Klassenkampf - Ausgehen, ohne auf Schüler zu treffen

Ausgehen, um zu vergessen

Kolumne Von

Als ich nicht mehr richtig klein war, aber immer noch zur Schule ging, hatten wir einen Deutschlehrer, der dafür bekannt war, dass man ihn immer freitags und sonnabends in dieser einen schlimmen Eckkneipe antraf, in die auch wir Schülerinnen und Schüler manchmal zum Vorglühen gingen. Bis ungefähr elf Uhr abends konnte man, wenn man wollte, dort auch mit ihm sprechen, vorzugsweise über Politik, Fußball oder Biersorten, nach elf Uhr nicht mehr so richtig, weil er dann zu sehr gelallt hat.

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Im Nachhinein bewundere ich den Ehrgeiz und die Disziplin dieses Menschen, denn über beides muss man doch sicherlich in hohem Maße verfügen, wenn man immer an diesen beiden Tagen – und nur an diesen beiden Tagen – in derselben Kneipe sitzt und sich zuverlässig bis elf Uhr zusäuft.

Allerdings fällt mir jetzt auf, dass er sich an den anderen fünf Tagen natürlich auch die Kante gegeben haben kann, aber woanders, in so einer speziellen Lehrerkneipe vielleicht, von deren Existenz wir Schülerinnen und Schüler nichts wussten und in die man uns auch niemals hineingelassen hätte. Eine Kneipe, in der die Bedienung die Stundenpläne aller Gäste kennt und ihnen immer genau rechtzeitig das Bier wegnimmt und sie nach Hause schickt. Ein Ort, an dem die Lehrergäste trinken und vergessen und dabei ausnahms­weise schweigen, denn das Thema »Schule« ist hier verboten – und über etwas anderes können sie ja nicht sprechen.
Ich brauche unbedingt auch so eine Kneipe. Wobei ich ja keine Angst davor haben muss, abends in Kneipen auf meine jugendlichen Schülerinnen und Schüler zu treffen, weil die abends ja nicht ausgehen. Wenn man sie übergriffigerweise fragt, was sie am Wochen­ende so gemacht haben, dann waren sie immer auf Familienfesten. Ihr Leben scheint ein einziges buntes Fest des Geborenwerdens, Heiratens und Sterbens zu sein.

Nur zwei Mal haben mich in den vergangenen Jahren Schülerinnen darauf angesprochen, dass sie am Wochenende auf demselben Konzert wie ich gewesen seien, einmal bei den Arctic Monkeys und einmal bei Sido – beide Schülerinnen haben sich sehr über meinen engagierten Tanzstil gefreut.

Verwirrend daran war für mich weniger, dass ich in meinem Leben noch auf keinem Konzert der Arctic Monkeys oder von Sido war, als vielmehr, dass das zwei Namen sind, die ich tatsächlich kenne, was bedeutet, dass es sich um Musik für alte Leute handelt und die Kinder dort eigentlich nichts zu suchen hatten. Schließlich, wo kommen wir da hin? Demnächst fallen die Kinder auch noch in unsere Lehrerkneipen ein und wollen mit uns gemeinsam schweigen und trinken und die Schule vergessen. Dabei ist es doch eigentlich der Auftrag der Jugend, einen eigenen Weg zu finden, die Realität zu verleugnen; einen, der die alten Leute abschreckt und verstört und macht, dass sie weggehen. Und, ganz wunderbar, nach diesen Gedanken ergeben für mich plötzlich auch die Familienfeste wieder einen Sinn.

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