Sergio Maldonado aus Argentinien über das ungeklärte »Verschwinden« seines Bruders Santiago

»Ich will die Wahrheit wissen«

Leander F. Badura im Gespräch mit Sergio Maldonado über das unaufgeklärte »Verschwinden« von dessen Bruder in Argentinien.
Interview Von

Herr Maldonado, vor bald zwei Jahren, am 1. August 2017, verschwand Ihr Bruder Santiago. Er befand sich in einem Mapuche-Dorf, das in einem Landkonflikt mit dem Konzern Benetton steht, als die Gendarmería Nacional die Siedlung der Mapuche »Pu Lof en Resistencia« in Cushamen, in der Provinz Chubut in Patagonien, stürmte. Dabei floh er in Richtung Río Chubut – und »verschwand«. Erst im Oktober 2017 tauchte seine Leiche auf. Wie steht es mittlerweile um den Fall?
Er wurde am 29. November 2018 in erster Instanz vom zuständigen Richter Guillermo Lleral abgeschlossen. Wir haben Berufung eingelegt, aber seither sind alle Fristen abgelaufen. Der Fall hätte innerhalb von zwei Wochen an die Appellationskammer in Comodoro ­Rivadavia übertragen werden müssen. Das ist nicht geschehen. Solange wir allerdings keine Antwort haben, machen wir weiter. Und falls es doch eine weitere Ermittlung gibt, bestehen wir auf dem, was wir seit Ende August 2017 fordern: Eine Gruppe unabhängiger Experten, soll eine unabhängige und ergebnisoffene Untersuchung sicherstellen.

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Warum? Machen die Behörden ihre Arbeit nicht?
Alles, was passiert ist, hat zu nichts geführt. Und es gibt viele Ungereimtheiten. Unter Verdacht steht die Gendarmería Nacional, die Ermittlungen übernahm die Policía Federal. Beide unterstehen dem Sicherheitsministerium unter Patricia Bullrich. Das kann nicht sein! Die Bedingungen für eine offene Ermittlung sind nicht gegeben, wenn derselbe Apparat ermittelt, der Santiago hat verschwinden lassen.

In Argentinien existiert keine un­abhängige Institution, die die Polizei effektiv kontrollieren könnte?
In der Tat. Was der Staat allerdings tut, ist auszuspionieren. Der Richter Guido Otranto, der vom 1. August bis zum 22. September 2017 für den Fall verantwortlich war, hat uns zum Beispiel nie empfangen. Aber er hat unsere Telefone ausspionieren lassen. Sie setzten mehr daran, uns auszuspionieren, als zu ermitteln, was mit Santiago passiert ist.

Wurde Otranto der Fall nicht entzogen, weil er befangen war?
Ja, danach bekam Lleral den Fall, der zunächst nichts unternahm. Nur die Leiche tauchte auf. Das ist schon eine der größten Ungereimtheiten. Der Ort, an dem sie gefunden wurde, war bereits dreimal untersucht worden. Zweimal exakt dieselbe Stelle, am 5. August und am 12. September. Nichts! Wir ­gehen außerdem davon aus, dass der Suchtrupp am 18. September nochmal knapp an dem Ort vorbeigekommen ist. Also sind es drei Suchaktionen, bei denen er nicht gefunden wurde. An diesem Ort war nichts.

Schließlich wurde Santiagos Leiche doch gefunden, am 17. Oktober 2017, 77 Tage nach seinem Verschwinden. Wie kam es dazu?
Lleral hat dann eine erneute Suchaktion angeordnet. Da ist die Leiche meines Bruders sieben bis acht Meter vom Ufer entfernt treibend aufgetaucht. An diesem Tag waren wir bei der Suche dabei, wir gingen über einen Kilometer flussaufwärts. Als wir gerade gehen wollten, sagte man uns, dass man etwas gefunden habe. Und da war er, vor aller Augen. An einem Ort, an dem schon mehrfach gesucht worden war. Als hätte man ihn da abgelegt.

Die Autopsie wurde unter großer Medienaufmerksamkeit von Experten in Buenos Aires vorgenommen. Dem Bericht zufolge wies Santiagos Körper keine Anzeichen von Gewalt auf.
Die Autopsie sagt, dass die Todesursache Ertrinken, begleitet von einer Unterkühlung, sei. Außerdem heißt es, dass er dauerhaft in Kontakt mit dem Wasser desselben Habitats gewesen sei. Klar, wenn eine Person vor Gummigeschossen flieht und in einen Fluss steigt – es war der 1. August, tiefer Winter in Patagonien, das Wasser war also kalt –, erleidet er eine Unterkühlung. Man braucht dann allerdings keine Gewalt, um so jemanden – 60 Kilogramm, nasse Klamotten – zu bewegen. Die Autopsie sagt übrigens auch nicht, ob er am 1. oder am 10. August oder am 1. September oder wann auch immer gestorben ist. Als wir nachfragten, welches Datum ungefähr der Todeszeitpunkt war, hatten sie keine Antwort.

