Die preisgekrönte Reportage

Richard rockt

Warum sind die Wagner-Festspiele in Bayreuth noch immer so populär? Mit der Nazivergangenheit hat das natürlich alles gar nichts zu tun.
Kolumne Von

Was ist das Geheimnis der Bayreuther Festspiele? Warum sind sie, 140 Jahre nach ihrer Einführung durch den antisemitischen Blechbläser Richard »Jay« Wagner, immer noch so populär?

»Viele Menschen sprechen von orgiastischen Glücksgefühlen, vor allem dann, wenn die Musik endlich aufhört.«

Liegt es nur daran, dass sich dort ehemalige und aktuelle NS-Profiteure, Politiker und Konzernherren die Klinke in die Hand geben? Nur daran, dass man da ohne Angst vor Repressalien eine schwarze Drag-Künstlerin von der Bühne buhen kann, wenn sie das Volksempfinden gar zu sehr herausfordert? Nur ­daran, dass man da die Kulturstaatsministerin neben der Alt-Right-Prinzessin Thurn & Taxis posieren sehen kann, die Schläge für ein ­normales pädagogisches Mittel hält, sexuellen Missbrauch verharmlost und mit Stephen Bannon zusammenarbeitet? Es ist ein Rätsel.

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»Die Musik Wagners wirkt heute immer noch sehr befreiend«, so der Musikwissenschaftler Roland Gipsei von der Richard-Wagner-Universität Bayreuth. »Viele Menschen sprechen von orgiastischen Glücksgefühlen, vor allem dann, wenn die Musik endlich aufhört.« Mit der Nazivergangenheit der Festspiele habe das alles nichts zu tun: »Es geht um Neuronen im Gehirn, um Gene, um Quanten, die allesamt aktiviert werden von Wagners Musik. Nie zuvor hat jemand so gut komponieren können!«

Die Tatsache, dass selbst die Kanzlerin antanzt, wenn der x-te Aufguss des dumpfen Gefiedels durchs nordbayerische Nitschewo röhrt, ist für den Experten ein weiterer Hinweis auf die besondere Qualität der Musik: »Kanzlerinnen verfügen über ein spezielles Sinnesorgan im unteren Zwerchhirn, mit dem sie auch feinste Harmonieverästelungen selbst in kniffligsten Partituren wahrnehmen können. Das ist doch toll!«

Auch dieses Jahr gab es einige sozialkritische Inszenierungen, die aber von der alten und jungen rechten Brut im Publikum wie üblich klaglos ertragen wurde. »Es wird halt versucht, durch und durch faschis­tische Musik mit ein paar sozialdemokratischen Bühnenideen aufzubrezeln«, sagt ein Intendant, der anonym bleiben möchte. »Richtige ­Sozialkritik wäre natürlich, alle Leute im Zuschauerraum sofort festzunehmen.«

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