Die vielen Krankheitsmetaphern auf dem neuen Album von Bobby Conn

Lieber doch nicht zurück

Bobby Conn fordert auf seinem neuen Album Revolution statt Nostalgie.

Bobby Conns Songtexte sind oftmals explizit politische und dabei sarkastische Gesellschaftskommentare, sein siebtes Album »Recovery« ist da keine Ausnahme. Doch dass Songtiteln wie »Disaster«, »Good Old Days«, »Disposable Future« oder eben »Recovery« – Genesung – ein solches Maß an Aktualität zuwachsen würde, konnte er natürlich nicht erahnen. Die von Conn verfasste Presseinfo zur Veröffentlichung hebt allerdings bereits mit der tiefgründigen Frage an: »Hat es überhaupt einen Sinn, von Genesung zu sprechen, wenn wir noch nie wirklich gesund waren?«

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Und tatsächlich spielt Conn, der als Jeffrey Stafford in New York geboren wurde und seit seiner Jugend in Chicago lebt, damit nicht nur allgemein auf das unsolidarische, »kranke« Wirtschaftsmodell in den USA und auf Trumps reaktionäres Programm an, mit dem er das Land wieder stark und »gesund« machen will. Es geht ihm auch konkret um das desaströse Gesundheitssystem in den Vereinigten Staaten, das an den Krankheiten und Todesfällen in seinem Freundeskreis offenbar zumindest einen Anteil hatte. Conns neues Album ist dennoch alles andere als düster oder deprimierend, sondern aufbauend und tanzbar. Mit der rhetorischen Frage aus dem Presseinfo lässt er schon durchblicken, dass ihm oberflächliche Linderung von Symptomen nicht ausreicht. In »On the Nose« entzaubert und konterkariert er die oftmals hohle, gar verlogene Phrase von Freiheit, die insbesondere gerne aus der rechtskonservativen Ecke – nicht nur in den USA – hervorgebracht wird, indem er süffisant dagegenhält: »We don’t want freedom/we just want a revolution/right now.«

Conn ähnelt in mancherlei Hinsicht Ian Svenonius, dem ehemaligen Sänger von The Nation of Ulysses, eine der schillerndsten Figuren des aus der Hardcore-Punk-Szene entstandenen pop underground der Jahrtausendwende. Bekannt wurde Conn durch sein Album »The Golden Age«, das 2001 erschien. Wie bei Svenonius und seinen späteren Bands von The Make-Up bis zu Chain and The Gang lässt sich auch bei Bobby Conn die Energie und Ausstrahlung der Liveauftritte und dessen Band bisweilen nicht ganz auf die Tonträger transportieren. Die exaltierten Gesten und seine avantgardistische Art, die bei Konzerten das Publikum fesselt, erscheint beim im Studio aufgenommenen Song dann doch leicht überkandidelt. Trotzdem ist es ein großes Vergnügen, Bobby Conns erstes Studioalbum seit acht Jahren (nach »Macaroni« von 2012) zu hören. Stilistisch bewegt er sich weiterhin auf seine spielerische, idiosynkratische Weise zwischen Disco-Funk und glamourösem Achtziger-Rock.

Beim schon erwähnten »Good Old Days« verneigt sich Conn musikalisch vor dem von Phil Spector produzierten Girl Pop der sechziger Jahre und imitiert den typischen mehrstimmigen Backgroundgesang und den markanten Schlagzeugsound mit Tamburin und Halleffekten. Aber die heile Welt, die Conn in dieser guten, alten Zeit kurz beschwört, sie wirkt beklemmend und blass, gewissermaßen sogar grausam: Die Rollenbilder mit ihren Vorurteilen sind so zementiert, dass kein Ausbruch, kein Eigensinn möglich erscheint. Warum sollte man sich also nostalgisch in diese Zeit zurückwünschen? Stattdessen müsse man etwas Besseres schaffen als derlei gesellschaftliche Enge, wiederholt der Sänger immer wieder und fällt dabei in das für ihn charakteristische, aufgeregte Falsett, bis er zu dem Fazit kommt: »Don’t take me back to the good old days.« Lediglich die sich gegenseitig umspielenden Melodiebögen der Gesangsstimmen, der Gitarre sowie der Violine von Conns Partnerin Monica BouBou erinnern dann noch an eine – nur in musikalischer Hinsicht – gute alte Zeit.
Vor zwei Monaten erschien mit »Disaster« bereits die erste Singleauskopplung des Albums mit einem dazugehörigen Video von Todd Rittmann (auch bekannt als Gitarrist der Chicagoer Noiserock-Band U.S. Maple). In diesem Kammerspiel tritt Bobby Conn in einer Doppelrolle als Stricher und Kunde auf, deren verhaltene Annäherungsversuche in einem Hotelzimmer am Ende vor allem eins sind: trist. Das Lied thematisiert aus Sicht eines saturierten Vertreters einer »dem Untergang geweihten Elite, die den Status quo erhalten möchte«, eine hereinbrechende Rebellion. Der Ausgang bleibt ungewiss.

Bobby Conn: Recovery (Tapete Records)