Vertreter der »neuen Klassenpolitik« verwässern den Klassenbegriff

Klasse statt Kuscheln

Nicht jeder Kampf gegen Unterdrückung ist Klassenkampf. Die »neue Klassenpolitik« verwischt den analytischen Klassenbegriff, um ihn mit eigenen Zutaten ergänzen zu können.



Wie kann sich die Linke im neuen Jahrzehnt ­orientieren? Soll sie sich auf ­Sozialpolitik in den Parlamenten oder auf neue soziale Bewegungen mit Massenprotesten konzen­trieren? Johannes Simon kritisierte den populistischen Versuch der Sammlungs­bewegung  »Aufstehen«  ­(»Jungle World« 2/2020), Martin Brandt das Konzept der »neuen Klassenpolitik« (3/2020). Lothar Galow-Bergemann richtet den Blick (4/2020) zurück auf die konkrete Frage der Arbeitszeitverkürzung. Christoph Wimmer plädierte für die Selbstorganisierung im Klassenkampf (5/2020).Gaston Kirsche misstraut den Deutschen (6/2020), selbst wenn sie Arbeiter sind.

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Nicht nur die Arbeiterklasse hat eine lange Geschichte mit tiefgreifenden Umbrüchen hinter sich, sondern auch – und das hängt damit zusammen – der Klassenbegriff. An deren Anfang steht Karl Marx. Seine Klassenvorstellung vereint zwei höchst unterschiedliche Momente. Zum einen spielt der Begriff der Klasse eine Schlüsselrolle in seiner Emanzipationstheorie. Die Arbeiterklasse, so die vor allem in den Frühschriften formulierte Kernthese, sei berufen, das Kapitalverhältnis um­zustürzen und die Befreiung von allen Formen der Unterdrückung zu erkämpfen. Zum anderen ist der Klassenbegriff integraler Bestandteil seiner Kritik der politischen Ökonomie. Die drei Hauptklassen der bürgerlichen Gesellschaft, Kapitalisten, Grundrentner und Lohnarbeiter, firmieren dort als »Personifikationen ökonomischer Kategorien«. Zwischen diesen beiden ­Momenten besteht insofern ein Spannungsverhältnis, als der Emanzipationstheoretiker Marx die Arbeiterklasse als eine das Kapitalverhältnis transzendierende Macht fasste, während der Politökonom das Klasseninteresse als ein rein immanentes behandelte. Als Personifikation der Ware Arbeitskraft hat die Arbeiterklasse nur das Interesse, ihre Ware zu günstigen Konditionen zu veräußern, also einen hohen Lohn zu erzielen und die Arbeitszeit zu begrenzen.

Das Wort Klasse verkommt zu einem Label, das eine imaginierte Einheit aller Unterdrückten herstellt.

Marx verband diese auseinanderstrebenden Momente seines Klassenkonzepts mit der These, die Arbeiterklasse könne letztlich ihre Lage in der kapitalistischen Gesellschaft nicht verbessern. Ausgerechnet die Besitzer der Schlüsselware des kapitalistischen Systems, der mehrwertschöpfenden Arbeitskraft, blieben von dessen Segnungen systematisch ausgeschlossen und das mache sie zur Mensch gewordenen Negation der kapitalistischen Ordnung und zu Trägern der universellen Befreiung.

Angesichts des proletarischen Elends des 19. Jahrhunderts mag diese Sicht plausibel erschienen sein. Ironischerweise hat aber gerade die ursprünglich unter dem Banner des Marxismus angetretene Arbeiterbewegung genau das vermeintlich Unerreichbare erkämpft. Den Arbeitskraftverkäufern gelang es in harten, sich über viele Jahrzehnte hinziehenden Kämpfen, ihre Anerkennung als freie und gleichberechtigte Interessensubjekte durchzusetzen und sich ein Stückchen vom kapitalistischen Kuchen zu sichern. Damit hat sich das Klasseninteresse auf das reduziert, was es in der politökonomischen Perspektive immer schon war: ein banales Geldinteresse, das in keiner Weise über die kapitalistische Gesellschaft hinausweist. Marx’ emphatisches Klassenkonzept entpuppte sich dagegen als ein rein spekulatives, geschichtsphilosophisches Konstrukt.

Die Arbeiterbewegung hielt sehr lange an dem Gedanken fest, die Arbeiterklasse sei zur Überwindung der ­kapitalistischen Produktionsweise berufen. Die staatskapitalistischen Entwicklungsdiktaturen behaupteten sogar ernsthaft, das geleistet zu haben. Allerdings veränderte sich die Begründung für die besondere Mission der Klasse von Grund auf.

Hatte Marx in seinen Frühschriften die Lohnarbeiterexistenz noch als Höhepunkt aller »Entfremdung« betrachtet, so verwandelten sich bei seinen Erben Arbeit und Arbeiterdasein in den Urgrund ihres Klassenstolzes. Unter dem Motto »die Müßiggänger schiebt beiseite«, wie es in der »Internationale« heißt, wollte die Arbeiterbewegung just im Allerheiligsten der bürgerlichen Gesellschaft das Gegenprinzip zum Kapital erkennen. Diese positive, arbeitsreligiös begründete Klassenidentität des weißen Arbeiters hat nicht nur nichts mit »universeller Emanzipation« (Marx) zu tun, sie ist mit rassistischer und sexistischer Herrschaft voll kompatibel.

