Die jüngste Aktion des »Zentrums für politische Schönheit« ist geprägt von der deutschen Sehnsucht nach Entlastung von der Shoah

Nur die Toten interessieren

Das Zentrum für politische Schönheit instrumentalisiert mit seiner jüngsten Aktion die der Shoah zum Opfer gefallenen Juden für die Wiedergutwerdung der Deutschen.

Angeblich wollte das Zentrum für ­Politische Schönheit (ZPS) vergangene Woche sein Spiel mit der vermeintlichen Asche von Shoah-Opfern abbrechen. Nach zwei Tagen der Kritik verhüllte die Gruppe um Philipp Ruch »das Kernstück der Säule im Regierungsviertel«, schloss »die weiteren Gedenkorte« und bat um Entschuldigung. Erst zu diesem Zeitpunkt hatte das Zentrum ­offenbar bemerkt, dass es lebende Jüdinnen und Juden gibt, deren Meinung es vorab hätte einholen können. So hatte der Zentralrat der Juden die Aktion heftig kritisiert. »Sollte es sich tatsächlich um Asche von Shoah-Opfern handeln, dann wurde die Totenruhe gestört«, hieß es in einem Tweet des Zentralrats. Kurz darauf brach die selbsternannte »Sturmtruppe« für die Schönheit den Abbruch wieder ab: Das ZPS behauptete zwar, die Asche aus den Säulen entfernt zu haben, ließ ein »Sonderbetonkommando« die Säule in Berlin aber gleich darauf einbetonieren.

Mit ihrem neuesten Spektakel sind die Aktionskünstler nicht bloß über ein hehres Ziel hinausgeschossen, wie einige Kritiker ihnen noch zugestehen wollten. Der Historiker Götz Aly beispielsweise hatte in einem Interview mit dem MDR auf den bisherigen Umgang mit der Asche der Ermordeten hingewiesen: »Wo sich die sterblichen Überreste der Ermordeten aus den Lagern befinden, weiß man nicht. Da wird auch der Boden nicht gekennzeichnet.« Das sei eine Art von Verdrängung, so Aly.

Doch Selbstgefälligkeit und die Verweigerung jedes Gesprächs mit Betroffenen prägen die Kunst des ZPS seit Jahren genauso wie die Obsession für den Tod und die Shoah. Aufschluss über das dahinterstehende Denken geben Ruchs 2015 erschienenes Manifest »Wenn nicht wir, wer dann?« (Jungle World 2/2016) und die kürzlich veröffentlichte »Anleitung für kompromisslose Demokraten« mit dem Titel »Schluss mit der Geduld«.

In dem Buch von 2015 entwirft Ruch das Bild einer Gesellschaft ohne wahre Schönheit und breitet seine Sehnsucht nach Werten aus, für die es sich zu ­leben und zu sterben lohne. Die Rettung der Welt bedürfe der edlen, mitreißenden Befreiungstat. Ruch macht Sigmund Freud als einen der Schuldigen für den angeblichen Werteverfall aus und greift die tradierte antisemitische Agitation gegen die Psychoanalyse auf. Man könne von Glück reden, dass die Mitglieder der Weißen Rose die psychoanalytischen Schriften nicht gekannt hätten, die den Menschen durch die Annahme der Existenz eines Unbewussten seiner Schönheit beraubten; zu ihrem heroischen Widerstand wären sie sonst nicht fähig gewesen, so Ruch.

Das ZPS setzte schon immer alles daran, möglichst viele Deutsche zu den herbeigesehnten Helden zu machen. Es bereite alles vor, hieß es 2014 in ­einem Video zu einer Busfahrt an die EU-Außengrenzen, das Publikum müsse nur noch einsteigen und mitmachen. »Schon 2015 richtete sich Ruchs Appell zur Tat in erster Linie an die Nachfahren deutscher Täter: ­»Ausgerechnet in dem Land, das den schlimmsten Völkermord aller Zeiten zu verantworten hat«, gebe es keinen Kampf gegen globale Menschenrechtsverletzungen, beklagte er – ganz so, als müsste die Shoah die Deutschen auf diesem Gebiet zu etwas ganz Besonderem befähigen.

