Homestory #43

Der Kalif bittet zu Tisch

Erst kommt das Fressen, dann die Moral - das gilt natürlich auch in der Redaktion Ihrer Lieblingszeitung.

Montagnachmittag, das Telefon klingelt: der Kalif lässt eine Einladung an unseren Inlandskollegen ins Hotel Adlon Kempinski übermitteln. Der nette Pressesprecher stellt unserem Redakteur nicht nur eine wichtige Rede des weltweiten Oberhaupts der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Aussicht, sondern auch ein gigantisches Buffet. Zumindest glaubt der Kollege fest daran, dass das Essen im Adlon gigantisch ausfallen wird, und überlegt, ob er am Empfang teilnehmen sollte. Über welche Schatten man nicht springt, wenn man die Formulierung »Für das leibliche Wohl ist gesorgt« liest, gerade mit einem schmalen Journalisteneinkommen.

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Die Feuilletonkollegin hat da allerdings bereits völlig andere Erfahrungen gemacht: Sie sei erwartungsvoll zu einem Presseempfang mit George Soros in das Nobelhotel in Berlin-Mitte gefahren. Es seien dort Canapés gereicht worden, die so winzig gewesen seien, dass man zehn Stück hintereinander essen musste, um einigermaßen satt zu werden. Gespart wurde auch bei der Pressevorstellung des Kinofilms »Sex and the City« an einem heißen Sommerabend. Zwar gab es vor der Premiere ein Glas Sekt, aber kein einziges Häppchen.

Die meisten Filmvorstellungen finden allerdings am frühen Morgen statt, Kaffee wird dort zwar gereicht, aber auf ein Frühstück darf man nicht hoffen. Dabei denkt und schreibt es sich mit vollem Magen viel besser, auch wenn das Sprichwort »Voller Bauch studiert nicht gern« etwas anderes behauptet.

Wenn es schon kein Buffet gibt, macht man eben selbst eines. Und so wird der Konferenztisch bei ihrer Lieblingszeitung regelmäßig zur Selbstbedienungstheke, gefüllt mit allerlei Köstlichkeiten, die von den Kolleginnen und Kollegen und manchmal auch von der Geschäftsführung mitgebracht werden. Zu schnell darf man aber nicht zugreifen, denn wenn man, wie letztens geschehen, auf einen noch tiefgefrorenen Windbeutel beißt, hat man erst einmal keine Lust mehr auf Nahrung. Die Windbeutel wurden übrigens mit den Worten mitgebracht, ihr Genuss solle die Moral in der Redaktion heben. Da bekommt das Brecht’sche Diktum »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral« eine völlig neue Bedeutung.