Religiöser Extremismus

Im Dialog mit den Muslimbrüdern

Jüdische Organisationen arbeiten in Deutschland verstärkt mit Islamisten zusammen.

Vor drei Wochen, am 12. Juni, wäre Anne Frank 90 Jahre alt geworden. Zahlreiche Vereinigungen und Personen des öffentlichen Lebens erinner­ten in den sozialen Medien an die 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordete Jüdin. In den vielstimmigen Chor des virtuellen Gedenkens stimmten auch Organisationen und Vertreter aus dem Milieu der Muslimbruderschaft ein. ›Nie wieder!‹ bedeutet auch: Wehret den Anfängen«, schrieb zum Beispiel die Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG) auf ihrer Facebook-Seite, daneben ein Bild von Anne Frank  und der Hashtag #AnneFrank. Deutsche Behörden rechnen die DMG, die bis 2018 Islamische Gemeinschaft in Deutschland (IGD) hieß, der Muslimbruderschaft zu, die die Errichtung islamischer Gottesstaaten anstrebt.

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Seit einigen Jahren beobachten Experten nicht nur im deutschsprachigen Raum, dass Organisationen des politischen Islam den Kontakt zu jüdischen Organisationen suchen. Angebote einer engeren Zusammenarbeit stoßen dort auf großes Interesse. Die Einladung zu interreligiösen Veranstaltungen jeglicher Art nehmen nicht nur evangelische Kirchenvertreter gern an. Vertreter jüdischen Lebens in Deutsch­land weisen schon allein aus strategischen Erwägungen heraus selten eine aus­gestreckte Hand ab. Das begann spätestens mit dem öffentlichen Auftreten von Ignatz Bubis als Repräsentant der jüdischen Gemeinden gegen die Einschränkung des Asylrechts im Gefolge der Pogrome von Rostock-Lichtenhagen. Es folgte enger Dialog zunächst insbesondere türkischen liberalen Organisationen. Doch dabei blieb es nicht.

Den seit Jahrzehnten geführten ­Dialog nutzen die Muslimbrüder heutzutage für ihre Zwecke. Der Historiker und Islamexperte Heiko Heinisch sagte der Jungle World dazu: »Durch die Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen versuchen Islamisten, sich einerseits gegen den Vorwurf des Antisemitismus zu immunisieren.« Andererseits bemühten sich islamistische Gruppen seit Jahren, die Muslime als die »neuen Juden« darzustellen. Es werde suggeriert, dass Muslime in Deutschland ähnlich behandelt würden »wie die Juden in den dreißiger Jahren – und man wisse schließlich, wohin das geführt habe«, so Heinisch.

Ziele dieser Strategie seien die Anerkennung als schützens- und förderungswert und die Durchsetzung von Sonderrechten wie etwa mit Kopftuch an öffentlichen Schulen unterrichten zu dürfen, sagt Heinisch. Von der Zusammenarbeit und dem gemeinsamen Auftreten mit Vertretern jüdischer ­Organisationen erhofften sich die islamistischen Organisationen auch eine Stärkung ihrer Position. Hinzu komme »die weitverbreitete und letztlich antisemitische Ansicht, jüdische Organisationen hätten – auch, aber nicht nur aufgrund der deutschen und österreichischen Geschichte – mehr Gewicht in der öffentlichen Auseinandersetzung«, so Heinisch.

Als 2015 das »König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog« in Wien die Eröffnung des Muslim-Jewish Leadership Council (MJLC) bekanntgab, tauchte unter den als Gründungsmitglieder geführten Personen auch Ibrahim el-Zayat auf. Der islamistische Multifunktionär gilt als Schlüsselfigur im Organisationsgeflecht der europäischen Muslimbruderschaft.

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