Lahme Literaten, Folge 22

Der Fall von Schirach

Ferdinand von Schirach hat bewiesen, dass auch ein popeliger Anwalt ohne großes Talent zum Starautor werden kann. Über den geschwätzigsten Lakoniker der deutschen Literatur.

Historische Kriminalfälle, mit Freude am Spektakulären aufbereitet, waren lange eine populäre literarische Form. Begründet hat sie der französische Jurist François Gayot de Pitaval, der zwischen 1734 und 1743 eine 20bändige Sammlung kurioser oder in Vergessenheit geratener Strafrechtsfälle herausgebracht hat. Rechtsgelehrte lasen den »Pitaval« ebenso gern wie Privatleute; die Sammlung fand viele Nachahmer, unter dem ­Titel »Der neue Pitaval« erschienen Fortsetzungen. Schillers Novelle »Der Verbrecher aus verlorener Ehre« und viele Novellen Kleists zehrten von dieser Tradition. Doch wie die Novelle, einst verdichtete Gestaltung einer Grenzüberschreitung, im 21. Jahrhundert nur als Hülle überlebt, so ist das Genre des Fallberichts epigonal geworden. Diesem Formzerfall verdankt Ferdinand von Schirach seine Karriere.

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Als der Enkel des NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach 2009 unter dem Titel »Verbrechen« eine Sammlung mit Kurzgeschichten über Fälle seiner Anwaltskanzlei veröffentlichte, landete er auf der Bestsellerliste des Spiegel. Was umsichtige Kollegen als Zeichen dafür gedeutet hätten, dass sie etwas falsch gemacht haben, empfand Schirach als Ermutigung. 2010 folgte mit »Schuld« ein weiterer Spiegel-Bestseller, 2011 mit dem Roman »Der Fall Collini« noch einer. Um die Redundanz seines Buchausstoßes nicht zu augenfällig werden zu lassen, erzählte Schirach in »Der Fall Collini« eine Geschichte mit politischem Unterton: die eines Unternehmers mit Nazivergangenheit.

Als 2012 das Bundesjustizministerium eine Kommission zur Aufarbeitung seiner NS-Geschichte einsetzte, berief sich Ministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zur Begründung auf Ferdinand von Schirach. Die Beförderung vom popeligen Anwalt zum staatsamtlichen Dichterrichter machte den letzten Resten literarischen Talents den Garaus, und Schirach wurde »einer der wenigen deutschen Schriftsteller, die international erfolgreich sind« (Wikipedia). Wie Bernhard Schlink, in dessen Werk sich ästhetische Phantasielosigkeit und juristische Ausbildung ähnlich passgenau ergänzen, schreibt Schirach auch Essays zur Zeitgeschichte und wird als Rechtsprechzampano durch die Medien gereicht. Mit der nimmermüden Plaudertasche Alexander Kluge unterhält er sich über Sokrates (»Die Herzlichkeit der Vernunft«, 2017), zwischendurch talkt er mit Michael Haneke über Depression (»Kaffee und Zigaretten«, 2019). In Verfilmungen von Schirachs Werken führt Doris Dörrie Regie und spielt Moritz Bleibtreu die Hauptrolle. Sein Theaterstück »Terror« wurde 2016 in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Fernsehen ausgestrahlt, mit Urteilsspruch der Zuschauer und Diskussion unter Leitung von Frank Plasberg.

Obwohl das alles mehr ist, als ein vernünftiger Mensch im Leben zu erreichen wünscht, schreibt Schirach weiter seine Erzählungen: »Nina war siebzehn. Sie saß vor dem Bahnhof Zoo, vor ihr ein Pappbecher mit ein paar Münzen. Es war kalt, der Schnee blieb schon liegen. Sie hatte sich das nicht so vorgestellt, aber es war besser als alles andere. Sie hatte ihre Mutter das letzte Mal vor zwei Monaten angerufen, ihr Stiefvater war ans Telefon gegangen. … Es war sofort wieder alles da gewesen, sein Geruch nach Schweiß und altem Mann, seine behaarten Hände. Sie hatte aufgelegt.« Nina wird dann Prostituierte, hat einen lieben, aber hilflosen Freund und tötet einen Freier im Affekt. Das Klischee muss nicht nur im ersten Absatz feststehen, es muss am Ende auch bestätigt werden: So was nennt die Welt »Juristen-Lakonie«.