Gedenkpolitische Konflikte ­zwischen italienischen und slowenischen Nationalisten in Triest

Bedenkliche Gedenkpolitik

Mitte Juli finden im norditalienischen Triest Gedenkfeierlichkeiten statt, die sowohl den italienischen als auch den slowenischen Nationalismus befördern.

Für den 13. Juli 1920 hatte der Sekretär der Triestiner Sektion der »Fasci italiani di combattimento« (Italienische Kampfbünde), Francesco Giunta, zu einer Kundgebung im Zentrum der Hafenstadt aufgerufen. Die von Benito ­Mussolini angeführte Bewegung, die dem Faschismus zu seinem Namen ­verhalf, wollte gegen die slowenische Minderheit protestieren.

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Italienische Truppen hatten bereits im Ersten Weltkrieg vergeblich versucht, die damals österreichische Hafenstadt Triest zu erobern, die »Befreiung« der »unerlösten« Stadt wurde zum mythisch überhöhten Kriegsziel. Die Eingliederung in den italienischen Staat gelang jedoch erst nach Ende des Krieges, der auch das Ende von Österreich-Ungarn bedeutete. Der viel beschworene italienische Charakter der Stadt wurde jedoch von der multiethnischen Realität und vor allem durch die große slowenische Minderheit in Frage gestellt. Nach der Gründung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen aus der Konkursmasse des Österreichisch-Ungarischen Imperiums 1918 kam es zu Konflikten zwischen dem neuen südslawischen Staat und Italien.

Beide beanspruchten Gebiete am Ostufer der Adria, begründet wurden diese Ansprüche jeweils mit den dort lebenden slawischen beziehungsweise italienischen Bevölkerungsgruppen. Immer wieder gab es gewaltsame Zusammenstöße zwischen italienischen und südslawischen Nationalisten, so am 11. Juli 1920 in Split, wo zwei italienische Seeleute und ein Kroate getötet wurden. Der Tod der Italiener bot den Faschisten den Anlass, den Kampf gegen die slawische Minderheit in Triest zu forcieren und die Italianisierung der Stadt voranzutreiben.

Die kritische Auseinandersetzung mit dem gewalttätigen Antislawismus des Faschismus abzuwehren, ist eine in der italienischen Gesellschaft bis heute stark ausgeprägte Haltung.

Am Abend des 13. Juli versammelten sich italienische Nationalisten im Zentrums Triests, wo Giunta Vergeltung für die Toten von Split forderte. Nach Ende der Kundgebung zogen die Teilnehmer durch die Stadt und griffen slowenische und kroatische Geschäfte sowie das jugoslawische Konsulat und Einrichtungen der Arbeiterbewegung an. Ihr wichtigstes Ziel war das nahegelegene Narodni Dom (Volkshaus), ein Symbol des slowenischen Nationalismus und Panslawismus in der Stadt. In dem 1904 fertiggestellten Bau befanden sich das Hotel Balkan, ein Theater, Trainingsräume und die Büros verschiedener slowenischer, kroatischer und tschechischer Organisationen und Unter­nehmen.
Als die Menge das Gebäude erreichte, begann eine Schießerei, deren Ursachen und Ablauf bis heute umstritten sind: Wurde die Demonstration aus dem Gebäude beschossen, wurde zuerst aus einem ­anderen Gebäude auf das Narodni Dom geschossen oder fielen gar keine Schüsse? Das Gebäude wurde gestürmt und niedergebrannt. Dieser Angriff wurde zum Symbol des Kampfes gegen die slawische Präsenz in der Stadt. Die Triestiner Faschisten erklärten ihren »fascismo di confine« (Grenzfaschismus) zum radikalsten Flügel der entstehenden Bewegung. ­Giunta, der 1923 zum Sekretär der faschistischen Partei aufstieg, ­diesen Posten aber bereits 1924 wieder abgab, bezeichnete den Brand des ­Hotel ­Balkan als Anfangspunkt des Parteiprogramms.

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten slowenische Organisationen er­folglos, das restaurierte Gebäude zurückzuerhalten. Der Weg dazu wurde erst frei mit dem Zerfall Jugoslawiens Anfang der neunziger Jahre und dem sich abzeichnenden EU-Beitritt Sloweniens, der auch Auswirkungen auf die Situation der slowenischen Minderheit in Italien hatten. Im Jahr 2001, drei Jahre vor dem Beitritt Sloweniens zur Europäischen Union, trat das Gesetz zum Schutz der slowenischsprachigen Minderheit in Italien in Kraft. Dieses legte unter anderem fest, dass das ehemalige Narodni Dom, das mittlerweile von der Universität Triest genutzt wurde, sukzessive für »Aktivitäten slowenischsprachiger kultureller und wissenschaftlicher Einrichtungen« zu Ver­fügung gestellt werden solle. Einige Räume werden seit 2002 von einer slowenischen Bibliothek genutzt; es gibt einen Konferenzsaal und ein Informationszentrum. Zum 100. Jahrestag der Fertigstellung des Gebäudes 2004 ließ die Universitätsleitung eine Gedenk­tafel anbringen, die an die Zerstörung »durch nationalistische Intoleranz« ­erinnerte. Doch die vollständige Übergabe des Gebäudes an Organisationen der slowenischen Minderheit verzögerte sich. Dies hat nicht nur administrative Ursachen, wie die Suche nach neuen Räumlichkeiten für die im Gebäude befindlichen universitären Einrichtungen. Vielmehr ist der ­Widerstand gegen die Rückgabe in der italienischen Rechten weiterhin groß. Bis heute wird in diesem Milieu kolportiert, »jugoslawische Terroristen« ­hätten das Gebäude selbst in Band gesteckt, sie würden eine Rückgabe also nicht verdienen.

