Rechtsextremes Kampfsportturnier

Volkstreu auf die Fresse

In Sachsen fand zum zweiten Mal der »Kampf der freien Männer« statt. Die Kampfsportveranstaltung dient vor allem der Vernetzung der extrem rechten Szene, zeigte aber auch deren Zerstrittenheit.

Am 8. Juni fand zum zweiten Mal das neonazistische Kampfsportturnier mit dem Titel »Tiwaz – der Kampf der freien Männer« statt. Laut Selbstbeschreibung soll es sich um »eine Kampf­sportveranstaltung in Mitteldeutschland« handeln, die »von volkstreuen Deutschen verschiedener Couleur« ­organisiert wird. Hinter dieser etwas nebulösen Formulierung versteckt sich ein Bündnis aus Kadern der beiden neonazistischen Kleinparteien »Die Rechte« und »Der III. Weg«, in Kooperation mit einschlägig bekannten Hooligans. »Tiwaz« ist eine altnordische Rune, die dem Himmels- und Kriegsgott Tyr zugeordnet wird.

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Im Gegensatz zum Vorjahr luden die Organisatoren statt ins beschauliche Erzgebirge diesmal nach Zwickau in Westsachsen ein. Auf einem Paintball-Gelände, das als Ausweichort für eine am Tag zuvor gekündigte Veranstaltungsstätte diente, trafen sich fast 400 Neonazis aus ganz Deutschland sowie aus dem europäischen Ausland, um Kämpfen im Bereich Boxen, K-1 und MMA – bei den beiden letzteren Disziplinen handelt es sich jeweils um eine Mischung verschiedener Kampf­sportarten – beizuwohnen.

Hauptorganisator der Veranstaltung war wie im vergangenen Jahr Tim Kühn aus Chemnitz. Der umtriebige Kader bewegt sich nach Erkenntnissen der antifaschistischen Rechercheplattform »Exif« seit 2009 »im Umfeld der Nationalen Sozialisten Chemnitz (NSC) und war Teil der neonazistischen Fangruppierung New Society / NS-Boys beim Chemnitzer FC«. Als Führungsperson der lokalen Szene trat Kühn im Zusammenhang mit der Beerdigung des Chemnitzer Neonazis und Hooligans Thomas Haller im März 2019 in Erscheinung. Den Exif-Recherchen zufolge fungierte er damals als »Mittelsperson zwischen Familie und den Teilnehmenden des Trauermarsches«. Darüber ­hinaus in die Organisation des Events eingebunden war Exif zufolge der Fraktionsgeschäftsführer der extrem rechten Wählervereinigung »Pro Chemnitz«, Robert Andres.

Mit Eric Fröhlich, der schon im vergangenen Jahr als Mitglied des Teams von »Tiwaz« beim Kampf der Nibelungen (KdN) im östlich gelegenen sächsischen Grenzort Ostritz auftrat (Jungle World 45/2018), ist ein weiterer Chemnitzer Neonazi in die Organisation des Kampfsportturniers involviert. Der ehemalige Funktionär der verbotenen NSC gilt als wichtiger Organisator in der ostdeutschen Kameradschaftsszene. So pflegte er Kontakte zu den Unterstützern des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), André Eminger und Ralf Wohlleben.

Am gleichen Wochenende, an dem »Tiwaz« stattfand, prügelten zwei rechtsextreme Kampfsportler aus Sachsen einen Türsteher auf Mallorca ins Koma. Der Überfall ereignete sich am frühen Freitagabend in der Großdiscothek »Megapark« an der Playa de Palma. Bei den Tatverdächtigen handelt es sich um Robert F. und Johannes H. aus dem Raum Leipzig. Beide betreiben Kampfsport, H. ist laut »Inventati-Antifa in Leipzig« im »Bushido Sportcenter« (ehemals »Bushido Free Fight Team«) und F. beim »Imperium Fight Team« (IFT) aktiv. Die Trainer des IFT sind die stadtbekannten Neonazis Benjamin Brinsa und Christopher Henze. Einige IFT- Mitglieder stehen im Verdacht, Teil des Neonazimobs gewesen zu sein, der am 11. Januar 2016 im alternativen Leipziger Stadtteil Connewitz Wohnungen und Geschäfte angriff.

