Jill Lepores »Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika«

Die Wahrheit im Mund des Präsidenten

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Die US-amerikanische Historikerin Jill Lepore hat ein fulminantes ­Porträt der USA vorgelegt. Auf über 1 000 Seiten schildert sie anhand ­einer Vielzahl von Figuren die Geschichte der Vereinigten Staaten von den Anfängen bis zur Gegenwart. Es wimmelt in »Diese Wahrheiten« nur so von zwielichtigen Gestalten, Abenteurerinnen, Glücksjägern und Revolutionärinnen. Dass Lepore nicht nur Historikerin in Harvard ist, sondern auch für den New Yorker tätig ist, merkt man dem Buch glücklicherweise auf jeder Seite an.»Diese Wahrheit« ­liefert den Beweis, dass historische Genauigkeit und literarische Eleganz keinen Widerspruch darstellen.

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Indem sie Erfahrungen und Vorstellungen von weißen Siedlern, Ureinwohnerinnen und afrikanischen Sklaven nebeneinanderstellt, gelingt ihr eine Erzählung »jener Wahrheiten« (Thomas Jefferson), die die Nation über Jahrhunderte geprägt haben. Bei der Lektüre wähnt man sich mittendrin im Geschehen. Der Erzählung über die Gründerväter etwa stellt Lepore nicht nur die Geschichten ihrer Sklaven, sondern auch die Biographien der Ehefrauen und Schwestern der Staatsmänner zur Seite. So kommt nicht nur Benjamin Franklin zu Wort, sondern auch seine Schwester Janet, die in ihren Briefen scharfsinnig das politische Geschehen kommentiert.

Lepore lässt keinen Zweifel an der prägenden Bedeutung der Sklaverei für die US-amerikanische Nationalgeschichte. Die Gründerväter waren sich einig, dass das Recht auf Leben, Freiheit und Glück nicht für alle Menschen gleichermaßen gilt und nahmen die Sklaverei hin. So trug George Washington bei seiner Amtseinführung als erster Präsident der USA die Zähne seines Sklaven im Mund, mit denen er sein marodes Gebiss aufgefüllt hatte. Es sind nicht zuletzt solche bizarren Details, die das Buch ungemein spannend und lesenswert machen.


Jill Lepore: Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten S­taaten von Amerika. Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Roller. C.H. Beck, 1 120 Seiten, 39,95 Euro