»Eva.Stories«

Erinnern 2.0

Der Instagram-Account »Eva.Stories« will im Internet eine neue Form der Erinnerns an die Shoah etablieren.

»Nein, nein, nein! Ich will nicht umgebracht werden. Ich will doch Fotoreporterin werden, will mit 24 heiraten, einen Engländer«, hat die 13jäh­rige Éva Heyman am 26. März 1944 in ihr Tagebuch notiert. In der süd­ungarischen Kleinstadt Nagyvárad bei Pécs erlebte sie die Besatzung des Landes durch die Deutschen Mitte März 1944. Kurz darauf begannen die Ghettoisierung und die Deportation der ungarischen Juden, unter ihnen auch Éva Heyman, eines der etwa 600 000 Opfer der Shoah in Ungarn. Évas Mutter Ágnes Zsolt überlebte dank eines Zufalls. Sie erhielt das Tagebuch ihrer Tochter 1945 von der ehemaligen Haushälterin der ­Familie und veröffentlichte es 1947 in Buchform – kurz vor der Tabu­isierung des Schicksals der ungarischen Juden durch den Einfluss ­Stalins auf die Politik des Landes. Vier Jahre später beging sie Selbstmord. Unklar ist bis heute, inwieweit Ágnes Zsolt in das Tagebuch eingegriffen hat, die Spekulationen reichen bis hin zu der Vermutung, sie habe es zur Aufarbeitung des Verlustes der Tochter selbst verfasst – das Original ist verschollen, in der deutschen, englischen und hebräischen Übersetzung ist das Buch unter dem Autoren­namen der Mutter erschienen. Obwohl der in Wien ansässige Verlag der deutschen Ausgabe unter dem Titel »Das rote Fahrrad« versucht hat, Eva Heymann als »die ungarische Anne Frank« zu vermarkten, war das Tagebuch bislang allenfalls Historikern ein Begriff.

»Eva.Stories« ist, und das kann man einem solchen Projekt gegenwärtig nicht hoch genug anrechnen, kein spielerischer Tabubruch.

Seit Anfang Mai hat sich dies geändert: 1,7 Millionen Abonnenten folgen der Instagram-Seite »Eva.Stories«, das Éva Heymans Tagebuch ins Format des Online-Dienstes übertragen hat. In 70 teils nur wenige Sekunden langen Clips stellt das ­israelische Internetprojekt beginnend mit dem israelischen Holocaust-­Gedenktag Jom haScho’a die Frage: »Was, wenn ein Mädchen im Holocaust Instagram gehabt hätte?« So zumindest war es auf zahlreichen Werbeplakaten in Israel zu lesen. »Die Jugend ist heutzutage auf Instagram, während die Jugend zu meiner Zeit Zeitungen las und Fernsehen schaute«, sagte Mati Kochavi dem israelischen Fernsehen, der als Regisseur und Produzent gemeinsam mit seiner Tochter Maya Kochavi das Projekt betreibt. Das Anliegen des Sohns von Holocaustüberlebenden ist es, über das Medium Instagram junge Menschen mit dem Thema zu konfrontieren, es in ihren Selfie-, Snap­chat- und Twitter-Alltag eindringen zu ­lassen. Das Gedenken an den ­Holocaust werde zukünftig nicht mehr ausschließlich über Museen und Bücher stattfinden, sondern eben auch über soziale Netzwerke, so Kochavi.

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Bereits vor Jahren hat der israelische Künstler und Journalist Avi Pitchon neue Perspektiven in der Erinnerungspolitik gefordert, das ritu­alisierte Gedenken helfe nicht dabei, eine tatsächliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu fördern, es gleiche vielmehr einem »gelähmten Exorzismus« – »Keine Erkenntnis, keine Bewegung, keine Verjüngung«, fasste er seine Kritik in einem Essay zusammen. Sein Vorschlag bestand darin, mit popkulturellen Mitteln einen »blasphemischen Zusammenprall der Gegensätze zu erproben«, eine Reflexion und ­Erkenntnis werde sich dann bereits durch den zu erwartenden Widerspruch ergeben.

In der Tat haben sich aus geglückten wie auch missglückten Versuchen, sich der Shoah auf popkultureller Ebene anzunähern, durchaus fruchtbare Debatten über die Möglichkeiten und Grenzen des Erinnerns, über ästhetische Zugänge und Abgründe ergeben. Man denke etwa an die Diskussion über die US-amerikanische Fernsehserie »Holocaust« (Jungle World 4/2019), den Comic »Maus« von Art Spiegelman, der zunächst von allen Verlagen abgelehnt wurde, oder das Videoprojekt »Dancing Auschwitz« der australischen Künstlerin Jane Korman, in dem diese mit ihren Kindern und ihrem ­Vater, einem Auschwitz-Überlebenden, Orte der Vernichtung besuchte, um dort zu Gloria Gaynors Disco-Song »I Will Survive« zu tanzen.

