Small Talk mit Sebastian Müller über die Arbeit der »4-Stunden-Liga« in Berlin

»Frage nach dem guten Leben«

4 Stunden und die Kritik der Arbeit
Small Talk Von

Kürzlich wurde in Berlin ein Ableger der »4-Stunden-Liga« (4hour-league.org) gegründet. Sie fordert den Vierstundentag und steht für eine Kritik der Arbeit. Sebastian Müller von der Berliner Gruppe hat mit der Jungle World gesprochen.

Wie begründen Sie Ihre Forderung nach Einführung des Vierstundentags?

Wir fordern einen Vierstundenarbeitstag bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Dafür aufkommen soll das Kapital. Nach etwa 100 Jahren Achtstundenarbeitstag ist es unserer Meinung nach an der Zeit und unter den gegebenen gesellschaftlich-technologischen Bedingungen auch möglich, die Arbeitszeit drastisch zu reduzieren. Dieses Thema ist für uns ganz entscheidend an die Frage nach gesellschaftlicher Emanzipation gekoppelt, dennoch wurde es von der Linken bis auf wenige Ausnahmen meist nur randständig behandelt. Dabei berührt es aktuelle Debatten, wie die über Care-Arbeit, über den gesellschaftlichen Umgang mit Natur oder über die Angst vor Jobverlusten durch Digitalisierung der Arbeitswelt. Uns geht es darum, den Fokus mehr auf die Sphäre außerhalb der Lohnarbeit zu lenken. Nur noch vier Stunden zu arbeiten, heißt, mehr Zeit für Muße, für politische Teilhabe, für Care-Arbeit und Selbstverwirklichung zu haben.

Das ist eine radikale Forderung in Zeiten, in denen sogar der Achtstundentag angegriffen wird und wieder verlängert werden soll. Ist das ein realpolitischer Vorschlag oder eine utopische Intervention?

Wir finden das Thema spannend, da es eine Schnittstelle zwischen beiden Polen sein kann. Wir wollen uns an der bereits geführten ­realpolitischen Debatte mit einer radikalen Forderung beteiligen und damit zugleich die grundsätzliche Frage nach dem guten Leben fernab des Verwertungszwangs stellen. Darüber hinaus wollen wir deutlich machen, dass die gesellschaftlich gegebene Arbeitszeit nicht naturgegeben, sondern immer auch Resultat von gesellschaftlichen Prozessen und Kämpfen ist. Sie ist veränderbar – möglicherweise aber auch zum Schlechten. Unser Ziel ist es nicht, den Achtstundentag zu verteidigen, sondern eine emanzipatorische Perspektive der Arbeitszeitreduzierung aufzuzeigen.

Deutschland ist berühmt-berüchtigt für ein übersteigertes ­Arbeitsethos. Inwiefern verstehen Sie sich auch als Kritiker an der Tradition »deutscher Arbeit«?

Wir wollen mit unseren Forderungen auch das Arbeitsethos angreifen, das die Aufopferung in der Lohnarbeit in den Mittelpunkt des Lebens rückt. In Deutschland ist dieses Ethos traditionell völkisch aufgeladen. Auch heutzutage wird wieder verstärkt ein nationales Arbeitskollektiv beschworen, welches vermeintlich unproduktive »Nichtdeutsche« ausschließt. Wir setzen stattdessen auf eine universelle Emanzipa­tionsperspektive von globaler Arbeitszeitverkürzung und höchstmöglicher Automation.

Sie nennen als Vorbild die Kämpfe um den Achtstundentag. Sind auch Formen der Arbeitsverweigerung oder des Lobs der Nichtarbeit Vorbilder?

Vorbilder von Streikenden gibt es viele – es stellt sich dabei nur die Frage, ob deren Ziel auch tatsächlich die Verkürzung der Arbeitszeit war. Theoretisch orientieren wir uns bei unserer Forderung zum Teil an der »4 in 1«-Perspektive von Frigga Haug. Aber auch Paul Lafargue, Marx’ Schwiegersohn, hat mit seinem Manifest »Das Recht auf Faulheit« Inspiration geliefert. Die Bewertung der Arbeit vom Standpunkt einer erfüllten Nichtarbeit findet sich aber bereits in der Frühromantik.

In welchen Orten gibt es die »4-Stunden-Liga« mittlerweile?

Es gibt Ableger in Kassel, Frankfurt am Main und Berlin. In Hamburg und Leipzig entstehen gerade Gruppen. In Berlin versuchen wir derzeit, ein regionales Bündnis auf die Beine zu stellen, und hatten bereits ein erstes Bündnistreffen. Das nächste offene Bündnistreffen findet am 27. März statt.

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