Hinter dem Drang zur großen Tat steht die deutsche Sehnsucht nach der Entlastung von der Shoah. Mehrfach scheint in Ruchs neuestem Werk »Schluss mit der Geduld« diese bewährte Externalisierung auf, etwa wenn der Autor nicht müde wird zu betonen, dass Hitler kein Deutscher gewesen sei. An anderer Stelle phantasierte das ZPS in einer fiktiven »Chronik des 21. Jahrhunderts« zukünftige Völkermorde in Afrika und Asien herbei, die die Shoah in den Schatten stellen würden. Es verfolgt damit zweierlei Entlastungsstrategien: Zum einen spricht

Als geläuterte Deutsche gehen die Künstler des ZPS in den Widerstand und fordern alle auf, sich einzureihen.

die »Chronik« der Shoah ihre Singularität ab, zum anderen ermöglicht die permanente Beschwörung der Gefahr, die Shoah könne bald an Grausamkeit noch übertroffen werden, den Künstlern erst ihre Paraderolle: Als geläuterte Deutsche gehen sie in den Widerstand und fordern alle auf, sich einzureihen. Das Unbehagen an einer Aktion, der Einspruch, die Diskussion werden mit dieser Autorität vom Tisch gefegt. »Die Seenotrettung ist made in Germany«, verkündet Ruch in »Schluss mit der Geduld« stolz und stellt sich in die Tradition des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus: »Ein letzter Rest Unbeugsamer leistet Widerstand. Es gibt immer auch andere Deutsche.«

Die vom ZPS aufgeführte Inszenierung deutschen Gedenktheaters hatte mit echtem Trauern und Erinnern nichts zu tun. Schon die Wahl der Asche als Symbol des Gedenkens ist zweifelhaft. Gedacht worden wäre mit der Säule nicht etwa ermordeter Indivi­duen, sondern den Überresten derer, die schon vor ihrer Ermordung ihrer Menschlichkeit beraubt worden waren. Einer abstrakten Masse also, die die Täter aus ihren Opfern gemacht hatten. Die Behauptung, die Toten mit dieser Präsentation der »Lieblosigkeit« entrissen zu ­haben, zu der sich das ZPS auf Twitter verstieg, zeigte den Wahnwitz der Künstler, wenngleich der Tweet später gelöscht und auf einen angeblich ­unerfahrenen Mitarbeiter abgewälzt wurde.

An der Verletzung der Würde der Opfer und ihrer Angehörigen ändert auch das eintönige Spiel mit der Täuschung nichts. Als das Zentrum 2015 angeblich Leichen Geflüchteter durch die Hauptstadt tragen ließ, waren die Särge leer. Anlässlich ihrer jüngsten Veranstaltung sagten die Aktionskünstler, in den Säulen hätten sich keine menschlichen Überreste befunden. Ein ­Tabubruch wird aber nicht ungeschehen gemacht, weil Philipp Ruch wie Guido Cantz bei »Verstehen Sie Spaß?« hinter der Fassade seines Theaters hervorspringt und alles als prank enttarnt. Das zeugt nicht von einem Interesse des ZPS an den lebenden Juden, ebenso wenig wie für die lebenden Flüchtlinge, die 2015 ­beklagten, in die Konzeption des damaligen Schauspiels in keiner Weise einbezogen worden zu sein.

Von Interesse waren in beiden Fällen einzig die ­Toten, derer sich die »wiedergutgewordenen Deutschen« (Eike Geisel) annehmen konnten. Auch Spiegel Online fragte zunächst nicht etwa Juden nach ihrer Meinung zu den Säulen, sondern Lea Rosh, die Initiatorin des Denkmals für die ermordeten Juden Europas. Rosh zeigte sich »bewegt und angefasst« von der Aktion. Die Säule sei »tiefer, als unser Holocaustmahnmal es ist«. Die Bewertung überrascht nicht, schlug Rosh doch schon 2005 vor, Überreste der Ermordeten in Berlin zu verwerten und einen Backenzahn, den sie vom Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Belzec entwendet hatte, in eine Stele des Denkmals einzulassen.

Ist das Konzept des Gedenkorts seiner Funktion beraubt, können die Denkmäler beliebig für tagespolitische Zwecke instrumentalisiert werden: Die Aschesäule soll Unionspolitiker warnen; das Stelendenkmal, das in einer besseren Welt tatsächlich eines der Schande und nicht des Stolzes wäre, wird nachgebaut, um einen Bornhagener Neonazi zu ärgern. Das ZPS brachte es sogar fertig, ein Denkmal der En­tlastung für den heimischen Schreibtisch feilzubieten. Für 75 Euro waren transparente »Schwurwürfel«, in deren Kern ein Stück der Asche enthalten sein sollte, im »Weihnachtspaket« erhältlich. In die »ach so vorbildliche« deutsche Aufarbeitung, die das ZPS seiner eigenen Stellungnahme zufolge attackieren will, reiht es sich selbst ein.

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