»Die Anderen« bietet Theater für die Netflix-Generation

Dauerregen in Mitteleuropa

Ein abgelegenes Dorf, ein Mann auf der Flucht, ein düsteres Geheimnis: Es ist ein bewährtes dramatisches Rezept, dem die Regisseurin und Dramatikerin Anne-Cécile Vandalem in »Die Anderen«, ihrem Debüt an der Berliner Schaubühne, folgt. Zugegeben, man kennt es eher von Filmen statt von Bühnen – aber genau diese filmische Ästhetik ihrer Inszenierungen macht Vandalem zu einer der derzeit interessantesten Theatermacherinnen Europas.

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In ihren Bühnenkrimis bedient sich Vandalem wohlbekannter Motiven aus dem Kanon des Kinos, bastelt diese aber um – und setzt dabei politische Akzente. Das hat wohl das Interesse der Schaubühne geweckt, die Vandalem mit ihrem ersten Stück für das Haus beauftragte.

Die Schaubühne hatte die Belgierin bereits 2017 zu einem Gastspiel beim Find Festival für neue Dramatik an die Schaubühne eingeladen. Vandalem führte dort »Tristesses« auf, einen Politkrimi, der auf der gleichnamigen dänischen Insel spielt: Eine Frau hat sich dem Anschein nach erhängt, ihre Leiche wird eingewickelt in eine dänische Flagge gefunden. War es Selbstmord? Ihre Tochter ist Vorsitzende der rechtsextremen »Partei des völkischen Erwachens« und möchte den Vorfall vertuschen, da eine Wahl kurz bevorsteht.

Doch zwei junge Mädchen planen, die Politikerin zu töten. 2019 folgte eine Einladung für ihre Inszenierung »Arctique«, die 2025 auf einem leeren Kreuzfahrtschiff spielt, das nach Grönland abgeschleppt wird. In Europa herrscht Krieg und als Folge des Klimawandels ist das rohstoffreiche und inzwischen unabhängige Grönland aufgetaut. Die Ausbeutung der Natur durch internationale Konsortien und Großinvestoren lässt allerdings nicht lange auf sich warten. Ein mysteriöser Brief lockt sechs blinde Passagiere an Bord.

Rechtsentwicklung und Klimawandel – die beiden Themen kehren  in »Die Anderen« wieder. Auch diese Inszenierung ist politisch und twistlastig. 2023 in einem namenlosen Dorf in Mitteleuropa: Seit acht Monaten regnet es kontinuierlich, eine Folge des Klimawandels. Der Süden steht hingegen in Flammen, weshalb die Menschen in den sicheren Norden fliehen. Dabei ist Mitteleuropa nur ein unattraktiver Zwischenstopp auf dem Weg zu etwas Besserem geworden. Das namenlose Land, in dem das Stück spielt, war das letzte, das noch Flüchtlinge aufgenommen hat. Vor acht Monaten wurde das Asylgesetz allerdings verschärft und die Flüchtlingshilfe kriminalisiert.

Ein junger Mann auf der Flucht namens Ulysses (Bernardo Arias Porras) wird von Alda (Jule Böwe), einer betrunkenen Dorfbewohnerin, mit ihrem Auto überfahren. Alda gerät in Panik und nimmt den verwundeten Ulysses mit ins Hotel »Zum alten Kontinent«, das sie mit ihrem Mann René (Kay Bartholomäus Schulze) betreibt. Seit Jahren hält sich hier kein Gast mehr auf. Es dauert nicht lange, bis die Nachbarn Wind von dem Flüchtling bekommen.

Die reaktionären Dörfler wollen Ulysses nicht beherbergen, mal wegen des neuen Gesetzes, mal wegen der eigenen Feindseligkeit, werfen ihm Diebstahl und Vergewaltigung vor und bringen ihn schließlich um. Doch die Sozialarbeiterin Suzanne (Veronika Bachfischer), ebenfalls Migrantin, sucht Ulysses, nachdem sie eine mysteriöse SMS von seinem verlorenen Handy erhalten hat. Ihre Suche bleibt fruchtlos, bald wird sie selbst zum Opfer und lernt das grauenvolle Geheimnis des kinderlosen Dorfes kennen.

Diese Horrorhandlung spielt in einem für Vandalem typischen Bühnenbild, das von Karolien de Schepper und Christophe Engels kreiert wurde, die schon bei »Arctique« und »Tristesses« mitgearbeitet haben. Trotz der Handlung in der Zukunft scheint das vergessene Dorf in einer vergangenen Zeit steckengeblieben zu sein: Das Kernstück der hyperrealistischen, detailreichen Szenographie bildet eine rotierende Bühne mit dem altmodisch eingerichteten Hotel »Zum alten Kontinent«, dem Rathaus samt Therapieraum und der Wohnung einer Dorfbewohnerin.

