Sonnenbräune und Krankmeldungen

Homestory #38

Zurück aus Israel. Wir heulen und streiken.

Die Sonnenbräune vom Strand in Tel Aviv schmückt noch immer die Redakteurinnen und Redakteure Ihrer kleinen, aber feinen Lieblingszeitung. Sehnsuchtsvoll blickt die Kollegin aus dem Fenster. Draußen stürmt es und die ersten Tropfen fallen. 17 Grad Temperaturunterschied – es ist zum Heulen. Während einige noch mit Tee und Tubi versuchen, den Herbst zu verdrängen, haben andere schon längst die Segel gestrichen: Die Hälfte aller Ressorts ist wegen Krankheit unterbesetzt. Das Klima ist nicht zum Aushalten. Und deswegen werden die Kollegen, die noch gesund sind, auch dagegen streiken. Gegen das Klima. Im vorigen Jahr sind in Deutschland durch Arbeitskämpfe rund eine Million Arbeitstage ausgefallen. Da kommt es auf den kommenden Freitag auch nicht mehr an.

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Heutzutage, wo der Streik nichts Anrüchiges, Proletarisches oder Staatsfeindliches mehr hat, ist die Motivation auch viel höher. Wo die Arbeitsniederlegung eine bunte Party ist, mit schöner Musik und Kindern und ohne Konsequenzen für das prekäre Dasein, da streikt es sich doch fein. Und alle machen mit: die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die Evangelische Kirche, die Diakonie, der Allgemeine Deutsche Fahrradclub, Germanwatch, die Friedensbewegung »Omas gegen rechts«. Auch die Anarchosynikalisten von der FAU wollen mal richtig streiken. Schließlich heißt das Ding »Generalstreik« – wer könnte da schon wiederstehen?

Und die hübschen Namen, die man sich dazu ausdenken kann, machen die Freude über das politische Engagement dann perfekt: »Pädagogen for Future«, »Entrepreneurs for Future«, »Scientists for Future«, »Artists for Future«, »Assholes for Future«, da ist für jeden was dabei.
Zugegeben, wenn der Streiktag ein Samstag oder ein Sonntag gewesen wäre, hätte es noch besser gepasst. Aber man kann ja nicht alles haben. Für das Klima lohnt es sich, Opfer zu bringen, und die verplemperte Arbeitszeit kann ja am Wochenende einfach nachgeholt werden. Was sollen wir uns am Strand Hautkrebs holen, wenn wir uns auch im Berliner Herbst so prima amüsieren können. Es ist zum Heulen.