Obwohl nicht belegt ist, dass Chloroquin gegen Covid-19 hilft, ist der Wirkstoff nun sehr gefragt

Der Wettlauf ums Wundermittel

Obwohl bislang nicht belegt ist, dass Chloroquin bei Covid-19 hilft, hat der internationale Konkurrenzkampf um den Wirkstoff bereits begonnen.

Anfang März ging eine aufsehenerregende Nachricht durch die französische Presse: Möglicherweise sei ein Medikament gefunden, das gegen die von dem Virus Sars-CoV-2 ausgelöste Erkrankung Covid-19 helfe, hieß es. Der Infektiologe Didier Raoult habe an ­Covid-19 Erkrankte mit Chloroquin beziehungsweise dem fast strukturgleichen Hydroxychloroquin behandelt und Erfolge erzielt. Am 19. März berichtete auch die Taz von den Ergebnissen des Arztes, die »ernst genommen werden« müssten, schließlich sei der Wissenschaftler aus Marseille ein international renommierter Experte. Chloroquin dient in erster Linie als Medikament gegen bestimmte Erreger von Malaria, wird aber auch zur Behandlung rheumatischer Krankheiten eingesetzt.

Der deutsche Konzern Bayer kündigte an, die Produktion des Medikaments Resochin, wie der Handelsname von Chloroquin lautet, zu erhöhen.

Raoult, der die wachsende Besorgnis über die Verbreitung von Sars-CoV-2 noch Ende Januar als »verrückt« bezeichnet hat, wird in Frankreich mehr und mehr als Heilsbringer dargestellt. Die Todeszahlen steigen und die Franzosen müssen seit mittlerweile drei Wochen eine Ausgangssperre einhalten, um die Verbreitung des Virus aufzuhalten. Nun ist Raoult überzeugt, ein einfaches und wirksames Mittel gefunden zu haben. Er konnte bislang ­allerdings weder eine Verkürzung der Krankheitsdauer noch ein Absinken der Sterberate oder auch nur einen weniger schweren Verlauf der Infektion unter der von ihm propagierten Behandlung nachweisen; breit angelegte klinische Studien, die valide Ergebnisse bringen könnten, haben in mehreren europäischen Ländern begonnen beziehungsweise sind beantragt.

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Dennoch fordert Raoult, alle an Covid-19 erkrankten Patientinnen und Patienten mit Chloroquin zu behandeln. Seine mit großer Überzeugung vor­getragenen Behauptungen sollen vergessen lassen, dass seine Erkenntnisse nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert sind. Der französische Wissenschaftler stützt seine Behauptungen vor allem auf erfolgreiche Versuche im Reagenzglas, eine Studie mit 100 Patienten aus China sowie eine Beobachtungsstudie mit 80 Patienten, die er in Marseille vornahm. Die Ergebnisse letzterer sind bislang nicht in einer Fachzeitschrift erschienen. Raoult publizierte die Studie am 27. März auf der Website seines Instituts. In der Studie heißt es, 65 Patienten hätten »eine positive Entwicklung« erlebt. Wie die französische Tageszeitung Le Monde berichtete, kritisierten viele Wissenschaftler, dass es bei der Studie keine Kontrollgruppe gab, also keine Patienten daran teilnahmen, die nicht die untersuchte Behandlung erhielten. Deshalb lasse sich nicht feststellen, ob die Behandlung den Krankheitsverlauf verbessert hat.

Die unabhängige deutsche Fachzeitschrift Arznei-Telegramm kritisierte neben der geringen Zahl der Teilnehmenden auch die Qualität der Studie. Wesentliche Anforderungen seien nicht eingehalten worden. Selbst unter diesen relativ unwissenschaftlichen Bedingungen sei nicht der geringste Hinweis auf einen tatsächlichen Vorteil gefunden worden. Prescrire, eine französische Zeitschrift für kritische Pharmakologie, ergänzte, die bisher erhobenen Daten enthielten Hinweise auf eine Verschlechterung unter der Behandlung mit Chloroquin. Sie weist zudem auf die Nebenwirkungen des Medikaments hin. Neben harm­losen könne es auch zu ernsten Begleiterscheinungen kommen, etwa Leberversagen, Nervenschäden und Tod durch Herzrhythmusstörungen.

Angesichts der Popularität und der medialen Präsenz Raoults sowie der verbreiteten Angst, an Covid-19 zu erkranken, decken sich mehr und mehr Menschen mit Chloroquin ein oder üben Druck auf Ärztinnen und Ärzte aus, ihnen das Medikament zu verschreiben. Raoult warnte am 31. März allerdings vor einer Selbstmedikation. Apotheken beklagen bereits einen Mangel; Menschen, die sich gegen Malaria schützen müssen, seien genauso wie chronisch an Rheuma Erkrankte dringend auf das Mittel angewiesen und könnten bald nicht mehr ausreichend versorgt werden. An Malaria verstarben im Jahr 2018 nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 405 000 Menschen, die Infektionskrankheit ist überwiegend in armen Ländern verbreitet. Da Chloroquin nicht nur zur Therapie, sondern auch zur Chemoprophylaxe bei Ma­laria dient, wird in diesen Ländern auch aufgrund der steigenden Nachfrage ein Anstieg der Infektionsrate befürchtet. Das Ziel der WHO, bis 2030 die Zahl der Malariainfektionen um 90 Prozent zu senken, könnte in Gefahr geraten.

International entbrennt der Konkurrenzkampf um das Mittel. Trotz fehlender Belege für die Wirksamkeit bei ­Covid-19 werden nicht nur große Studien aufgelegt, sondern auch die Zulassungsbestimmungen gelockert und nationale Reserven aufgebaut. So hat die Arzneimittelbehörde in den USA Chloroquin zur Behandlung von Covid-19 zugelassen (siehe Seite 12). Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat den Ankauf großer Mengen in die Wege geleitet. Der deutsche Konzern Bayer kündigte an, die Produktion des Medikaments, das er unter dem Handelsnamen Resochin vertreibt, zu erhöhen. Öffentlichkeitswirksam spendete Bayer drei Millionen Tabletten an die US-amerikanische Gesundheitsbehörde. Der Konzern hofft damit wohl auch, die negativen Schlagzeilen zu verdrängen, in die er nach der Übernahme von Monsanto wegen der von Verwendern des Pestizids Glyphosat angestrengten Entschädigungsprozesse geraten war.

Die Angst vor Covid-19 erzeugt den allzu verständlichen Wunsch, ein wirksames Medikament zu finden, das schnellstmöglich vielen Menschen zur Verfügung steht. Da aber Chloroquin mit großer Wahrscheinlichkeit gegen die Krankheit keine nennenswerte Wirkung hat, ist zu befürchten, dass allgemeine Panik und individuelle sowie internationale Konkurrenz in Kombination mit der Profilierungssucht einzelner Wissenschaftler und dem Profitinteresse der Pharmaindustrie zu einer Katastrophe in der Katastrophe führen werden.