Angesichts der langen Geschichte solcher kontrovers geführter Feuil­letondebatten verwundert es, dass die medialen Reaktionen in Deutschland sich derzeit vorsichtig abwartend verhalten. Womöglich haben die Redaktionen noch nicht wahrgenommen, dass eine Instagram-Story, die auf Englisch mit hebräischen Untertiteln produziert worden ist, kein rein innerisraelische Phänomen sein muss. Die Artikel zu den »Eva.Stories« machten jedoch diesen Eindruck, man verwies darauf, dass Benjamin Netanyahu via Twitter das Projekt gelobt habe, betonte die ­Kritik eines Lehrers, der die »Eva.Stories« in der Tageszeitung Haaretz geschmacklos nannte, und zitierte die Gedenkstätte Yad Vashem, die betont hatte, über neue soziale ­Medien an den Holocaust zu erinnern, sei »legitim und wirkungsvoll«. Statt sich mit dem Projekt tatsächlich auseinanderzusetzen oder es in ein Verhältnis zu anderen kulturellen Äußerungen über die Shoah zu setzen, geht die Berichterstattung über eine Beschreibung des isra­elischen Kontexts der »Eva.Stories« kaum hinaus.

Dabei kann man dem Anliegen von Mati und Maya Kochavi nur gerecht werden, wenn man an »Eva.Stories« dieselben Maßstäbe anlegt wie an andere künstlerische Auseinandersetzungen mit der Shoah. Die Macher haben klargestellt, dass ihr Zugang weniger ein ästhetischer als vielmehr ein pädagogischer ist: Sie wollen ­junge Menschen mit dem Thema konfrontieren und die Erinnerung wachzuhalten. Dies entbindet sie jedoch nicht der Frage, wie sie sich ­ästhetisch ihrem Ziel annähern. Die Macher scheinen sich mit der Diskussion über die Darstellbarkeit der Shaoh auseinandergesetzt zu haben, sind um Angemessenheit des medialen Umgangs mit den Bildern des Holocaust bemüht. Die mit britischen Schauspielern und aufwendig in der Ukraine gedrehten Szenen sparen explizite Gewalt aus (die bei Instagram vermutlich ohnehin der Sperrung zum Opfer gefalle wäre), die Geschichte endet in dem Moment, in dem Eva einen Viehwaggon betreten muss. Die Kochavis bemühen sich, stereotype Bilder zu vermeiden, was aber nicht immer gelingt.

»Eva.Stories« ist, und das kann man einem solchen Projekt gegenwärtig nicht hoch genug anrechnen, kein spielerischer Tabubruch, wie er etwa in Deutschland gerne gepflegt wird, sei es in Holocaust-Satiren wie »Er ist wieder da« oder in der überzeichneten Provokation einer Band wie Ramm­stein. Mati und Maya Kochavi haben vielmehr versucht, in einem neuen Format die Gegenwart in ein Verhältnis zur Geschichte zu setzen, die Vergangenheit in die ­Gegenwart zu holen, und zwar auf die Smartphones von über eineinhalb Millionen Abonnenten. Dort tauchen die Erfahrungen von Eva zwischen zahlreichen anderen Statusmeldungen auf, um 24 Stunden ­später wieder verschwinden, wie es den Storys auf Instagram eben ­eigen ist.

Dieses Nebeneinander von banalen Statusmeldungen und den Bildern von Éva Heymans fiktiver Handykamera hinterlässt einen unangenehmen Beigeschmack, gleichzeitig könnte man darin eine Reflexion des Verschwindens der europäischen Juden, vertreten durch die Protagonistin, sehen. Ein Verschwinden, gegen das Éva Heyman bis zuletzt angeschrieben hat. Einer ihrer letzten Einträge vom 30. Mai 1944 lautet: »Aber ich will nicht nach Polen, ich will doch nicht sterben, liebes Tagebuch. Ich möchte auch dann noch leben, wenn ich im ganzen Bezirk allein zurückbleibe. In einem Keller, auf irgendeinem Dachboden, sogar in einem Erdloch würde ich mich verkriechen, bis der Krieg zu Ende ist.«

