Dokumentarfilm »Don’t Give a Fox«

Skaten ohne Ziel

Der Dokumentarfilm »Don’t Give a Fox« stellt eine Gruppe junger Kopenhagener Skaterinnen vor.

Skaterinnen sind ein naheliegendes Thema für eineDokumentation: junge Frauen in einem Jungs­metier, Widerstand gegen Klischees, Erwachsenwerden, alternative Kultur. Und so kam der dänische Dokumentar­filmer Kaspar Astrup Schröder auf die Idee, einen Film über eine Gruppe von Skaterinnen am Stadtrand von Kopenhagen zu drehen. Sie nennt sich »Don’t Give a Fox«, diesen Titel trägt auch der Film. Er handelt von Mädchen aus sichtlich eher wohlhabendem Hause, sie treffen sich zum Skaten, finden dort ihre Freiräume und Freundinnen.

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Der Film arbeitet mit den üblichen Techniken: Einzelne Protagonistinnen werden vorgestellt und nach ihrem Leben befragt, die Kamera folgt der Clique beim Skaten, beim Rumblödeln, beim Feiern, und zwischendurch gibt es als Rahmenhandlung noch einen Roadtrip. Skateboarding selbst interessiert Schröder dabei wenig. Über die derzeitige Lage des Frauenskatens erfährt man leider nichts: Es geht um eine Gruppe junger Frauen, die Dynamik, das Gefühl. »Don’t Give a Fox« will vor allem davon erzählen, wie es ist, Teenager zu sein – und diese hier skaten eben. Das funktioniert streckenweise gut, hinterlässt aber trotzdem den Eindruck, dass dem Film etwas fehlt, ein bisschen Spannung, etwas Handlung, eine neue Erkenntnis. Es plätschert arg viel.

Road­trip im selbstgestalteten pinken Bulli: die Protagonistinnen von »Don’t Give a Fox«.

Bild:
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Die girls crew hat sich offensichtlich noch nicht allzu lange vor Drehbeginn gegründet. Einige skaten erst seit kurzem, was man ihren Bemühungen ansieht, und trotzdem haben sie längst Rituale herausgebildet: Wer mag, bekommt von einem der Mädchen einen Fuchs tätowiert, das Symbol der Gruppe; einige legen sich auch noch reichlich andere Tattoos zu, »groß und hässlich«, wie liebevoll betont wird. Im Verlauf der Dokumentation wächst die Zahl der Tattoos beständig an, und wohl in gleichem Maße wachsen Freundschaft und Zusammenhalt. Das üblicherweise Hübsche und das betont Hässliche gehen für die Mädchen eng zusammen. Sie nehmen sich selbst als Außenseiterinnen wahr und sind das in mancher Hinsicht auch – ­andererseits ist vieles nur gefühlt, in einem Alter, in dem man ganz besonders oft glaubt, nicht dazuzugehören, irgendwie fremd zu sein, und deshalb Menschen sucht, mit denen man gemeinsam fremd sein kann. Es ist eine der großen Stärken von »Don’t Give a Fox«, diesem Gefühl Raum zu geben.

Der Film nimmt die Mädchen ernst, mit ihrer Vergangenheit, ihren Sorgen und Träumen, ihrem Humor. Der Flow des endlosen Sommers, den Schröder mit den Skaterinnen verbringt, ist beeindruckend. Irgendwann wird das aber ein Problem, denn viel passiert nicht. Und Überraschendes machen die Protagonistinnen auch nicht.

Skaten kommt der Struktur des Sportfilms nicht entgegen. Die ­wenigsten Skater fahren Wettbewerbe; das Lässige ist gerade der Reiz, auch die Mädchen wetteifern nicht. Entsprechend gibt es im Film keinen Spannungsbogen, kein Ziel, keine ­erzählerische Klammer – und wegen der hoch persönlichen Perspektive auch keinen Blick auf die Gesellschaft oder auch nur die Branche. Im Prinzip entspricht das natürlich dem Sujet. Von »Kids« aus dem Jahr 1995 bis zum zeitgenössischen »Mid90s« haben viele ziemlich tolle Skaterfilme immer vor allem die Subkultur in den Blick genommen, waren eher Coming-of-Age-Geschichten, die das Zusammenspiel von Solidarität, Rebellion und Exzess zeigten.

Kaspar Astrup Schröder versucht sich an einer Art dokumentarischen Girls-Variante dieser Genrefilme, aber dafür fehlt seinem Szenario die dramatische Zuspitzung des Spielfilms. Hier gibt es keine Aids-Fälle, keine prügelnden Eltern oder illegalen Drogen (jedenfalls nicht vor der Kamera) und auch kein allzu großes Konfliktpotential. Hier hängt man einträchtig rum, skatet, trinkt Bier, und der größte Stresstest ist eine ­zerbrochene Gitarre. Über 87 Minuten ist das etwas wenig.

Eingebettet ist das in einen Road­trip, den die Mädchen im selbst­gestalteten pinken Bulli unternehmen. Es wird nicht ganz klar, ob das ihre ­eigene Idee oder vielleicht eher die des Filmteams war, um ­etwas Schwung und Struktur in die Geschichte zu bringen, denn die Idee und die Optik des Autos passen doch verdächtig gut zum Konzept. In jedem Fall entstehen auf der Fahrt die besten Bilder, wenn die Mädchen singend und albernd über Waldwege fahren, im Skatepark mit reichlich Alkohol ihre eigene Modenschau veranstalten oder auf der Wiese beim Zelten darüber reden, nie wie die Erwachsenen sein zu wollen. Am stärksten ist der Film da, wo er einige Mädchen persönlich porträtiert. Zum Beispiel Sofie, die selbsternannte »Mutter« der Crew, die als unangefochtene Anführerin alles organisiert, nach einem Bruch am Fuß aber Angst hat, in der Clique außen vor zu sein. Dann weint sie wie ein Kind unter der Bettdecke und hofft, dass die anderen sie immer noch cool finden. Oder Line, die davon erzählt, wie sie früher mit psychischen Problemen und Selbstverletzung kämpfte. Nun hat sie den Selbsthass Schritt für Schritt überwunden und träumt von einer Musikkarriere mit der wieder reparierten Gitarre. Oder Signe, die lesbisch ist und ihren Vater noch nicht damit konfrontiert hat.

Manchmal wirkt das etwas un­gelenk inszeniert (»Wie wusstest du eigentlich, dass du lesbisch bist?« klingt nicht wie eine Frage, die man spontan vor laufender Kamera im Zwiegespräch stellen würde). Und potentielle Handlungslinien, die sich daraus ergeben, verlaufen oft eher enttäuschend im Nichts. Die Mädchen fahren etwa mit dem Bulli bei Signes altem Haus vorbei, um die Eltern zu treffen. Die sind aber nicht zu Hause oder wollen nicht vor die Kamera, und so geschieht eben: nichts.

Die hübschen Dinge passieren im Kleinen. Da hockt sich Signe ins Maisfeld neben ihrem Elternhaus und demonstriert, wie sie hier früher heimlich rauchte, mit einem Maishalm als Zigarettenhalter, damit die Finger nicht riechen. »Don’t Give a Fox« erzählt in seinen schönen ­Momenten einiges darüber, wie es ist, Teenager zu sein. Und wie das Skaten eine eigene Welt schafft, in der man zu sich selbst findet und Ängste überwindet. Dann sind die Momente vorbei und es passiert wieder eine Weile nicht so viel. Außer eben Skaten, Autofahren, Biertrinken.

Don’t Give a Fox. Dokumentarfilm von Kaspar Astrup Schröder. Filmstart: 4. Juli .

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