Von Bienen und Schmetterlingen - Die Boxkolumne, Folge 3

Kein Sturm im Ring

Der fünfmalige Boxweltmeister Felix Sturm sitzt im Knast.

»Das deutsche Boxen in Deutschland steht vor dem K.o.«, ­lautet das vernichtende Urteil des ehemaligen Hamburger Profiboxers Ismail Özen-Otto. Seiner Einschätzung nach fehlen höchstens noch zwei Sekunden bis zum endgültigen Knock-out. Doch – oh Wunder! – Rettung naht: Der von dem Schwiegersohn des Versandhaus-Milliardärs Michael Otto neu gegründete Boxstall Universum soll diese beinahe aussichtslose ­Aufgabe bewältigen. Die Zweifel der Experten an ­einer erfolgreichen Wiederbelebung eines der bekanntesten deutschen ­Boxunternehmen sind zwar groß. Die Hoffnung, endlich wieder mit der und gegen die Weltspitze boxen zu können, ist ­jedoch noch viel größer. Für diesen Traum blamierte sich erst kürzlich der Schwergewichtsboxer Tom Schwarz in Las Vegas, er brach sich dabei die Nase.

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Ein Grund für die Misere ist der derzeitige Aufenthaltsort von Felix Sturm. Der fünfmalige Weltmeister im Mittelgewicht und Supermittelgewicht sitzt im Gefängnis. Er steht unter dem Verdacht, bei einem Kampf vor drei Jahren gedopt gewesen zu sein, zudem ermitteln die Behörden gegen den 40jährigen wegen Steuerhinterziehung. Im April nahmen ihn Poli­zisten auf der Fitness-Messe FIBO fest. Der Versuch des Faustkämpfers, auf Kaution freizukommen, scheiterte. Die Kölner Staatsanwaltschaft sieht wegen seiner »mangelnden Bindung an Deutschland« Fluchtgefahr.

Erstaunlicherweise blieben antirassistische Proteste in diesem Fall völlig aus. Niemand solidarisierte sich mit dem in Deutschland geborenen Sportler, obwohl ihm aufgrund der Herkunft seiner Vorfahren von Amts wegen eine erhöhte Fluchtgefahr attestiert wurde. Die Eltern des Boxers stammen aus Bosnien und Herzegowina. Ihren Sohn nannten sie Adnan Ćatić. Doch wie bereits andere Boxer vor ihm wollte er von einem breiten Publikum als Deutscher wahrgenommen werden und benannte sich 2000 in Felix Sturm um.

Vor zehn Jahren trennte sich Sturm von Universum und machte sich selbständig. Dank des umstrittenen Titels als WBA-Superchampion und der Vermittlung des Vermarkters UFA Sports schloss die neu gegründete »Sturm Box-Pro­motion« einen gut dotierten Vertrag mit dem Fernsehsender Sat.1 ab. Der Staatsanwaltschaft zufolge sei jedoch ein Teil der Einnahmen in Millionenhöhe nicht direkt an das Unternehmen des Boxers gegangen, sondern unversteuert bei der ­Unternehmens- und Finanzberatung Hans Peter Moser in der Schweiz gelandet. Außerdem ist Sturm am Oberlandesgericht Köln angeklagt, bei seinem WM-Kampf im Februar 2016 gegen den Russen Fjodor Tschudinow mit Stanozolol gedopt ge­wesen zu sein. Das anabole Steroid fördert die Ausdauer und Schnellkraft. Beides ist essentiell im Boxsport.

Ismail Özen-Otto will »mit neuen deutschen Talenten ­wieder da hin, wie es in den neunziger und nuller Jahren war« – eine anspruchsvolle Vision. Gemeint ist die beste Zeit des Hamburger Boxstalls, zu dem neben den Klitschko-Brüdern, Dariusz Michalczewski und Ralf Rocchigiani einst auch Felix Sturm gehörte. Ob es dem Ex-Boxer mit dem Ché-Guevara-Tattoo auf dem rechten Oberarm gelingen wird, ist ungewiss. Sicher ist aber, dass ihm jemand, der gerade zu Unrecht im Gefängnis einsitzt, die Daumen drückt. Kaum bekannt ist nämlich, dass einer seiner größten Fans derzeit seine Tage in U-Haft verbringt. Nicht in Köln, sondern in Edirne. Weshalb es hier mit allem Nachdruck gefordert werden muss: Freiheit für Sela­hattin Demirtaş!

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