Wie mehrere mallorquinische Medien übereinstimmend berichteten, schlugen und traten die jungen Männer wiederholt auf den Sicherheitsmann ein. Erst durch das Einschreiten von fünf weiteren Türstehern konnten die Angreifer von ihrem Opfer getrennt und fixiert werden. Bei dem angegriffenen Mann handelt es sich um einen 43jährigen Senegalesen. Nach der Attacke lag der Türsteher der Mallorca-Zeitung zufolge bewusstlos auf dem Boden und blutete aus einem Ohr. Schwere Folgeschäden, etwa eine Querschnitts­lähmung, können derzeit nicht ausgeschlossen werden.

Bei den Verdächtigen stellte die Polizei zwei Mundschutze sicher. Auf einem ihrer Mobiltelefone entdeckten Beamte zahlreiche Bilder von Hakenkreuzen und dem Ku-Klux-Klan. Die beiden Männer sollen Teil einer Reisegruppe von fast 70 extrem rechten Hooligans und Neonazis aus dem Umfeld des Fußballvereins 1. FC Lokomotive Leipzig gewesen sein, die auf der Mittelmeerinsel Urlaub machten.

Den Exif-Recherchen zufolge kamen große Teile des »Tiwaz«-Organisationsteams in Zwickau aus der rechtsextremen Hooligan-Szene. Während im ­Publikum viele Hooligans aus dem Umfeld des Fußballvereins Rot-Weiß Erfurt vertreten waren, stellten die Chemnitzer Hooligans die Infrastruktur. ­Hilfe bekamen sie dabei von Kameraden aus Dortmund. So betreute zum Beispiel Marina Liszczewski vor Ort den Stand der neonazistischen Ver­anstaltungsgruppe »Kampf der Nibelungen«.
Für die Cottbuser Hool- und Neonaziszene traten Stefan Baer, Lucien Schönbach, Patrick Orbanz und Marcel Ruckert in den Ring. Als Erkennungs­zeichen trugen sie einheitliche ­T-Shirts mit dem Schriftzug »Preußens Gloria«. Das Merchandising der Marke »Black Legion Wear« aus der Lausitz verkaufte Rocco Wieczorek. Als einziger Lokalmatador aus Zwickau wurde Steffen Reit­berger gesichtet. Er gilt als einer der führenden Köpfe der extrem rechten Fanvereinigung A-Block des Drittligisten FSV Zwickau. Das Familientreffen deutscher Neonazis komplettierte der »Nordic Fightclub« aus Bremen. Aus Tostedt bei Hamburg reiste der Kameradschaftler André Bostelmann an. Als Trainer brachte er Dennis Dollberg mit, der der der extrem rechten Hooligangruppe Nordsturm Brema (NSHB) angehörte und heutzutage laut Exif für den Verbund »Hooligans Bremen/Essen« an sogenannten Ackerkämpfen der Szene teilnimmt.

Die Anreise nach Sachsen nahmen ansonsten nur wenige Kameraden aus Westdeutschland auf sich. Auch aus dem Ausland waren nur wenige Besucher gekommen. Die Tatsache, dass weniger Zuschauer als von den Veranstaltern geplant zur zweiten Aus­gabe des Kampfsportevents nach Zwickau kamen, dürfte eher weniger auf die weite Anreise als auf den internen Machtkampf zwischen Kameradschaften, neonazistischen Kleinparteien und den Überresten der NPD und ihren Vorfeldorganisationen zurückzuführen sein. Die für das vom stellvertretenden Vorsitzenden der NPD, Thorsten Heise, organisierte Festival »Schild und Schwert« in Ostritz angekündigte Kampfsportveranstaltung wurde ­wegen geringer Teilnehmerzahlen abgesagt. Ein anderer Grund dürfte darin liegen, dass allein 70 potentielle Kämpfer und Zuschauer zur gleichen Zeit auf Mallorca Urlaub machten.

Einer der bekanntesten rechtsextremen Kampfsportler, Benjamin Brinsa, ist mittlerweile in den Stadtrat von Wurzen eingezogen. 359 Stimmen bekam der nach Selbstbeschreibung »Professional Mixed Martial Arts Fighter« und darf nun das »Neue Forum für Wurzen« als Kommunalpolitiker vertreten. »Trotz linker Hetze haben mich viele Bürger der Stadt in den Stadtrat gewählt«, schrieb Brinsa in den sozialen Medien und schloss mit einem Glückwunsch an die »AfD-Kandidaten, mit denen wir zusammen eine ordent­liche Anzahl an Personen im Stadtrat sitzen haben«.

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