Béla Zsolt, Éva Heymans 1949 verstorbener Stiefvater und ein wichtiger antifaschistischer Journalist in Ungarn, hatte nach der Veröffentlichung des Buchs in einem Zeitungsartikel geschrieben, das Tagebuch zeige, »wie die würgende Schlange um das vier Zimmer große Heim der Familie in Nagyvárad immer enger gezogen wird – bis allmählich, und später in immer schnellerem Tempo, zuerst die Lebensfreude, dann die menschliche Selbstachtung und die ganze Existenz stranguliert werden«. Ähnliche Überlegungen dürften auch die Macher von »Eva.Stories« bewogen haben, dieses ­Tagebuch als Vorlage auszuwählen: Es verdichtet aufgrund der historischen Konstellation, dass Ungarn erst spät von den Deutschen besetzt und daher auch die Shoah erst zu einem späten Zeitpunkt eingeleitet wurde, die Geschehnisse exemplarisch. Repression im Alltag, Enteignungen, Zwangsarbeit, Ghettoisierung, Deportation, all dies erfolgte innerhalb ­weniger Wochen und wird im Tagebuch abgebildet, das nur dreieinhalb Monate umfasst, von Éva Heymans 13. Geburtstag am 13. Februar 1944 bis zum 30. Mai desselben Jahres, kurz vor ihrer Deportation. Diese ­rasche Abfolge der Ereignisse, die auf heutige Sehgewohnheiten abgestimmten schnellen Schnitte, die Selbstdarstellung der Protagonistin, die in einem naiven Tonfall über Hobbys und Schwärmereien für Jungs zu berichten beginnt, und das sich schnell in ein düsteres Szenario verwandelnde Alltagsleben der Familie entfalten sowohl emotionale als auch ästhetische Kraft. Es finden sich Bilder unmittelbarer psychischer Grausamkeit, deren Intensität durch die Perspektive des Dabeiseins, durch das verwackelte Handybild, noch einmal gesteigert wird – sei es ein Passant, der unvermittelt in Richtung der sich gerade vor der Kamera ­inszenierenden Éva zu Boden spuckt und sie als Jüdin adressiert, oder der einrückende deutsche Soldat, der mit einem breiten Grinsen der Schülerin vor die Linse springt. Die stets auf emotionalen Effekt ausgerich­teten Bilder können dazu beitragen, zumindest eine Ahnung für die ­Bedrohung zu vermitteln, der sich die europäischen Juden ausgesetzt ­sahen.

Aber Gefühle sind nicht das Einzige, woran sich ein Projekt wie »Eva.Stories« messen lassen muss. Zudem kann ein solches Format nur einen ersten Zugang bereiten, eine intensive Auseinandersetzung mit der Shoah, mit historischen Fakten und antisemitischen Strukturen muss nach wie vor auf anderen Wegen erfolgen. Das reduzierte Format von Instagram verlangt es, die Geschichte auf Schlüsselmomente herunterzubrechen, die Dialoge dem Medium anzupassen und Ambivalenzen, die das Tagebuch von Éva Heyman interessant machen, zu glätten. Die Notizen in der Buchfassung zeigen beispielsweise, wie weit der Antisemitismus der ungarischen Politik schon vor der Besatzung durch Nazideutschland sogar das Selbstbild jüdische Jugend­liche geprägt hat. Der eingangs zitierte Wunsch einen Engländer zu heiraten, führt die 13jährige im Tagebuch weiter aus: Denn dieser Engländer soll vor allem eines sein, »ein Arier«, denn »ein Arier ist immer besser«. Für den Verlauf der Story im Instagram-Format sind solche Ambi­valenzen störend, die manchmal abschweifenden oder sich widersprechenden Einträge mussten im Sinne des pädagogischen Ziels in eine stringente Geschichte verwandelt werden.

In wenigen Einstellungen und Worten viel ausdrücken zu müssen, hat die Macher zudem dazu verführt, Text und Bild immer wieder auf allzu vertraute Klischees zu ­reduzieren – etwa der in seiner Unberechenbarkeit an Hans Landa aus Quentin Tarantinos »Inglourious Basterds« erinnernde SS-Führer, der den Großvater aus der eigenen Apotheke wirft; Zeilen wie »Ich will, dass dieser Moment für immer anhält«, die im letzten ruhigen ­Moment zwischen Mutter und Tochter gesagt werden; oder die Einschätzung von Évas Mutter Ágnes Zsolt am Tag ihrer Deportation ins Ghetto: »Wir lassen uns wie Schafe zum Schlachthaus bringen«, was so noch nicht einmal im Tagebuch steht, wo Éva am fraglichen Tag stattdessen notierte: »Man behandelt uns nicht mehr wie Menschen, eher wie Vieh.«

Diese kleinen Verschiebungen und Verkürzungen machen aus »Eva.Stories« trotz durchaus interessanter Ansätze und guter Absichten ein problematisches Projekt. Wer wie die angestrebte Zielgruppe mit dem Thema über die Instagram-Story zum ersten Mal konfrontiert wird, bekommt all jene Klischees serviert, die nach 70 Jahren Debatte über ­Kultur nach Auschwitz leicht zu vermeiden gewesen wären. Allen anderen bietet das Projekt nichts Neues, außer ein paar neuen Bildern und vielleicht der Erkenntnis, dass jede Generation das Recht hat, über neue Medien eigene Zugänge zur Shoah zu entwickeln. Auch im ­Comic, auch im Film oder Computerspiel und selbstverständlich auch bei Instagram.