Björn Höcke hat sich mal wieder als Führer empfohlen

Völkische Poesie

Björn Höcke hat sich in einem ZDF-Interview erneut als Führer empfohlen. Das ist sowohl eine innerparteiliche Kampfansage als auch Wahlwerbung.
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Emotionen zeigte der Thüringer Spitzenkandidat der AfD, Björn Höcke, als er am 15. September ein Interview mit dem ZDF abbrach. Für die Sendung »Berlin direkt« wurde er gefragt, warum er sich absichtsvoll im sprachlichen Repertoire des Nationalsozialismus bediene: deutsche Unbedingtheit, Schutthalden der Moderne, Volksverderber, Entartung, Lebensraum. Der AfD-Politiker antwortete, er verteidige die Freiheit, eine Sprache zu verwenden, die auch mal ins »Poetische« geht. Bevor im Gespräch eruiert werden konnte, ob »Mein Kampf« in die Sammlung deutscher Balladen gehört, meldete sich Günther Lachmann, der Pressesprecher der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag, aus dem Off: Es gehe nicht, Höcke durch solche Fragen zu emotionalisieren; das Ganze sei bitte noch einmal von vorne zu beginnen.

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Der ZDF-Journalist David Gebhard weigerte sich allerdings, das Gespräch zu wiederholen. Zum vorzeitigen Schluss drohte Höcke ihm »massive Konsequenzen« an, denn: »Vielleicht werde ich auch mal eine interessante persönliche, politische Person in diesem Lande. Könnte doch sein.«
So steht die Politik vor einer weiteren schwierigen Frage, auf die die Thüringer Wähler am 27. Oktober eine Antwort geben sollen. Höcke selbst hat sie in zwei Teilfragen aufgespalten, deren erste lautet, ob er eine persönlich interessante Person werden könne. Die Antwort steht im Alter von 47 Jahren noch nicht fest.

Die zweite Teilfrage – ob er eine politisch interessante Person werden könne – war wohl der Grund für die innere Erregung des Interviewten. Gebhard hielt Höcke ein weiteres Zitat vor: »Die Sehnsucht der Deutschen nach einer geschichtlichen Figur, welche einst die Wunden im Volk wieder heilt, die Zerrissenheit überwindet und die Dinge in Ordnung bringt, ist tief in unserer Seele verankert.« Eingeweihte wissen, wem es zukommen soll, diese fabelhafte germanische Sehnsucht dereinst zu stillen: Höcke. Für seine Rolle gibt es ein paar verlegene Umschreibungen, weil es sich in der AfD nicht gehört, Jörg Meuthen direkt zu brüskieren oder Alexander Gauland auf den Hundeschlips zu treten. Aber die Sache ist klar: Die Volksseele braucht einen Führer und der soll Höcke heißen.

Das war auch der Inhalt der Kampfansage, die Höcke im Juli auf dem jüngsten Kyffhäusertreffen der völkischen Parteiströmung »Flügel« an den Bundesvorstand der AfD richtete. Ein achtminütiges Intro vor seiner sogenannten Hauptrede präsentierte ihn mit bombastischer Musik und bunten Clips unter dem Leitmotiv »Der Osten steht auf«. Nach der Aufforderung der Moderatorin, sich zu donnerndem Applaus und zum Schwenken der Deutschland-Fahne zu erheben, folgte der Einmarsch des Führers zwischen begeisterten Anhängern der Generation Ü60. Dann durfte sich der Osten wieder setzen und einem »grandiosen« Vortrag lauschen.

Der Auftritt dürfte eher als Kasperletheater denn als Poesievorlesung in die Annalen eingehen. Über solche Unvollkommenheiten sehen Anhänger der deutschen Unbedingtheit souverän hinweg. Nazis brauchen einen Führer, das weiß nicht nur der Geschichtslehrer Höcke, sondern auch jedes AfD-Mitglied. Höcke ist als erster aus der Deckung getreten. Schafft er das? Könnte doch sein.