Konsumexzesse nach der Mehrwertsteuersenkung

Gönnt euch!

Der neue Mehrwertsteuersatz führt zu Shoppingexzessen.
Die preisgekrönte Reportage Von

»Volltanken, bitte!« Souverän steht Tamara Welk an der Takeaway-­Station des Moët & Chandon-Flagship Store am Berliner Kurfürstendamm. Mehrere Thermoskannen und Einmachgläser sind schon voll, nun sind die beiden schweren Benzin­kanister an der Reihe. Erschöpft ­blicken die Champagnerverkäuferinnen an der Theke auf die Schlange hinter Welk: fast 200 Kunden wollen hier heute noch ihren »Stoff« besorgen. Im Hektoliter billiger!

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Welk hat gut lachen: Im Rahmen des Corona-Konjunkturpaktes der Bundesregierung wurde auch der Steuersatz für Schaumwein gesenkt, um drei Prozentpunkte, von 19 auf 16 Prozent. Ein Preisvorteil, den Moët & Chandon natürlich direkt und ohne Abzüge an die Kunden weitergibt – und somit auch an die 42jährige Erzieherin Tamara Welk. »Noch nie war mein persönlicher Konsumklimaindex so hoch wie jetzt«, jubiliert Welk – und kauft auf www.kuperstiche24.de zur Feier des Tages ein paar Dürers. »Auf Kupferstiche gilt ja schon lange der ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent. Der ist jetzt aber auch noch mal gesenkt worden, auf fünf Prozent. Das bedeutet für mich: Jeder 50. Kupferstich ist gratis!«

Mit ihren fast 900 Euro Nettlohn kann sich die Sparfüchsin normalerweise keine großen Sprünge erlauben: »Da kam Corona als echter Glücks­fall!« Natürlich: Als Person, die täglich mit Menschen zu tun hat, ist man besonders gefährdet, ebenfalls an Covid-19 zu erkranken. »Aber wenn ich schon sterben muss, dann doch bitte mit großen Mengen zu­bereitetem Krebsfleisch im Kühlschrank – vorher sieben Prozent, nun fünf!«

Ob alle Firmen die Steuersenkung über die Preise weitergeben, ist längst noch nicht ausgemacht. HansWerner Unsinn, Chef des Ufo-Insituts für Wirtschaftshilfe in München, hält Pessimismus aber für nicht angezeigt: »Wichtig ist doch, dass ich am Ende des Monats mehr in der Tasche habe. Und glauben Sie mir, das habe ich! Viel mehr als Tamara Welk!« Der Wirtschaftsforscher hofft, dass es sich nicht nur um ein Strohfeuer handelt: »Solange die Leute noch Ersparnisse haben, sollen sie einkaufen! Für 2021 können wir dann immer noch schauen.« Es sind Botschaften wie diese, die einen die Pandemie mit neuer Sorglosigkeit sehen lassen.

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.