Die Konstruktion ist ein dunkles, ­geheimnisvolles Labyrinth aus Hotelfluren und Wohnungsräumen, die von Kameras gefilmt und auf eine Leinwand über der Bühne projiziert werden. Das Ganze wirkt wie ein Filmset, doch das Kamerateam versteckt sich gut, ist kaum zu sehen – so verliert man sich in einer Bühnenphantasie.

Auf beiden Seiten der Bühne stehen große Kiefern, links das schon erwähnte Unfallauto, vom Schnürboden prasselt Regen leicht durch einen künstlichen Nebeldunst. Gelegentlich lauert eine Dorfbewohnerin mit Gesichtsbemalung und Tracht im Wald. Das alles schafft eine naturalistische Atmosphäre, die aber auch eine ominöse Qualität hat. Man fühlt sich an die Stimmung der Filme David Lynchs erinnert, nicht zuletzt wegen der spannungsvollen Musik, die teilweise an Lynchs Komponisten Angelo Badalamenti denken lässt. Zitate aus Filmen gibt es im Stück viele: Lars von Triers »Dog­ville« und »Antichrist«, »The Wicker Man« und diverse Filme von Claude Chabrol, um die prägnantesten zu erwähnen.

Zugleich ist Vandalems eigene Regiehandschrift sofort erkennbar, nicht zuletzt wegen ihres schwarzen Humors. Dass ein vermisster Junge nicht von irgendeinem charmanten großstädtischen Detektiv, sondern von einer ausländischen Sozialarbeiterin im letzten Praktikumsjahr gesucht wird, bringt ihren Humor auf den Punkt; ebenso wie die Idee, dass der Bürgermeister (Felix Römer), beseelt vom Whiskey, Therapiestunden mit den Dorfbewohnern in seinem Rathausbüro abhält, schließlich habe er ja zwei Semester Psychologie studiert.

Anne-Cécile Vandalem gelingt eine Inszenierung voller Twists und Spannung, die nie langweilt – Theater für die Netflix-Generation.

Es mutet auch komisch an, dass in einem Dorf mit so vielen fremdenfeindlichen Ansichten einzig der Bürgermeister mit seinem wienerischen Akzent sich sprachlich als Nichtdazugehöriger entlarvt, während der Flüchtling und die Sozialarbeiterin perfektes Hochdeutsch sprechen. Das wirft die Frage auf, wer diese »Anderen« eigentlich sein sollen.
Vandalem spielt mit dieser Ambiguität: Sie verortet eine europäischen Rechtsentwicklung in einem vergessenen namenlosen Dorf in der nahen Zukunft, wo keine Handymasten gebaut werden, wo der Müll nicht mehr abgeholt wird, wo Busse kaum fahren, wo der Tourismus schon längst ausbleibt.

Auch das rechte Ressentiment gegen die Medien kommt vor: Es wird von einem Journalisten erzählt, der das Dorf aufsuchte, um die Wahrheit über einen tragischen Vorfall dort ans Licht zu bringen, für den ein »Ausländer«, ein vermeintlich »Anderer«, mit seinem Leben zahlen musste. Als der Journalist zu dem Schluss kommt, dass die Dorfbewohner selbst dafür verantwortlich waren, töten sie auch ihn – »Lügenpresse auf die Fresse« eben.
So sind abgehängte Orte für Vandalem offenbar prädestinierte Orte für rechtes, völkisches Denken.

Das ist eine weitverbreitete These über den Rechtspopulismus, die jedoch Studien zufolge zumindest in Deutschland nur bedingt stimmt. Schließlich lässt sich der Wahler­folg der AfD nicht nur mit der Lage der Bewohner abgehängter, strukturschwacher Regionen erklären. Die zeitliche Verschiebung auf 2023 und der im Unklaren gelassene Ort der Handlung geben Vandalem allerdings Spielraum. Die zeitliche und räum­liche Distanz ermöglicht paradoxerweise eine Dramatisierung der Gegenwart, ohne sie spezifisch und genau zu analysieren.

Obwohl Politik im Stück sehr präsent ist, will Vandalem keine klare politische Botschaft verkünden. Vielmehr interessiert sie sich für die Macht der Fiktion, für die Emotionen von Menschen, für packende Geschichten, die einem helfen, der Realität zu entkommen. Sie bietet eine Parabel an, die einerseits unterhaltsam, andererseits politisch relevant ist. In einer Theaterszenerie, die von Postdramatik sowie von Inszenierungen klassischer literarischer Texte, die Gegenwartsbezüge herstellen, dominiert wird, hat Vandalem tatsächlich etwas Neues geschaffen: eine Inszenierung voller Twists und Spannung, die nie langweilt – Theater für die Netflix-Generation.
 

»Die Anderen« an der Berliner Schaubühne feierte am 30. November Premiere und ist wieder Ende Januar 2020 zu sehen.