Bolivien und Ecuador sind schlecht auf Sars-CoV-2 vorbereitet

Links liegengelassen

Kaum ein Land Lateinamerikas hat ein gut ausgestattetes Gesundheits­system. Ecuador und Bolivien hatten lange linke Regierungen, doch beide Länder sind schlecht auf die Coronaepidemie vorbereitet.

Der Journalist Humberto Pacosillo ist derzeit viel in El Alto unterwegs, um zu dokumentieren, wie die Notstandsmaßnahmen der bolivianischen Regierung angenommen werden. Die oberhalb von La Paz gelegene Stadt lebt vom Handel. Lange war sie wegen Armut und Kriminalität verschrien. ­Pacosillo lebt selbst in El Alto. »Anders als oft berichtet hat es hier keine Übergriffe von Straßenhändlern auf Polizisten gegeben. Selbst auf dem größte Markt haben die Händler gegen Mittag ihre Sachen eingepackt und sind gegangen. Die Leute sind diszipliniert. Sie haben begriffen, dass die Maßnahmen der Regierung in ihrem Interesse sind«, sagt der Journalist von Tele Estrella der Jungle World. In Bolivien gilt seit Donnerstag voriger Woche der gesundheitliche Notstand. Von 17 Uhr bis in die frühen Morgenstunden gilt eine Ausgangssperre.

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Auch die bolivianische Armee kann zur Durchsetzung der Maßnahmen eingesetzt werden. Die mangelnde Disziplin in vielen Regionen des Landes habe das nötig gemacht, sagte die Interimspräsidentin Jeanine Áñez. Bolivien ist denkbar schlecht vorbereitet auf eine Pandemie. »Das Gesundheitssystem wurde unter der Regie von Evo Morales (Präsident von 2006 bis 2019, Anm. d. Red.) links liegengelassen. Es gab kaum Investitionen sowie viel Kritik und Proteste der Gewerkschaften des Klinikpersonals über ihre Arbeitsbedingungen. Gebracht hat es wenig«, sagt der Soziologe Marco Gandarillas. Er lebt in La Paz und analysiert die ­soziale und die Menschenrechtslage in Bolivien. »Es fehlt an Schutzmaterialien, es gibt zu wenig gut ausgebildetes Personal und längst nicht alle Krankenhäuser haben Intensivbetten«, so Gandarillas. Das belegen auch die offiziellen Zahlen: Nicht mehr als 330 Intensivbetten hat die »Gesellschaft für Intensivtherapie« gezählt, 300 weitere sollen nach den Notstandsplänen der Regierung hinzukommen – bei einer Bevölkerung von mehr als 11,3 Millionen Menschen. In El Alto, mit 1,1 bis 1,3 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes, stehen nur acht Intensivbetten zur Verfügung. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens 100 Intensivbetten pro einer Million Einwohner.

»Es fehlt an Schutzmaterialien, es gibt zu wenig gut ausgebildetes Personal und längst nicht alle Krankenhäuser haben Intensivbettwen.« Marco Gandarillas, bolivianischer Soziologe

Der Tageszeitung Pagina 7 zufolge klagen Ärzte über einen Mangel an Handschuhen, Masken und sonstigen Sicherheitsmaterialien. Einige hätten sich selbst in die Quarantäne eingewiesen. Es soll auch erste infizierte Me­diziner geben. Am Freitag vergangener Woche waren 61 an Covid-19 Erkrankte registriert. Am Dienstag war die Zahl nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität, die ihre Daten über den weltweiten Verlauf der Pandemie ständig aktualisiert, auf 107 gestiegen. Sechs Menschen waren an der Lungenkrankheit gestorben.

Ganz anders sieht es zur gleichen Zeit in Ecuador aus. In Guayaquil, einer ökonomischen Drehscheibe an der Pazifikküste mit drei Millionen Einwohnern, herrschen bereits italienische Verhältnisse. Der Gewerkschaftskoordinator Jorge Acosta berichtet, Ärzte hätten bereits ohne Maske, Kittel und Handschuhe arbeiten müssen. Einige Mediziner hätten sich infiziert und seien gestorben. »Von an Covid-19 erkrankten Patienten, die im Gang liegen, habe ich von Bekannten gehört«, kritisiert Acosta, der in Guayaquil lebt. 1 595 positiv Getestete meldete Alexandra Ocles, die Ministerin für Katastrophenschutz, am Freitagmittag voriger Woche. Die Zahl der Toten stieg von 34 auf 36. Am Dienstag waren es bereits 1 966 Fälle und 62 Tote. Das Epizentrum der Pandemie liegt in der Provinz Guayas mit 1 397 Infizierten, wobei allein auf Guayaquil 978 Fälle entfallen. Von dort stammen auch fast alle der bislang 24 Ärzte, die sich infiziert haben. In der Hafenstadt fehlt es an Schutzkleidung, die Intensivbetten werden knapp. Der offiziellen Statistik zufolge stehen in Ecuador 1 183 Intensivbetten zur Verfügung – für 17,3 Millionen Einwohner.

»Wir sind schlecht vorbereitet, seit Jahren durch Korruption im Gesundheitssystem gebeutelt und verfolgen ­einen falschen gesundheitspolitischen Ansatz«, sagt der Gesundheitsexperte Juan Cuvi. Er ist Direktor der Nichtregierungsorganisation Donum und ­begrüßt, dass die Regierung die Kapazitäten erweitert. »Das können wir aber nicht wie in China in zehn Tagen realisieren – wir befinden uns im Wettlauf mit der Zeit«, so Cuvi. Oberstes Ziel ist es derzeit, zu verhindern, dass das Virus sich von Guayaquil aus in die Nachbarprovinzen verbreitet. Das Militär setzt eine Ausgangssperre durch, die vom frühen Nachmittag bis in die frühen Morgenstunden gilt. ­Ansonsten sorgen die Soldaten dafür, dass die Menschen Abstand halten – auch auf den Märkten.

Der Ökonom Alberto Acosta weist darauf hin, dass in Guayaquil sechzig bis siebzig Prozent der Menschen einer informellen Tätigkeit nachgehen. »Wer nicht arbeitet, isst nicht, so lautet die bittere Realität. Die Leute können kaum zu Hause bleiben, deshalb hat es in Quito und Guayaquil bereits Proteste gegeben«, sagt er. Acosta hat eine Petition unterzeichnet, die fordert, die Bedienung der Auslandsschulden Ecuadors auszusetzen. Das Geld soll in das Gesundheitssystem umgeleitet werden. »Zudem brauchen wir Lebensmittelprogramme für den Bevölkerungsteil, der von der Hand in den Mund lebt«, so Acosta. Er warnt vor dem Risiko, dass die Notmaßnahmen nicht eingehalten werden und das Virus sich verbreitet.

Das versucht auch die ultrakonservative bolivianische Regierung zu verhindern. »Am Donnerstag hat Präsidentin Jeanine Áñez angekündigt, dass für die Zeit der Quarantäne 1,6 Millionen Familien ein Nahrungsmittelpaket im Wert von 400 Bolivianos (rund 50 Euro, Anm. d. Red.) erhalten, zudem übernimmt der Staat die Hälfte der Wasser- und Stromrechnung«, berichtet Pacosillo. Das sei ein positives Signal, nur seien die Menschen in El Alto beunruhigt darüber, wann und wie das Geld ausgezahlt werde. Das Vertrauen in die Regierung sei nicht gerade groß. In El Alto wurde am Wochenende der erste Covid-19-Patient eingeliefert.