Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Frenzel

Eine ausgezeichnete Antisemitin

Elisabeth Frenzel war Germanistin, Millionärin, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes – und hasste Juden. Eine deutsche Karriere.

Elisabeth Frenzel – wer ihren Namen kennt, hat wahrscheinlich ein literaturwissenschaftliches Studium absolviert. Außerhalb dieser Disziplin hat Frenzel wenig Aufmerksamkeit erfahren, und das, obwohl ihre Lebensgeschichte von 1915 bis 2014 durchaus skandalös ist. Gemeinsam mit ihrem Mann Herbert Frenzel verfasste sie die »Daten deutscher Dichtung« (1953), ein chronologisch geordnetes Literaturlexikon, das schnell zum Standardwerk wurde. Jahreszahlen zu Autorinnen und Autoren und ihren Werken, die sich heutzutage bequem im Internet nachsehen lassen, wurden von den Frenzels in damals einmaliger Präzisions- und Fleißarbeit zusammengetragen, die mit hohen Verkaufszahlen belohnt wurde.

Der größte Skandal ist, dass es nie einen großen Skandal gab.

Neben dem Lob für die Arbeit der Frenzels wurden sie aber auch immer wieder kritisiert, vor allem Elisabeth. Be­sonders viel Aufsehen erregte 2009 ein Artikel von Volker Weidermann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der am Kanon der Frenzels heftige Kritik übte. Während nationalsozialistische Autoren in die »Daten deutscher Dichtung« aufgenommen worden seien, hätten die Frenzels andere Autoren ausgespart, die heute fester Bestandteil des deutschsprachigen Kanons sind, darunter die jüdische Autorin Ilse Aichinger und der Antimilitarist Kurt Tucholsky. Man kann argumentieren, dass jeder Kanon Lücken enthalten muss, weil eine repräsentative Auswahl getroffen werden soll. Dass die Auswahlkriterien der Frenzels aber tendenziös sind, wird spätestens augenscheinlich, wenn man ihre Vergangenheit betrachtet.

»Vorbild moderner Wissenschaft«

Anzeige

Elisabeth Frenzel legte den Grundstein ihrer Laufbahn 1938 mit ihrer Dissertation »Die Gestalt des Juden auf der neueren deutschen Bühne«. Bereits in der Einleitung betont Frenzel, dass ihre Arbeit mit einer Deutung der gesamten deutschen Geschichte als antijüdisch einhergeht: »Es sollte gezeigt werden, daß die Stellung, die das neue Deutschland heute zur Judenfrage wie zum Theater einnimmt, nicht an die politische Tagesnotwendigkeit gebunden, sondern in Deutschland von Ursprung an vorhanden gewesen ist.« Einzig in der Aufklärung, durch Gotthold ­Ephraim Lessings Drama »Nathan der Weise«, erfahre diese Geschichte einen Bruch.

Bild:
Archiv 2. Juni

Frenzel sucht nach einer Entschuldigung für sein Werk »mit allen seinen Fehlern« und deutet es auf eine verquere Weise um, die Lessing zu einem Vordenker der Rassentheorie stilisierte. Die NS-Zeit und die Vernichtung der Juden bezeichnet Frenzel in ihrer Dissertation als das »Schicksal der Juden in Deutschland vor der historischen Gerechtigkeit«. Sie schließt ihre Untersuchung mit der Empfehlung ab, jüdische Figuren nur dann auf der Theaterbühne zu zeigen, wenn es historische Stoffe zwingend erfordern – in allen anderen Fällen könne man sie getrost streichen.