Der Pannenatomreaktor in Fessenheim wurde endgültig abgeschaltet

Atomausstieg am Oberrhein

Das von Pannen geplagte Atomkraftwerk im französischen Fessenheim wurde abgeschaltet. Der Betreiber EDF hofft auf längere Laufzeiten für die verbliebenen Reaktoren, die überholt werden sollen.

Am 29. Juni wurde der zweite Reaktor des Atomkraftwerks (AKW) Fessenheim abgeschaltet. Der erste war bereits am 22. Feb­ruar vom Netz gegangen. Damit ist das älteste AKW Frankreichs nach knapp 43jährigem Betrieb stillgelegt. Noch länger dauerte die Auseinandersetzung um das Kraftwerk, das bereits in der Planungs- und Errichtungsphase heftige Bürgerproteste provoziert hatte. Diese richteten sich in den siebziger Jahren grenzübergreifend gegen drei Nuklearanlagen am Oberrhein; damals sollten außer in Fessenheim auch in Wyhl am Kaiserstuhl und Kaiseraugst, einem östlichen Vorort von Basel, Atomkraftwerke entstehen. Die beiden letztgenannten Projekte konnten durch spektakuläre Besetzungen der Bauplätze verhindert werden.

In der EU laufen nach Angaben der Internationalen Atomenergieagentur 123 kommerzielle Atomreaktoren, deutlich mehr als in den USA – dort sind es 95.

