Angel Olsens Album »All Mirrors«

Kryptische Selbstoffenbarung

Auf ihrem neuen Album »All Mirrors« mausert sich Angel Olsen vom Gitarren-Girl zur düsteren Synth-Queen.
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Das lange Haar ist hochtoupiert, der Pony perfekt gerade geschnitten. Mit ihrem wallenden weißen Kleid und den schwebenden Bewegungen ihrer Arme erinnert sie an Kate Bush, nur die Sopranstimme fehlt Angel Olsen. Wenn sie, begleitet von einem schillernden Synthesizer, die Zeilen »I’ve been watchin’ all of my past repeatin’/There’s no endin’, and when I stop pretendin’« haucht, könnte man meinen, es mit einer Neuauflage des Soundtracks von »Twin Peaks« zu tun zu haben.

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Das Video zu diesem Song, der wie ihr neues Album »All Mirrors« heißt und die erste Single-Auskopplung ist, wurde von der Filmemacherin Ashley Connor gedreht, mit der Olsen schon in der Vergangenheit arbeitete. Elegisch bewegt Olsen sich zur Musik und scheint geradezu zu schweben. Sie trifft auf ihre Geister und Dämonen, die ebenfalls von ihr dargestellt werden und ihr durch den dichten Nebel nacheinander erscheinen und ihre Selbstzweifel symbolisieren. Szenenwechsel: Plötzlich trägt sie ein schwarzes, enganliegendes Kleid und hat ein Rendezvous mit ihrer Doppelgängerin, deren Haar von einem Kopfschmuck gekrönt ist, wie man ihn von der indischen Gottheit Krishna kennt. Krishna, auch der Dunkle genannt, für Hindus die Inkarnation des Höchsten, erscheint so als ein Teil der Musikerin.

Drei Jahre, nachdem Olsen sich mit der Platte »My Woman« schon vom Indie-Folk entfernt hatte, geht sie im Synthie-Pop auf und hat sich gänzlich vom zugänglichen Lo-Fi mit Hang zur Romantik gelöst. Von überwältigenden Streicherarrangements ­begleitet, begibt sich Olsen auf ihrem vierten Album zu den dunkelsten Ecken ihres Inneren. Das Video, gefilmt mit einer Bolex-Kamera und einer einzigen Lichtquelle, stellt das Thema des Liedes visuell dar und verziert die dunkel-traumhafte Untergangsstimmung ihrer Stimme, die ohne weiteres der opulenten Klangmontage trotzt.

Olsen nahm das Album zunächst állein mit dem Produzenten Michael Harris auf und hielt die Songs so minimalistisch wie möglich. Für die ausgedehnte Bandversion arbeitete sie wieder – wie auf ihrem zweiten Album »Burn Your Fire for No Witness« – mit John Congleton zusammen. Das Ergebnis: ein imposant-fragiles Arrangement aus Synthesizern, Orchester und Olsens poetischen Texten, die mit lauter kryptischen Anspielungen auf sie selbst gespickt sind.

Beim ersten Hören ist das Album aufregend, doch wird die Unberechenbarkeit von Olsens Stimmungen mit der Zeit vor allem eins: anstrengend. Vom extravagant-fröhlichen »Summer«, dem eine Stimmung wie im Western zu Eigen ist, wechselt es zu dem im klagenden Tonfall vorgetragenen »Impasse«, das mit dissonantem Instrumentendonner aufwartet. Dann wird es wieder zerbrechlich-stark mit dem schlicht gesungenen »Too Easy«. So ganz zueinanderpassen wollen die elf Songs nicht. Immerhin mimt Olsen auf dieser Platte nicht das traurige gitarrenspielende Mädchen, ein Image, das zu lang an ihr klebte.

Angel Olsen: All Mirrors (Jagjaguwar)