Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 56

Marx, Habeck und ich

Kolumne Von

Man gönnt sich ja sonst nichts. Das haben sich die Grünen in Trier wohl gedacht und sich deshalb eine anspruchsvolle Veranstaltung mit Tiefenwirkung und Weitblick geleistet: eine Lesung in einer Galerie mit dem letzten linken Kleingärtner. Der ließ sich am Donnerstag voriger Woche nicht lumpen und zeigte den Anwesenden Visionen einer besseren Welt, von der die Grünen längst nicht mehr träumen. Das Publikum bedachte jeden Kolumnentext mit lautem Beifall – denn drohte dieser auszubleiben, ließ der Kleingärtner kurz einen mahnenden Blick in die Zuhörerschaft schweifen und schon wurde wieder applaudiert. Es herrschte also eine ­Atmosphäre wie auf Parteitagen, bei denen die Parteigärtner am Rednerpult ihren Politsprech absondern und dafür vom Publikum artig beklatscht werden.

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Zwischendurch standen in Trier alle zu einer Schweigeminute für meine verstorbenen Hühner auf, die Opfer des Nachbarhunds respektive widerlicher Greifvögel geworden waren. So wuchs die Bindung des Publikums an den Kleingärtner und aus vielen kleinen bedeutungslosen Ichs wurde ein großes Wir. Das wollen die Grünen für ganz Deutschland: wir für Nachhaltigkeit, wir für Achtsamkeit, wir fürs Klima, wir für die Welt. Dieses Bedürfnis nach Gemeinschaftsduselei gilt es zu bedienen, um an die Futtertröge zu kommen. Warum nicht?  Schließlich ist unsereiner auch nur ein Mensch.

Die Trierer Grünen hatten sich, wie gesagt, nicht lumpen lassen und die Veranstaltung mit A1-Plakaten angekündigt. Da ist zwar noch Luft nach oben – A0 beispielsweise oder gleich großflächige Fassadenwerbung –, aber immerhin waren die Plakate so groß, dass sie die große Bedeutung des großen Kleingärtners unterstrichen. Auch an Geschenke hatten die Grünen gedacht: Wegen der Kolumne »Marx, Jesus und ich« (Jungle World 20/2018) zum 200jährigen Geburtstag von Karl Marx überreichten sie dem Kleingärtner eine rote Tasse mit dem Konterfei vom Chef. Es blieb unklar, ob die Tasse als belangloses Touristensouvenir von den Feierlichkeiten in Marx’ Geburtsstadt übriggeblieben war und die Grünen sich lediglich einer roten Altlast entledigen wollten. Beim zweiten Geschenk wurde es kompliziert: »Wer wagt, gewinnt. Die Politik und ich«, ein Buch von Robert Habeck. Mal abgesehen davon, dass im Titel das Wort »Kleingärtner« nicht auftaucht – was um alles in der Welt hat dieser Knabe schon geleistet, außer Vertreter einer Partei zu sein, die ständig neue Anläufe nimmt, um Deutschland zu reparieren? Irgendwann hat es sich ausrepariert. Das sagt einem jeder seriöse Autohändler und Heizungsbauer. Das mit dem Habeck ist alles nichts. Während unsereiner sich als Kleingärtner um die Ernährung der Menschheit kümmert, belässt er es beim Reden und macht seinesgleichen damit glücklich. Er lebt zwar im Norden, an der Küste, aber kann nicht einmal übers Wasser laufen. Wer glaubhaft Visionen verticken will, sollte sich schon die eine oder andere messianische Tugend aneignen.

Aber vielleicht wollten mir die Grünen mit Habecks Buch nur einen Wink mit dem Zaunpfahl geben: Der Kleingärtner soll sich bereit machen, für den Fall der Fälle, falls es mit dem Habeck nichts wird. Okay, das ist wie im Fußballtrainergeschäft: Der eine mimt den großen Zampano, die anderen halten sich im Hintergrund als Co-Zampano und lauern auf den Chefsessel. Einverstanden, sollen die Grünen rufen, wenn sie bereit sind, mir zu folgen. Vielleicht sollte der Kleingärtner mit dieser wohligen grünen Umarmung – eine Einladung zu einer Lesung, eine Marx-Tasse, ein Buch von Habeck – auf die Probe gestellt werden. Doch ich werde standhaft bleiben und den grünen Verlockungen nicht erliegen. Nach ihrer Deutschland-Party sehe ich sie am Ende des Abends alle wieder: Hungrig kommen sie zu mir. Die Preise für meine Lebensmittel gehen selbstverständlich abends dank der unsichtbaren Hand des Marktes deftig in die Höhe. So finde ich mein Auskommen.