Das markierte Anfang der siebziger Jahre den Beginn der westeuropäischen Anti-AKW-Bewegung, die in den zehn Jahren darauf vor die Bauzäune zahlreicher Atomanlagen zog und sich teils ­erbitterte Kämpfe mit der Polizei lieferte. Nur selten konnte sie Erfolge wie in Wyhl und Kaiseraugst erreichen, doch verhinderte die Bewegung Atomanlagen in Kalkar, Wackersdorf, im österreichischen Zwentendorf und letztlich auch in Malville im französischen Département Isère. In diesen Jahren wurde Europa jedoch zu dem Kontinent, auf dem die meisten zivilen Nuklearanlagen betrieben werden. Heutzutage liegt die EU nach Angaben der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) mit 123 kommerziellen Reaktoren deutlich vor den USA mit 95 Meilern. Zählt man die Schweiz, den europäischen Teil Russlands und die Ukraine dazu, dann kommt man sogar auf 175 Reaktoren.
Dieser wenig beachtete Umstand schmälert die Genugtuung und Erleichterung, die das Aus für Fessenheim nicht nur in der Region zwischen Straßburg, Freiburg und Basel ausgelöst hat. Jahrelang hielten die beiden alten Reaktoren mit ihren Störfällen und Unzulänglichkeiten die benachbarten Gemeinden in Atem. Ihre beeindruckende Serie von Skandalen begann damit, dass unmittelbar nach der Inbetriebnahme Risse an den Reaktordruckbehältern (RDB) festgestellt wurden. Nach nicht einmal 20 Jahren mussten deren Deckel ausgetauscht werden. Mit den gleichen Problemen ist die ­Nukleartechnik bei vielen Anlagen konfrontiert, möglicherweise bei allen.
Nicht allzu weit entfernt von Fessenheim wurden Ende 2019 zwei weitere Atomkraftwerke stillgelegt, das AKW Philippsburg zwischen Karlsruhe und Heidelberg und, überraschend, das AKW Mühleberg bei Bern. Trotz dieser deutlichen Reduzierung der Reaktorzahl sind die Umweltschützer des Dreiländerecks weit davon entfernt, Entwarnung für ihre Region zu geben. Drei Jahre bleiben die Brennelemente noch im Abklingbecken des AKW Fessenheim, schlecht geschützt vor Erdbeben, Überschwemmungen, Flugzeugabstürzen und Sabotage. Außerdem gibt es noch zwei schweizerische Anlagen am Oberrhein, das AKW Leibstadt, das mit 36 Jahren noch zu den neueren der Schweiz zählt, und das AKW Beznau, dessen zwei Reaktoren mit 51 beziehungsweise 48 Jahren Platz in einem Technikmuseum verdient hätten. Ein weiteres Atomkraftwerk beherbergt die Nordschweiz in Gösgen, etwa auf halbem Weg zwischen Basel und Luzern.
Gerade Beznau ist dazu angetan, das Vertrauen in rechtsstaatliche wie auch sicherheitstechnische Standards in Europa zu blamieren. Block 1 musste von 2015 bis 2018 vom Netz genommen werden, nachdem bei einer Wartung etwa 1 000 sogenannte Einschlüsse im Stahl des RDB festgestellt wurden – ähnlich wie bei den belgischen Reaktoren Doel-3 und Tihange-2, nur schlimmer. »Löchrig wie ein Schweizer Käse?«, fragte Die Welt angesichts des Befunds. Die Betreibergesellschaft Axpo ließ sich von internationalen Gutachtern bescheinigen, die Schwachstellen seien herstellungsbedingt und könnten toleriert werden, da sie ja schon seit 50 Jahren bestünden. »Vorsorglich« ließ Axpo aber doch die Deckel der RDB von beiden Blöcken erneuern, obwohl sie »vollkommen intakt« gewesen seien. Dazu habe man sich entschlossen, weil »im Ausland alterungsbedingte Unregelmäßigkeiten« an solchen Komponenten festgestellt wurden.
Wie die Verlautbarungen von Axpo einzuordnen sind, zeigt sich auch daran, dass der Zeitpunkt der Inbetriebnahme um ein Vierteljahr umdatiert wurde. Jetzt gilt Beznau-1 nicht mehr als der älteste Reaktor der Welt, sondern nur noch als der älteste Europas. 2018 genehmigte die Aufsichtsbehörde ENSI die unbefristete Wiederaufnahme des Betriebs, ein nicht nur unverantwortlicher, sondern wohl auch teurer Bescheid. Mit ihm wird Axpo Entschädigungsforderungen begründen, falls es sich die eidgenössische Politik einmal anders überlegen sollte.
Electricité de France (EDF) jedenfalls hat als Betreiber von Fessenheim eine Art Abwrackprämie von 434 Millionen Euro kassiert. Nach Ansicht der Ausstiegsinitiative »Sortir du nucléaire« dürften die Ausgleichszahlungen alles in allem noch viel höher ausfallen. Fachlich ist eine Entschädigung für das längst abgeschriebene Pannenkraftwerk kaum zu begründen. Es handelt sich um eine verschleierte Form der anhaltenden staatlichen Subventionierung, ohne die EDF nicht überleben kann.
Frankreich hat sich mit seiner Abhängigkeit von der Atomenergie selbst unter Druck gesetzt. Seine Nuklear-Lobby wollte mit dem Europäischen Druckwasserreaktor (EPR) ein Modell auf den Markt bringen, das sowohl die alten französischen Reaktoren ersetzen als auch Exporte in alle Welt ermöglichen sollte. Doch der Plan scheiterte an der Inbetriebnahme der beiden Pilotkraftwerke im finnischen Olkiluoto und im normannischen Flamanville. Diese Projekte haben jeden Finanzrahmen und jeden Terminplan gesprengt. Die 40 bis 50 EPR, die Frankreich bis 2050 verkaufen wollte, wird es nicht geben. Ob es die sechs EPR geben wird, die das EDF-Management fürs Inland vorgesehen hat und die ab 2025 im Abstand von jeweils zwei Jahren errichtet werden sollen, ist ungewiss.
In dieser Zwangslage versucht EDF, den nuklearen Altbestand von nunmehr 56 Reaktoren an 18 Standorten so zu überholen, dass die Atomaufsicht Laufzeiten von über 50 Jahren genehmigt. Der Finanzierungsbedarf für das grand carénage (großes Kielholen) genannte Projekt wird von EDF mit 55 Milliarden Euro beziffert. Realisten werden mit dem Doppelten rechnen. EDF ist derzeit schon mit 40 Milliarden Euro verschuldet.
Zur Lösung des Problems hofft Frankreichs Atomwirtschaft auf die Europäische Union. Deren Wieder­aufbauhilfen nach der Coronakrise kommen ihr gerade recht. Ein Teil der 750 Milliarden Euro, die die EU ausschütten will, wird unter dem Titel »Klimaschutz« sicherlich in die Energiewirtschaft fließen. Die nationalen Regierungen werden sich jedoch dagegen sträuben, dass man ihnen vorschreibt, wie sie die Mittel zu verwenden haben. Unklar ist, ob überhaupt ein EU-Land zu einer weiteren Anstrengung beim Ausbau der erneuerbaren Energien bereit ist und damit tatsächlich eine Zukunftsinvestition vornimmt.

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