Buch - Im Land der gesprungenen Glocke

Im Keller des Vietcong

Vom Gründungsverbrechen des vietnamesischen Stalinismus handelt Ngô Văns »Im Land der gesprungenen Glocke«, der Bericht eines Davongekommenen: Văn (1913–2005) gehörte zu den Trotzkisten in Indochina, die in einem Zweifrontenkrieg gegen die französische Kolonialmacht und die moskautreue KP um Ho Chi Minh standen. Ho Chi Minh, der spätere Held der Neuen Linken, brandmarkte die Trotzkisten als »Agenten des Faschismus«, die von den Moskautreuen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs massakriert wurden. 1945 hofften die vietnamesischen Stalinisten auf nationale Unabhängigkeit. Mehr war nicht vorgesehen, ja strikt verboten: Als 30 000 Bergarbeiter im Norden eine Rätemacht bildeten, die die Stadtverwaltung übernahm, gleiche Löhne einführte und die Alphabetisierung vorantrieb, wurden sie von der KP genauso zermalmt wie die Bauern, die mit wilden Enteignungen des Großgrundbesitzes über das Programm der »national-demokratischen ­Revolution« hinausgingen. Was den Trotzkisten zum Verhängnis wurde, war ihr Anteil am Versuch, die antikoloniale Revolution in eine soziale zu überführen.

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Im Gedächtnis der westlichen Linken existieren diese Auseinandersetzungen praktisch nicht. Fixiert auf den späteren Krieg zwischen dem Vietcong und den USA, hat sie die Klassenverhältnisse in Vietnam ignoriert, um heute vor dem irritierenden Befund zu stehen, dass sich unter der Kommunistischen Partei ein knallharter Schwitzbudenkapitalismus etabliert hat. 

Văns Bericht schließt eine Lücke. Er floh 1948 nach Frankreich, wurde Fabrikarbeiter und ging als prole­tarischer Autodidakt vom Trotzkismus zu rätekommunistischen Positionen über. Sein Lebensbericht, international längst ein linksradikaler Klassiker, könnte eine »dekolonial« verblendete Linke verunsichern – so sie ihn denn zur Kenntnis nähme.

Ngô Văn: Im Land der gesprungenen Glocke. Die Leiden Indochinas in der Kolonialzeit. Aus dem Französischen von Daniel Fastner. Matthes & Seitz,
Berlin 2018, 256 Seiten, 26 Euro