Die preisgekrönte Reportage

Qualität hat ihren Preis

Nach drei Todesfällen steht die deutsche Wurst in der Kritik. Dabei wird ihre Herstellung streng kontrolliert, nur die besten ­Teile vom Tier wie Knochen, Borsten, Nasenschleim, Strychnin und Silikon dürfen verarbeitet werden.

Metzgermeister Jörn A. blickt kritisch auf das vor ihm liegende Fleischprodukt. Zahlreiche Messfühler hat er hineingesteckt, unter dem harten UV-Licht wirkt die »Grützwurst Spitzenqualität 1A« nicht mehr wie eine wohlschmeckende Leckerei, sondern wie ein aufgeblähtes Stück Kunstdarm voll mit Fleischabfällen. Nach Abschluss seiner Inspektion zückt der Fachmann seinen Stift und notiert auf dem Zettel am Klemmbrett: »Enden: zwei«.

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Die deutsche Wurst gehört zu den am strengsten kontrollierten Lebensmitteln der Welt. Nur die besten ­Teile vom Tier, wie etwa Knochen, Borsten, Nasenschleim, Strychnin und ­Silikon kommen in ein deutsches Wurst­erzeugnis. Die strengen Kontrollen sorgen dafür, dass das Kilo Wurst für einen Spitzenpreis von knapp 0,18 Euro an den Einzelhandel verkauft wird. »Mit deutscher Wurst können Sie Häuser bauen«, sagt Jörn A., »einfach weil sie billiger ist als die meisten Wandbaustoffe.«

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei – diese alte Metzgerweisheit bewahrheitet sich in diesen Tagen erneut. Nicht nur, dass ein Wursthersteller aus Hessen sein Ende bekannt geben musste, auch der deutsche Verbraucher war davon ­direkt betroffen. Metzger wie Jörn A. müssen sich daher fragen lassen, ob im deutschen Fleischerhandwerk mit seinen traditionsreichen Massenschlachtereien und ­geschundenen Billigarbeitskräften noch alles mit rechten Dingen zugeht. 

Jörn A. beantwortet diese Frage ohne Zögern mit Ja und beißt herzhaft in eine »Pfefferpeitsche nach Omas Art«. »Hm, köstlich.« Energisch kaut er auf der Wurst herum, bis die Farbe aus seinem Gesicht gewichen ist. »Vorkommnisse wie in Hessen sind die absolute Ausnahme. Ich meine, unter zehn Millionen tote Schweine mischt sich schon rein statistisch auch mal ein Mensch! Das kann man nie ganz verhindern.« Jörn A. beginnt zu torkeln, als er weiterspricht: »Alles andere hieße, die Menschen über Konsum und Produktion nachdenken zu lassen. Das führt dann zwangsläufig zu Vorstellungen von einer vernünftigen Ordnung der Gesellschaft, die jedenfalls mit den Prinzipien der Fleisch­erinnung nicht mehr vereinbar sind!« Qualität hat eben ihren Preis.