Von Bienen und Schmetterlingen

Fury in the Slaughterhouse

Die Boxkolumne, Folge 2.

Das Aufeinandertreffen von Tyson Fury und Tom Schwarz hat im Juni nicht nur in der internationalen Boxwelt für große Verwunderung gesorgt. Der in Halle an der Saale geborene Schwarz ist international ein unbeschriebenes Blatt. Furys Familien­geschichte erinnert dagegen an eine britische Revolverkomödie, die Guy Ritchie in Szene gesetzt haben könnte. Der Boxer wuchs in einer Familie von gypsies beziehungsweise Irish Travellers auf. Sein Vater John kämpfte in den achtziger Jahren unter dem Kampfnamen »Gypsy« John Fury, einer seiner Cousins ist der frühere WBO-Weltmeister im Mittelgewicht, Andy Lee, ein anderer der britische Meister im Halbschwergewicht, Hosea Burton, und mit dem selbsternannten »King of the Gypsies«, Bartley Gorman, ist er zumindest entfernt verwandt. Den Namen Tyson gab ihm sein Vater wegen Mike Tyson.

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Schwarz hat solche familiären Verbindungen nicht zu bieten. Seine Rolle, die er bereitwillig übernahm, war es, im Kampf gegen Fury, ehemaliger Weltmeister der Verbände WBA, IBF, WBO und IBO, im Interesse des Magdeburger Boxstalls-SES vor den Augen der Weltöffentlichkeit verprügelt zu werden. Zwar ist die Bilanz des Trägers des WBO-Interkontinentaltitels im Schwergewicht auf den ersten Blick beeindruckend. Aber es findet sich kein einziger Boxer von internationalem Format in seiner bisherigen Gegnerliste. Und so kam es, wie es kommen musste: Die beiden Kontrahenten lieferten ihre beste Leistung vor dem Kampf ab und zumindest beim obligatorischen Wiegen konnte Schwarz in Sachen Entertainment durchaus mithalten.

Die anderthalb Runden im Ring dagegen veranschaulichten wieder einmal, dass das korrumpierte System der internatio­nalen Boxverbände und die von ihnen geführten Weltranglisten, die solche Kämpfe überhaupt erst möglich machen, der Attraktivität des Sports immens schaden. Um den Kampf zu ermöglichen, war Schwarz unerklärlicherweise in der Rangliste des Boxverbands WBO auf Platz zwei gerutscht, Tyson Fury hatte hingegen an dritter Stelle gelegen. Unabhängige Experten hatten vorab mehr als nur einen Klassenunterschied zwischen den beiden Boxern bemerkt. Ein ehemaliger technischer Leiter eines bekannten deutschen Boxstalls hatte Schwarz als boxerisch »limitiert« bezeichnet und noch süffisant nachgeschoben, dass der Mann aus Halle »schon gegen Fallobst gewackelt« habe. Fury hingegen ist sozusagen eine leichtfüßige Gazelle im Körper eines Gorillas.

Beim Einmarsch in die MGM Grand Garden Arena von Las Vegas versuchte Schwarz, wenigstens optimistisch auszusehen und Selbstvertrauen auszustrahlen, doch selbst diese Schlacht konnte er nicht gewinnen. Der Brite feierte seine Premiere in Las Vegas nämlich innerhalb wie außerhalb des Rings mit einer unschlagbaren Leichtigkeit und derart selbstverständlich in Shorts mit Sternenbannermuster, dass selbst die zu Tausenden angereisten Briten ihm dies nicht übel nahmen.

Fury war beweglicher, seine Beinarbeit um Klassen besser und er diktierte mit seiner Führungshand das Geschehen, als befände er sich in einem Trainingskampf gegen einen Aufwärm­geg­ner. Teutonisch steif in der Hüfte und versteckt hinter seiner Doppeldeckung ließ Schwarz alles über sich ergehen. In der zweiten Runde pendelte Fury die wenigen Schläge seines Gegners lässig aus, der K.O. war schon abzusehen. »Seine Schläge fühlten sich an wie Beton«, sagte Schwarz den Tränen nahe nach dem Kampf. Das war eine Kapitulation von einem Schwergewichtsboxers, der sich bisher nur durch seine Schlaghärte hervor­getan hatte.

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