Aber wenn der Körper so lange im Wasser gelegen hätte, wäre er in einem Verwesungszustand gewesen …
… der nicht dem entspricht, in dem er gefunden wurde. Der Körper war in gutem Zustand, die Fingerabdrücke waren intakt, keine Anzeichen für Gewalt. Aber die Autopsie sagt auch, dass er Anzeichen von starken Erfrierungen aufwies. Doch die Temperatur des Rio Chubut liegt zwischen drei und sechs Grad Celsius. Um diese Anzeichen aufzuweisen, müsste er beispielsweise in einem Kühlraum gewesen sein. Weitere Punkte, die Fragen aufwerfen, sind zum Beispiel Pollen auf der Kleidung, die, wenn er angeblich so lange im Wasser war, nicht mehr nachweisbar sein dürften. Wir haben für all das Anträge bei Gericht gestellt, sie wurden alle abgelehnt. Die Autopsie ist sehr oberflächlich.

Gibt es die Möglichkeit, eine neue Autopsie vorzunehmen?
Vielleicht irgendwann, ja. Aber erst einmal muss das, was schon vorhanden ist, genau untersucht werden. Die Fragen, die sich aus der vorliegenden Autopsie ergeben, müssen erst einmal beantwortet werden.

Mit den Informationen, die Sie haben: Was ist das Wahrscheinlichste, das an jenem 1. August passiert sein könnte?
Etwas Wahrscheinliches will ich nicht haben. Ich kann mich nicht von dem leiten lassen, was ich mir vorzustellen vermag. Was ich wissen will, ist die Wahrheit.

Und was wissen Sie?
Dass an jenem Tag 130 Gendarmen das Gelände ohne Gerichtsbeschluss stürmten und hinter acht bis zehn Personen her waren. Sie begründeten die ganze Aktion damit, dass sie ein Verbrechen unterbinden wollten – während in Wirklichkeit kein Verbrechen begangen wurde. Die Straße, die am Vortag blockiert worden war, war schon wieder freigegeben worden. Also betraten sie illegal privates Gelände, schießend. Dadurch provozierten sie, dass die Demonstranten in Richtung Fluss rannten. Wir gehen davon aus, dass Santiago sich ergeben hat und mitgenommen wurde.

Gibt es Leute, die gesehen haben, wie die Polizei ihn mitnahm?
Ja, das steht in Zeugenaussagen. Es fehlen sogar noch die Aussagen von zwei bis drei Zeugen, die vom Richter nicht vorgeladen wurden. Angeblich waren sie nicht auffindbar. Aber kurz nachdem der Fall in erster Instanz ­abgeschlossen worden war, wurden zwei dieser Zeugen in einem andern Fall festgenommen – und sofort wieder freigelassen.

In welchem Zustand ist die Solidaritätsbewegung für Santiago zurzeit?
Sagen wir, dass sie mehr Aufschwung hatte, als Santiago verschwunden war. Aber dafür, dass schon 23 Monate vergangen sind, ist der Fall immer noch recht präsent und bekannt. Es ist wichtig, dass er weiterverfolgt wird, damit es nicht bei der Straflosigkeit bleibt. Santiagos Fall ist auch deswegen so bekannt geworden, weil zum ersten Mal eine Einheit des Bundes in das Verschwinden einer Person verwickelt ist, und nicht eine lokale Polizeieinheit.

In welchem Kontext kam es zum Verschwinden Santiagos? In welchen Kampf war er involviert?
Santiago war immer in vielen Kämpfen dabei. Zum Beispiel gegen Monsanto, die großen Minenkonzerne, ein Atomkraftwerk. Er war in Chile bei den Fischern der Insel Chiloé. Mit den indigenen Völkern hatte er auch schon zu tun gehabt, im Norden Argentiniens mit den Guaraníes. Und hier in Chubut ging es um die Freilassung eines Lonko, eines Anführers der Mapuche. Dort fordern die Mapuche Land ein, das Benetton besitzt. Dem Unternehmen gehört etwa eine Million Hektar Land. Die Gendarmería hat einen Posten auf dem Land von Benetton. Sie arbeitet also wie eine private Sicherheitsfirma für das Unternehmen.

Santiago wurde zu einem Symbol. Wer war er?
Für mich war er mein Bruder. Er war es, der mich und meine Frau Andrea immer »kapitalistische Bourgeois« nannte. Ich suchte meinen Bruder, Andrea ihren Schwager. Wir suchten keinen Tätowierer, keinen Künstler, keinen Anarchisten, keinen Kunsthandwerker – was er für andere war. Wir suchten einen Menschen. Aber als wir nach seinem Verschwinden anfingen, etwas mutiger zu werden, verstanden wir Dinge, von denen er immer gesprochen hatte, auf die wir allerdings nie sonderlich geachtet hatten. Und als wir das erste Mal an einer Demonstration teilnahmen, am 11. August 2017, habe ich einen Text von ihm gelesen, auf der Plaza de Mayo (dem zentralen Platz in Buenos Aires, Anm. d. Red.). Darin beschreibt er, dass wir leben wie unter der Herrschaft eines »Großen Bruders«, mit all den Richtern, dem Justizapparat, der politischen Macht, der Korruption. All das, was ich da las, von ihm aufgeschrieben, bewahrhei­tete sich mit seinem Verschwinden. Als hätte er es vorweggenommen.


Sergio Maldonado ist der Bruder des unter bislang ungeklärten Umständen ums Leben gekommenen Santiago. Dessen »Verschwinden« am 1. August 2017 löste Massenproteste in Argentinien aus, unter anderem beteiligten sich am 1. August 2017 Zehntausende an einer Demonstration auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires. Im Interview äußert sich Sergio Maldonado über den Stand des Verfahrens in Sachen seines toten Bruders und die darin auftauchenden Ungereimtheiten.

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