Small Talk mit Ericka Reikowski

»Ein historischer Schritt«

Nach der fünften Verhandlungsrunde zwischen Verdi und den beiden größten Berliner Assistenzbetrieben, Ambulante Dienste e. V. und Neue Lebenswege GmbH, wurde eine Tarifeinigung erzielt. Ericka Reikowski war Mitglied der Tarifkommission bei Neue Lebenswerke und hat mit der Jungle World gesprochen.

Wie sieht die Tätigkeit von persönlichen Assistentinnen und Assistenten aus?
Persönliche Assistentinnen und Assistenten ermöglichen ein selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderung. Aufgrund der umfangreichen Ansprüche und Tätigkeiten war eine angemessene Eingruppierung der Beschäftigten eine Kernforderung. Mit der Einigung von Ende Mai sind wir einem Manteltarifvertrag sehr nahe gekommen. Denn die beiden größten Assistenzbetriebe Berlins haben sich hier geeinigt. Andere Assistenzbetriebe werden nachziehen.

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Worin besteht der »historische Schritt für die Assistenz in Berlin«, wie Sie die Tarifeinigung genannt haben?
Mit der Tarifeinigung definieren wir uns erstmals nach unseren Tätigkeitsmerkmalen. Dann könnte es perspektivisch einen Ausbildungsberuf »Persönliche Assistenz« geben. Das wäre tatsächlich ein historischer Schritt.

Was würde die Durchsetzung der Tarifeinigung materiell für die Beschäftigten bedeuten?
Das ist so unterschiedlich, wie es die Beschäftigungsverhältnisse in den Assistenzbetrieben sind. Neben einer Einkommenserhöhung, die sich in meinem Fall auf etwa 14 Prozent belaufen würde, sieht der Abschluss eine Erhöhung der Zahl der Urlaubs­tage und eine bessere Vergütung bei den häufigen Wechselschichten vor. Das hat viele Beschäftigte sehr motiviert, für die Einigung zu kämpfen.

Es gab bereits seit Jahren Versuche, die Arbeitsbedingungen in den Berliner Assistenzbetrieben zu verbessern. Warum kam die Einigung gerade jetzt zustande?
In erster Linie war es ein Erfolg unserer Organisierung in der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Vorteilhaft war auch, dass in den vergangenen Jahren unsere Arbeit gesellschaftlich aufgewertet wurde. Zudem hat uns sehr geholfen, dass der Berliner Senat unsere Forderungen unterstützt und die nötigen finanziellen Mittel für die Tarifeinigung bereitstellen will. Das hat es ermöglicht, mit den Assistenzbetrieben an einem Strang zu ziehen.

Warum ist die Verwirklichung des Tarifvertrags trotzdem noch nicht gesichert?
Der Vertrag enthält einen Finanzierungsvorbehalt. Denn einen Teil der Kosten müssen die Pflegekassen aufbringen. Die prüfen noch die Zahlen. Das kann noch eine schwierige Angelegenheit werden, schließlich würden sich durch die Umsetzung der Einigung die Kosten einer Assistenzstunde nach Berechnungen der Assistenzbetriebe von 30 auf 40 Euro erhöhen.

Könnte weiterer öffentlicher Druck nötig sein, um die Verbesserungen durchzusetzen?
Noch sind die Pflegekassen dabei, die Kosten zu ermitteln. Die Verhandlungen werden wohl erst im August beginnen. Dann soll es auch begleitende öffentliche Aktionen geben, etwa eine Podiumsdiskussion, auf der noch einmal deutlich gemacht werden soll, wie berechtigt die vereinbarten Verbesserungen für die Beschäftigten sind. Auch eine Demonstration vor dem Sitz der Pflegekasse AOK Nordost ist angedacht. Das wird konkreter, wenn klar wird, wie sich die Pflegekassen in den Verhandlungen positionieren.

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