auch kein Zufall, dass militante Palästinenser zu Beginn der Proben am vorvergangenen Wochenende über 600 Raketen auf israelische Ortschaften feuerten, vier Menschen wurden dabei getötet. »Wir werden den Feind davon abhalten, das ESC-Festival zu veranstalten, dessen Zweck es ist, das palästinensische Narrativ zu unterminieren«, ließ der Islamische Djihad wissen.

In Tel Aviv nahm man den Angriff fast gelassen auf. »Die Proben wurden nicht beeinflusst und werden wie gewohnt fortgesetzt. Die Künstler, Delegationen und das Produktions­team arbeiten hart, und alles geht nach Plan und läuft gut«, ließ die EBU nach den Angriffen am 6. Mai wissen. Im Pressezentrum des ESC in Tel Aviv macht sich dennoch leichte Verunsicherung breit. »Man fragt sich schon, was zu tun ist, wenn mitten in der Nacht der Bombenalarm losgeht«, sagt der Blogger Benjamin Hertlein, der seit Monaten über den ESC berichtet. »Nach Einschätzung der Behörden hier vor Ort gibt es aber momentan keinerlei größere Sicherheitsbedenken. Und mit einer Absage wäre ja auch niemandem geholfen.«

Eine Absage würden sich BDS-Gruppen sehr wohl wünschen. Bereits im September vergangenen Jahres veröffentlichte der britische Guardian einen Boykottaufruf von 140 Kulturschaffenden aus Europa, Nordamerika und Australien. »Artwashing Apartheid« lautet der Slogan von BDS seitdem. Israel wird vorgeworfen, ­liberale Künstlerinnen und Künstler zu instrumentalisieren, um von Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land und in den palästinen­sischen Gebieten abzulenken. Allerdings folgte kein Künstler des ESC dem Aufruf. Auch Roger Waters’ Versuch scheiterte, die BBC dazu zu bringen, den Wettbewerb nicht zu übertragen. Anfang April, als bekannt wurde, dass Madonna in Tel Aviv ihre neue Single während des ESC vorstellen will, forderte der ehemalige Bassist von Pink Floyd die Sängerin auf, ihren Auftritt abzusagen, auch das ohne Erfolg.

Israel hat inzwischen nach eigenen Angaben ein Netzwerk aufgespürt, das mit sogenannten Bots und gefälschten Twitter-Konten auf einen Boykott des Eurovision Song Contest hinwirken wollte. Das Ministerium für Strategische Angelegenheiten in Jerusalem teilte mit, hinter der Kampagne stehe die palästinensisch geführte BDS-Kampagne. Die frag­lichen Konten wurden daraufhin deaktiviert.

Eine Gruppe, die BDS zumindest nahesteht, hat es allerdings selbst nach Israel geschafft: Islands Beitrag zum diesjährigen ESC, die Band ­Hatari (auf Isländisch: Hasser). »Hass wird siegen«, schreit der Sänger von der Bühne, während zwei in Leder gekleidete Frauen hinter ihm tanzen. Auf einem runden Metallkäfig räkelt sich der zweite Sänger, dazu gibt es eine Feuershow – etwa so muss man sich einen Auftritt der Formation vorstellen. Ein wenig erinnert der Sound an Rammstein. Hatari bezeichnen sich selbst als »antikapitalistische BDSM-Techno-Band«. BDSM steht für Bondage/­Discipline, Dominance/Submission, Sadism/Masochism. Eigentlich hatten Hatari sich bereits Ende 2018 aufgelöst, weil es ihnen nach eigenen Angaben nicht gelungen sei, ihr großes Ziel, die Abschaffung des Kapitalismus, zu erreichen. Doch für den Vorentscheid des Songcontest in Reykjavik fanden die drei Mitglieder – neben den beiden Sängern noch der Produzent und Perkussionist – doch noch einmal zusammen, und gewannen promt.

Hatari stehen nicht für ihren schrägen Auftritt im Rampenlicht. Die Mitglieder der Band haben für Aufsehen gesorgt, als sie ankündigten, ihren Auftritt beim ESC dafür zu nutzen, Israel für seinen Umgang mit den Palästinensern zu kritisieren. Sie forderten auch Ministerpräsident Benjamin Netanyahu zu einem »freundschaftlichen Spiel des traditionellen isländischen Hosengriffringens« heraus. Die Leiterin des Israel Law Center, Nitsana Dar­shan-Leitner, forderte daraufhin den Innenminister Aryeh Deri auf, Hatari wegen ihrer Haltung zu Palästina die Einreise zu verweigern. Yigal Ravid, Moderator, Journalist und Gastgeber des vorigen ESC in Israel 1999, hält den Auftritt der Band für gefährlich: »Wir haben es hier nicht mit einem schlechten Scherz zu tun. Das hier ist wirklich ernst und es geht um Antisemitismus.«

Zwar durfte die isländische Band schließlich nach Israel einreisen, wird nun aber von Teilen der BDS-Bewegung für ihren geplanten Auftritt kritisiert: Die Band sollte sich lieber an dem Boykott beteiligen, statt aufzutreten. Der beste Ausdruck der Solidarität sei die Absage ihres Auftritts, forderte die Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel (PACBI). Doch so weit möchten Hatari offenbar nicht gehen. Stattdessen reisten einige Bandmitglieder kurz nach ihrer Ankunft Anfang Mai nach Hebron und berichteten der Jerusalem Post zufolge anschließend von geschlossenen Geschäften und verlassenen Straßen, woraus sie folgerten, die Apartheid sei in Hebron deutlich zu sehen gewesen.

Wie es zu erwarten war, nutzen ­Israelfeinde den ESC nicht nur, um das Land zu verunglimpfen, sondern auch als Vorwand, um es mit Raketen anzugreifen. Zwar bezeichnet sich BDS selbst als gewaltfrei, dennoch gibt es wenig ideologische Distanz zwischen der Kampagne und militanten Gruppen, die ihr »Narrativ« mit Raketen aus dem Gaza-Streifen verteidigen wollen. Und zumindest eines hat BDS mit den Angreifern gemein: die grundsätzliche Delegitimierung Israels.

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