Der afrikanische Kontinent in Zeiten der Pandemie

Jenseits der Pandemie

In den meisten Staaten des afrikanischen Kontinents wurden bislang nur wenige Fälle von Covid-19 registriert. Sollte sich die Krankheit ausbreiten, wären die Folgen wahrscheinlich fatal.

Auf dem afrikanischen Kontinent scheint die Covid-19-Pandemie noch nicht wirklich begonnen zu haben. Zwar waren nur fünf von 54 Staaten des Kontinents am Dienstag ohne behördlich bestätigte Covid-19-Fälle – Sierra Leone, Südsudan, Burundi, Malawi und Lesotho, also vom internationalen Verkehr relativ isolierte Länder –, doch in der Mehrzahl der afrikanischen Länder gab es zu diesem Zeitpunkt offiziell nur zweistelligen Zahlen von Infizierten. Allerdings wird auch kaum getestet.

Anzeige

Allgemein wird jedoch befürchtet, es könnte besonders fatale Konsequenzen haben, falls die Pandemie auf dem Kontinent in einem Ausmaß wie in Europa ausbricht – wegen des miserablen Zustands des Gesundheitswesens in den meisten afrikanischen Staaten und der Tatsache, dass in den städtischen Ballungsräumen viele Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Die französisch-kamerunische Schriftstellerin Odile Biyidi Awala behauptet, unter diesen Lebensumständen und ohne Impfschutz gelange in Kamerun ohnehin nur ins Erwachsenenalter, wer über ein robustes Immunsystem verfüge, weshalb das Coronavirus dort nur vergleichsweise geringe Schäden anrichten werde.

Viele Experten sind jedoch anderer Auffassung, sie bezweifeln, dass ein solcher Immunschutz besteht. Positiv bewerten sie – zumindest für die westafrikanischen Staaten, insbesondere Nigeria – die medizinischen Erfahrungen, die in den Jahren 2014 bis 2016 im Kampf gegen das Ebolavirus gesammelt wurden. Die Sterblichkeitsrate lag bei am Ebolafieber Erkrankten erheblich höher als bei Covid-19-Infizierten, die Ansteckungsrate war jedoch geringer.

Am von der Coronakrise stärksten betroffen waren zunächst jene Staaten in Afrika, die dem Massentourismus ­offenstehen. Bis Ende Februar wurde Covid-19 nur in Ägypten registriert, wo auch ein deutscher Tourist daran starb. Südafrika hatte am Dienstag 1 326  bestätigte Fälle, Ägypten 609. Es folgen die drei Länder des Maghreb: Algerien mit 584, Marokko mit 574 und Tunesien mit 362 bestätigten Infektionsfällen. Die Mittelmeer-Anrainerstaaten weisen, sei es durch in Europa lebende Familienmitglieder, sei es durch Tourismus wie in Marokko und Tunesien, eine hohe Zahl von An- und Abreisen auf. Erstaunlicherweise sind die ebenfalls touristisch erschlossenen Länder Kenia und Tansania mit 38 respektive 14 bestätigten Fällen bislang nur in geringem Ausmaß betroffen.

Überall auf dem Kontinent wurden Mobilitätseinschränkungen verhängt, in den meisten Ländern in Form von Einreiseverboten, Flughafenschließungen oder Quarantänebestimmungen für Ankömmlinge aus europäischen und asiatischen Staaten. Hinzu kommen mancherorts innerstaatliche oder auch innerstädtische Fortbewegungsbeschränkungen, allerdings nur selten allgemeine Ausgangsverbote wie in Kongo-Brazzaville – wo für Arbeitskräfte mit systemrelevanten Tätigkeiten eine Ausnahme gemacht wird.

Ausgangsbeschränkungen ziehen aber schwere soziale Probleme nach sich. Selbst dort, wo der Staat eine Art Kurzarbeitergeld ausbezahlt, kommt dies nur jenen Staatsbediensteten oder im Privatsektor Beschäftigten zugute, die Arbeitsverträge gemäß gesetzlichen Regelungen haben. Große Teile der ­Bevölkerung arbeiten jedoch, sei es im Maghreb oder im subsaharischen ­Afrika, im sogenannten informellen Sektor, ohne gesetzliche Regulierung oder Sozialversicherung.

Marokko – obwohl eines der Länder mit den größten sozialen Unterschieden und teils noch halbfeudalen Verhältnissen – schuf dafür eine halbwegs zufriedenstellende Lösung: Die Monarchie führte für die Dauer der Pandemie eine Art bedingungsloses Grundeinkommen ein. Haushalte können demnach zwischen 800 und 1 200 Dirham (umgerechnet etwa 70 bis 110 Euro) gesicherter Zahlungen beziehen, auch ohne Nachweis eines geregelten Einkommens zur Zeit vor dem Ausbruch der Pandemie. In Marokko herrscht eine Ausgangssperre, deren Einhaltung rigoros kontrolliert wird; in Casablanca und anderen Städten patrouilliert die Armee mit Panzern auf den Straßen und kontrolliert die Passierscheine derer, die im öffentlichen Raum angetroffen werden.

Andere Staaten verhängen eher Versammlungsverbote ab einer bestimmten Personenzahl – und machen damit oft genug auch Politik. Das westafrikanische Guinea etwa verbot ab der zweiten Märzwoche Ansammlungen mit mehr als 100 Menschen, seit Donnerstag voriger Woche mit mehr als 20. Dies hinderte die Regierung jedoch nicht daran, am vorvergangenen Sonntag die Bevölkerung in die kaum gegen Ansteckung gesicherten Wahlbüros zu rufen, um eine heftig umstrittene Verfassungsänderung (Jungle World 11/2020) durchzusetzen.

Offiziell stimmten ihr 91,6 Prozent der Teilnehmenden zu, eine kaum glaubwürdige Zahl, und Gewalttaten von Polizeikräften und regierungs­nahen Milizen am selben Tag in Nzérékoré forderten mutmaßlich 66 Todesopfer. In Guinea zählt die führende Gewerkschafterin Rabiatou Serah Diallo zu den Infizierten, die Anführerin des Generalstreiks von 2007 – die Repression kostete damals 137 Menschen das Leben. Im Nachbarland Mali ließ die Regierung am Sonntag wählen, trotz eines Aufrufs zur Vorsicht wegen erster Covid-19-Fälle. Die Wahlbeteiligung dürfte kaum 20 Prozent erreichen.