Porträt - Sandra Torres

In der Stichwahl

Eine Sozialdemokratin – das klingt zunächst nicht so schlecht, wenn man sich ansieht, wer in den meisten anderen Ländern Lateinamerikas derzeit regiert. Noch regiert sie aber nicht. Sandra Torres von der sozialdemokratischen Partei Nationale Union der Hoffnung (UNE) hat am Sonntag die erste Runde der Präsidentschaftswahlen in Guatemala gewonnen. Mit über einem Viertel der Stimmen führte sie vor dem Konservativen Alejandro Giammattei, der rund 14 Prozent erhielt. Am 11. August soll die Stichwahl stattfinden. Für die 63jährige Torres ist es bereits der dritte Versuch, Präsidentin zu werden. Regierungserfahrung hat sie. Während der Amtszeit ihres Ex-Ehemanns, des Sozialdemokraten Álvaro Colom (2008 bis 2012), war sie unter anderem für die Sozialprogramme verantwortlich, wodurch sie sich vor allem bei den Armen Guatemalas beliebt machte. 2011 ließ sie sich von Colom scheiden, um selbst als Präsidentschaftskandidatin antreten zu können, da Familienangehörige amtierender Präsidenten und Vizepräsidenten davon ausgeschlossen sind. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass gegen Colom Korruptionsvorwürfe erhoben worden waren. Bei der Präsidentschaftswahl 2015 unterlag Torres knapp Jimmy Morales, dem derzeitigen Präsidenten, der nicht mehr antreten darf. Mittlerweile gilt Morales, der einst als Kämpfer gegen Korruption ins Amt gewählt wurde, aber die UN-Kommission CICIG, die gegen diese vorgehen sollte, aus dem Land werfen wollte, dem Umfrageinstitut Mitofsky zufolge als zweitunbeliebtester von 19 Präsidenten Amerikas – unbeliebter ist nur Venezuelas Präsident Nicolás Maduro.

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Torres müsste sich also nicht allzu viel bemühen, um die Erwartungen zu übertreffen. Sie wäre sicher eine bessere Wahl als Giammattei, dem unter anderem Menschenrechtsverletzungen während seiner Zeit als Gefängnisdirektor vorgeworfen werden. Doch auch sie gehört zur Führungsschicht des Landes und ihre Partei UNE stimmte als Teil des »Pakts der Korrupten« im Parlament gegen die Aufhebung der Immunität von korrupten Abgeordneten. Die Juristin Thelma Aldana, eine Vorreiterin im Kampf gegen die Korruption, wurde als Präsidentschaftskan­didatin nicht zugelassen. Thelma Cabrera, die Kandidatin der indigenen und Bauernbewegung, kam nur auf zehn Prozent der Stimmen. Zehn weitere Kandidatinnen und Kandidaten wurden vor der Wahl ermordet.

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