Nach dem Untergang des Realsozialismus spielte der Klassenbegriff in den linken Debatten lange Zeit kaum mehr eine Rolle. Inzwischen hat sich das geändert. Eine »neue Klassenpolitik« ist en vogue. Angesichts der skizzierten Vorgeschichte und der verschiedenen Bedeutungsschichten des Klassenbegriffs müssten die Vertreter dieser Strömung eigentlich darlegen, was genau sie mit Klasse meinen. Dummerweise überspringen sie genau diesen Schritt. Stattdessen setzen sie immer schon voraus, dass der Standpunkt der Emanzipation und der Klassenstandpunkt ein und dasselbe ­seien.

Der politökonomische Klassenbegriff, der das Klasseninteresse als immanent dechiffriert, und der empha­tische Klassenbegriff stehen jedoch im Widerspruch zueinander. Es gibt keinen Grund, den politökonomischen Klassenbegriff fallenzulassen, um die emphatische Klassenvorstellung aus der Mottenkiste zu holen.

Fatalerweise lösen die Anhänger der neuen Klassenpolitik den Widerspruch genau anders herum auf. Christopher Wimmer (Jungle World 5/2020) lobt die operaistische Strömung ausdrücklich dafür, den »Begriff der Klasse einer zur Ökonomiekritik erstarrten linken Theorie und Praxis entrissen und repolitisiert zu haben«. Die meisten Vertreter der »neuen Klassenpolitik« scheuen hingegen davor zurück, den politökonomischen Klassenbegriff ­offiziell in die Tonne zu treten. Sie beziehen sich gerne auf ihn, weil er ihrer emphatischen Anrufung der »Klasse« eine »materialistische« Grundlage verleiht. Allerdings entkleiden sie ihn ­damit de facto seiner Bedeutung.

Das beginnt damit, dass die Vertreter der »neuen Klassenpolitik« sämtlichen sozialen Kämpfen unserer Tage das Etikett »Klassenkampf« aufkleben. Das politökonomische Klassenkonzept unterscheidet die Klassen nach ihrer Stellung im Produktionsprozess. Wo sich heute Menschen gemeinsam gegen kapitalistische ­Zumutungen wehren, verbindet sie jedoch meist etwas anderes. Man denke etwa an die Kämpfe gegen steigende Mieten hierzulande oder gegen die Privatisierung der Wasserversorgung in vielen Ländern des Trikont. Wenn beides Klassenkämpfe sein sollen, dann hat offenbar das Kriterium gewechselt, das über Klassenzugehörigkeit entscheidet. Zur Klasse gehört nicht mehr, wer dem Zwang unterliegt, seine Arbeitskraft zu verkaufen, sondern wem der Zugang zu bestimmten Gebrauchgütern verstellt wird.

In den siebziger Jahren zeigten sich die Freunde des Klassenkampfs ignorant bezüglich sexistischer und rassistischer Herrschaft. Das kann man der »neuen Klassenpolitik« nicht vorwerfen. Der Kampf gegen diese und andere Herrschaftsformen ist für sie, zu Recht, integraler Bestandteil des emanzipativen Programms. Allerdings potenzieren sie das begriffliche Chaos, weil sie all diese gesellschaftlichen Konflikte unter den Begriff des Klassenkampfs subsumieren. Das Wort Klasse verkommt zu einem Label, das eine imaginierte Einheit aller Unterdrückten herstellt, und die zugrundeliegende Argumentation wird zirkulär. Da Gegenwehr gegen jede Form von Unterdrückung a priori als Klassenkampf firmiert, scheint jeder gesellschaftliche Konflikt die Existenz und ­Lebendigkeit der Klasse zu beweisen.

Die »neue Klassenpolitik« opfert den analytischen Klassenbegriff der Kritik der politischen Ökonomie, um ihren völlig aufgeblähten emphatischen Klassenbegriff zu retten. Dessen Ausgestaltung bleibt dagegen im Ungefähren. Da die arbeitsreligiös begründete Klassenidentität der alten Arbeiterbewegung nicht mehr in die Zeit passt, soll das Klasseninteresse wie einst bei Marx eher gegen das Lohnarbeiterdasein gerichtet sein. Allerdings wird dessen geschichtsphilosophisches Konstrukt nicht rehablitiert, während gleichzeitig der Klassenbegriff durch allerlei herrschaftskritische Anbauten äußerlich ergänzt wird. Das neue Klassenkonzept wirkt daher wie eine Zusammenstellung verschiedenster historischer Zitate, die nicht so recht zusammenpassen wollen.

In 40 Jahren Neoliberalismus hat der Vereinzelungsprozess eine neue Qualität gewonnen und die allseitige Konkurrenz hat die gesellschaftlichen Beziehungen durchdrungen. Gleichzeitig nehmen im Zuge des kapitalistischen Krisenprozesses die zentrifugalen Kräfte überhand, die diese Gesellschaft zerreißen, die soziale Polarisierung nimmt zu. Es drängt sich die Frage auf, wie angesichts dessen eine gesellschaftliche Resolidarisierung mit emanzipativer Zielsetzung aussehen könnte. Angesichts dieser Herausforderung wird die Beschwörung eines Klassenstandpunkts zur Ersatzhandlung. Das Wort Klasse stiftet eine ima­ginäre Einheit der emanzipativen Strömungen, wo es darum ginge, eine ­reale antikapitalistische Perspektive zu formulieren. Der Bezug auf die Kritik der politischen Ökonomie ist dafür unerlässlich. Jedoch nicht, um daraus ­einen positiven Klassenstandpunkt abzuleiten, sondern für die bestimmte Negation der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise, die die Grundlage für die Neuformierung einer vielfältigen gesellschaftlichen Emanzipa­tionsbewegung jenseits identitärer ­Fixierungen legt.