Platte - Josephine Wiggs: We Fall

Freier Fall

Tina Weymouth, Kira Roessler, Kim Gordon – in überaus vielen Punkbands spielten Frauen den Bass. Die Reihe ließe sich fortsetzen, unter anderem mit Josephine Wiggs, ihres Zeichens Bassistin der Breeders seit Anfang der Neunziger.

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Die Britin hat nun ihr lang ersehntes erstes Soloalbum »We Fall« veröffentlicht. Den Bass hat sie hierfür zur Seite gestellt und sich stattdessen an ein Klavier gesetzt, das in jedem der zehn Lieder zu hören ist. Bei iTunes wird das Genre »Neo-Classical« für das Album angegeben, ein schwammiger, unzureichender Begriff, aber vielleicht der einzige, der für den Moment passt.

Wiggs sang bei den Breeders nur sehr selten, einmal die endlos coole Coverversion des Aerosmith-Songs »Lord of the Thighs«, auf dem jüngsten Album im vergangenen Jahr dann das düstere Lied »Meta Goth«. Auf »We Fall« kriegt man ihre Stimme leider auch nicht oft zu Gehör: Erst im dritten Song, der auch dem Album seinen Titel leiht, setzt Wiggs’ Gesang ein, das Besondere ihrer Stimme (ihr Akzent, ihr dunkler Ton) will aber nicht so recht durchkommen, der Gesang, oder besser: das Geheule wurde mit einem Hall-Effekt versehen, der jede Besonderheit der Stimme tilgt. Es ist der einzige nichtinstrumentale Song auf der Platte.

Wiggs hat fast alle Instrumente selbst eingespielt, neben dem Klavier die Gitarre und Streichinstrumente, immer mal wieder unterbrochen durch elektronische Spielereien. Selten sind sie gleichzeitig zu hören, vielmehr wechseln die Instrumente sich gegenseitig ab. Das klingt sehr entschieden, dabei aber auch erfrischend zufällig. Die Lieder eint ihre Schwermütigkeit. Traurige Hintergrundmusik hat Wiggs komponiert, einen melancholischen Soundtrack für einen regnerischen Tag.

Mit Rockmusik, Wiggs eigentlichem Terrain, hat dieses Album nichts zu tun. Vielmehr hat diese Musik etwas mit dem um Post-Punk wissenden Ambient einer Gudrun Gut oder einer Michaela Melián gemein.

Josephine Wiggs: We Fall (The Sound of Sinners)

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