Homestory #48

It's a jungle out there

Unser Weg zur Arbeit kann manchmal abenteuerlich sein.

Die ganze Aufregung hatte eine scharfe Handgranate verursacht. »Die hat einer mit der Magnetangel aus dem Kanal gefischt«, sagte ein Polizist dem Redakteur der Jungle World, der vorige Woche auf dem Weg zur Arbeit auf einer Brücke über den Berliner Landwehrkanal auf eine ungewöhnliche Ansammlung stieß. Dort stand eine Gruppe Polizisten und ein militärisch wirkendes Fahrzeug der Polizeitaucher Berlin. Unterhalb der Brücke schwammen zwei Männer in Taucheranzügen durch das trübe, mit Laub bedeckte Gewässer. Etliche Schaulustige beobachteten das Ganze. Am Straßenrand entdeckte der aufmerksame Redakteur außerdem einen unauffälligen weißen Kleinbus mit der Aufschrift »Kampfmittelräumdienst«.

Anzeige

Sämtliche Berliner Gewässer seien voll mit Munition aus dem Zweiten Weltkrieg, sagte der Polizist auf Anfrage des Redakteurs. Die Handgranate sei aber »neuerer Machart«, eine jugoslawische, »wahrscheinlich aus den neunziger Jahren«, also der Zeit der Jugoslawienkriege. Ob es häufiger vorkomme, dass Leute in Berlin ihre Handgranaten in öffentlichen Gewässern entsorgen, wollte der Redakteur wissen. Der Polizist sah ihn daraufhin an, als habe er sagen wollen: »Wenn Sie wüssten, was wir jeden Tag tun, damit Sie ein schönes ruhiges Leben führen, fair gehandelten Biokaffee trinken, die Taz lesen, über Polizeibrutalität und racial profiling schimpfen können – sowas von gar keine Ahnung haben Sie!« Inzwischen halfen zwei Polizisten am Rand des Kanals ihren Kollegen in den Taucheranzügen dabei, wieder an Land zu klettern. Weitere Waffen hatten sie offenbar nicht gefunden.

So aufregend kann der Arbeitsweg zur Redaktion der Jungle World sein. Wie vor kurzem eine Umfrage ergab, kommen die meisten Redaktionsmitglieder mit dem Fahrrad oder nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel. Nur eine Kollegin gab an, sich jeden Morgen von ihrem »Chauffeur« mit dem Auto fahren zu lassen. Viel Aufregung erleben jene, die mit dem Fahrrad kommen. Eine Kollegin klagte, sie werde auf der Straße ständig aus den vorbeifahrenden Autos angebrüllt, sie solle »gefälligst den Radweg nutzen«. Weit weniger ereignisreich beschrieb ihren Arbeitsweg die Kollegin, die jeden Tag mit der U-Bahn aus Charlottenburg anreist. Sie nutze die Zeit zum Lesen, dabei bekomme sie »nichts mit«.
Es gibt aber auch zwei Kolleginnen, die regelmäßig morgens gemeinsam den ganzen Weg von der Wiener Straße bis in die Gneise­naustraße zu Fuß zurücklegen. Zu diesem Ritus gehört, dass sich die beiden erst beim Bäcker einen hochwertigen Kaffee in ihre To-Go-Becher gießen lassen. Den halbstündigen Fußweg nutzen sie dann, um sich intensiv miteinander auszutauschen. Über die Arbeit, behauptet die eine Kollegin, über die Liebe, die andere. Aufregend sei das jedenfalls jedes Mal aufs Neue.