Platte - Cabaret Voltaire: 1974–1976

Selbstgemachter Dada

Manchmal kann man im Angesicht der nicht enden wollenden Techno-Euphorie das Gefühl bekommen, dass es elektronische Musik erst seit ein paar Jahren gibt. Dem ist selbstverständlich nicht so. Es waren die Rockbands der frühen Siebziger, die anfingen, mit Synthesizern zu experimentieren, allen voran Brian Eno, Multiinstrumentalist von Roxy Music. Und auch die Helden von Genesis P-Orridge, dem Gründer der Industrialband Throbbing Gristle, waren keineswegs Elektropioniere, sondern Brian Jones (der früh gestorbene Gitarrist der Rolling Stones) und Syd Barrett (der erste Sänger von Pink Floyd).

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Manche gingen in Hinblick auf ihre Helden sogar noch weiter zurück in der Zeit, wie die ebenfalls britische Industrialband Cabaret Voltaire. Diese benannte sich nach dem Club in Zürich, in dem im frühen 20. Jahrhundert der Dadaismus seinen Anfang genommen hatte. Dada war die Ablehnung nicht nur der zeitgenössischen Kunst, sondern auch der bürgerlichen Gesellschaft. Wegen seiner dilettantischen Manier, die dem Zufall sehr viel überließ, darf man den Dadaismus mit Fug und Recht als erste Punkbewegung bezeichnen.

Cabaret Voltaire würde wohl heute niemand kennen, wenn es nicht Punk gegeben hätte, denn in den frühen Siebzigern fristete die Band von Richard H. Kirk, Stephen Mallinder und Chris Watson ein Schatten­dasein; das änderte sich erst 1977. Was das Publikum davor dazu gebracht hatte, die Band bei Konzerten regelmäßig zu attackieren, kann man nun auf der Wiederveröffentlichung der Kassette »1974–1976« nachvollziehen. Die zehn auf dem Dachboden von Chris Watson aufgenommenen Stücke (oder besser Fragmente) brummen, klappern und scheppern nur so vor sich hin. Mit ihrem Do-it-yourself-Charme haftet selbst den elektronischen Tönen etwas Handgemachtes an. Auf die sehr poppigen Elektrostücke der Achtziger deutet hier noch nichts hin. Wie die Band sich zum heutigen Techno stellen wird, kann man bald hören: ­Richard H. Kirk ­arbeitet an einem neuen Album.

Cabaret Voltaire: 1974–1976 (Mute)

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