Der analoge Mann - Aus Kreuzberg und der Welt

Mein Kreuzberger Radius

»Berlin ist ein Dorf«, sagen Leute, die hier nicht aufgewachsen sind. Berliner gelten als provinziell, weil sie sich nur in ihrem Kiez bewegen. Dabei findet urbanes Leben gerade in der Nachbarschaft statt.

»Hinter der Zossener Straße hört Andis Welt auf«, sagt meine Freundin immer. Sie hat nicht ganz unrecht. Meine Wege sind kurz. Alles, was ich brauche, liegt wenige hundert Meter von unserer Wohnung entfernt. Meine Freundin selbst fährt mit der U-Bahn zur Arbeit. Außerdem ist sie in Berlin geboren. Sie kennt die Stadt, wie ich sie nie kennen werde. Obwohl ich seit 22 Jahren hier wohne, habe ich viele Ecken Berlins nie gesehen. Sie interessieren mich auch nicht.

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Ich bin in der Innenstadt Hamburgs, nah an der Alster, groß geworden. In meinem Kindheitsradius lagen genaus zwei Stadtteile: Harvestehude und Eimsbüttel. St. Pauli, das an Eimsbüttel angrenzt, habe ich erst als Erwachsener kennengelernt. Natürlich kannte ich den Hafen und die Landungsbrücken, mein Vater war schließlich Kapitän eines Containerschiffs, und auch den Hamburger Dom, den Jahrmarkt auf dem Heiligengeistfeld, besuchten wir regelmäßig. Besuche in anderen Stadtteilen waren jedoch Ausnahmen. Meine Welt war die unmittelbare Nachbarschaft. Als Kind in den siebziger Jahren wurde man nach dem Mittagessen und den Schularbeiten auf die Straße entlassen. Dann stromerten wir mit anderen Kindern umher, gingen auf den Spielplatz oder erkundeten die Hinterhöfe. Ich kannte als Kind jede Ecke unseres Viertels. Und die Nachbarn kannten mich. Mein Großvater betrieb in unserer Straße eine Schlachterei, die sich neben dem Obst- und ­Gemüseladen, der Apotheke und einem Tante-­Emma-Laden befand.

Leute, die nicht in einer Großstadt aufgewachsen sind, meinen immer, sie müssten die ganze Stadt bewohnen. Sie sagen: »Berlin ist ein Dorf«, und meinen damit abfällig die Berliner, die sich nur in ihrem Kiez bewegen. Tatsächlich findet aber urbanes Leben in der Nachbarschaft statt. Tausende von Touristen und Besuchern strömen täglich durch die Innenstädte, und das Beste, was deren Bewohner tun können, ist, einander zu kennen und stehen zu bleiben.