Die preisgekrönte Reportage

Es fehlen Menschen

Über die Einsamkeit der Deutschen.
Kolumne Von

»Das ist das schlimmste Gefühl, das es gibt: zu wissen, man kommt nach Hause, und da ist niemand, der auf einen wartet; niemand, der einem sagt, wo man schon wieder versagt hat. Niemand für anklagende Blicke oder stummes Augenrollen. Hallo, ist da jemand?« So wie Bernhard R. geht es immer mehr Menschen in diesem Land: Die Deutschen sind einsam. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP hervor. Im Jahr 2017 fühlten sich 9,2 Prozent der Menschen über 45 einsam, bestätigt das Deutsche Zentrum für Altersfragen.

Anzeige

Für die FDP-Fraktion, auf die die Studie zurückgeht, ein gutes Zeichen: »Deutschland ist einsam, weil es einsame Spitze ist! It’s lonely at the top«, lässt sich Christian Lindner zitieren, der in letzter Zeit wieder vermehrt Fotos seiner Zimmerdecke auf Instagram postet.

Presseempfang bei Eremita Münch, Sprecherin des Vereins der Einsamen, Alleinigen und Dauerhaft Unbegleiteten (DU). Dichtgedrängt ­stehen die Journalisten, über 60 Delegierte der verschiedenen Kreis- und Landesverbände des Vereins kämpfen um die wenigen freien Plätze. »Wir brauchen einen gemeinsamen Fahrplan gegen Einsamkeit«, ruft Münch ins Stimmengewirr. »Im Kampf gegen Personenmangel müssen alle an einem Strick ziehen. Also fragen Sie im Bekannten- und Verwandtenkreis herum!« In Berlin entwickelt der Verein ein erstes Zentrum, das sich dem Problem widmet – in der Ruine eines alten Einsiedlerhofs in Kladow. Geht es nach Münch, soll es bald in jeder Landeshauptstadt eine solche »Festung der Einsamkeit« geben: »Wir entwickeln ­einen Leitfaden für Selbstgespräche und zeigen Teilnehmern, wie sie aus zwei Wärmflaschen, einer alten Decke und einem Radio einen vir­tuellen Ansprechpartner erzeugen können.«

Münch ist mit ihren einsamen Entscheidungen im Verband nicht unumstritten: Kritiker sehen sie mit ihren Expansionsplänen eher isoliert; sie schaffe es nicht, die Massen der Mitglieder hinter sich zu vereinen. Wird es still um die Einsamenführerin? Wenn ja, könnten deutsche Einsame bald komplett alleinstehen.

Ist Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der Jungle World etwas wert? Dann abonnieren Sie jetzt oder unterstützen Sie uns spontan mit einer Spende!