Die Abwehrhaltung gegen eine kritische Auseinandersetzung mit dem gewalttätigen Antislawismus des Faschismus ist in der italienischen Gesellschaft und der offiziellen Gedenkpolitik vor Ort bis heute stark ausgeprägt. Das Feindbild der Slawen, gegen die sich die Italiener verteidigen müssten, hatte nach 1945 eine erfolgreiche Aktualisierung erfahren. Dafür wurde der Kampf der Partisaninnen und Partisanen der Jugoslawischen Volksbefreiungsarmee genutzt. Diese operierten auch auf italienischem Gebiet und hatten Mai 1945 Triest für 40 Tage besetzt. Nach ihrem Abzug wurden die Stadt und ihr Hinterland zum »Freien Territorium Triest« erklärt, das von den USA, Großbritannien und Jugoslawien gemeinsam verwaltet wurde und erst 1954 wieder an Italien fiel.

Echte oder angebliche Verbrechen der »Slawokommunisten« sind ein zentrales Thema der italienischen Rechten. Diese dienen der Delegitimierung des gesamten bewaffneten antifaschistischen Kampfes, der für die italienische Linke bis heute ein wichtiger Bezugspunkt ist. Seit den neunziger Jahren wird auch das offizielle Gedenken an den Zweiten Weltkrieg zunehmend davon geprägt, den Kampf der kommunistischen Partisanen mit den Verbrechen der deutschen Nationalsozia­listen gleichzusetzen und die gewalttätige imperiale Politik des faschistischen Italiens auf dem Balkan zu leugnen oder zu relativieren (Jungle World 8/2020).
Im Januar gaben die Präsidenten Italiens und Sloweniens, Sergio Mattarella und Borut Pahor, auf einer Konferenz zum Gedenken an die Shoah in Jerusalem bekannt, dass das Narodni Dom zum 100. Jahrestag des Brandes an die slowenische Minderheit rückübertragen werde. Beide wollen an der Feier teilnehmen. Die politische Rechte wie die neofaschistische Partei Fratelli d’Italia, die rechtsextreme Partei Lega und italienische Vertriebenenorganisationen forderten Mitte Juni, dass Pahor dann auch die Foiba genannte Karsthöhle von Basovizza, den zentralen Gedenkort für die Gewalttaten jugoslawischer Partisanen, besuchen solle.

Der slowenische Staatspräsident erklärte daraufhin, er werde diese nur besuchen, wenn zum offiziellen Programm seines Besuches auch ein Gang zu dem Denkmal für die vier 1930 in Basovizza erschossenen Angehörigen einer slowenisch-nationalistischen bewaffneten antifaschistischen Widerstandsgruppe gehören würde. Darauf ließ sich die italienische Seite schließlich ein, so dass am 13. Juli in Triest ein komplexer geschichtspolitischer Akt begangen werden wird. In Anwesenheit der Präsidenten Italiens und Sloweniens wird das Narodni Dom den Organisationen der slowenischen Minderheit übergeben.

Das Narodni Dom wurde in der Nacht des 13. Juli 1920 niedergebrannt. Die Umstände sind bis heute ungeklärt

Bild:
narodnidom.eu / Courtesy of Mario Tomarchio

Anschließend wird Pahor aber auch als erster Präsident Sloweniens in Basovizza den Opfern der kommunistischen jugoslawischen Partisanen gedenken und an den Kampf slowenischer Nationalisten gegen die gewaltsame Italia­nisierungspolitik während des Faschismus erinnern. Der Triestiner Historiker Sandi Volk bezeichnete diese Ereignisse im Gespräch mit der Jungle World als ein Geschäft zwischen »den politischen Klassen der beiden natio­nalen Bourgeoisien«. Das Narodni Dom sei nicht das Symbol der Slowenen im Allgemeinen, sondern der slowenischen Nationalisten gewesen. Auch das Denkmal für die Erschossenen in Basovizza erinnere an deren Geschichte. Die Foiba hingegen sei der Gedenkort »der italienischen Bourgeoisie aus den ehemals italienischen Gebieten ­Jugoslawiens«. Mit dem gemeinsamen Gedenken an diesen Orten, so Volk, »versöhnen sich die beiden Bourgeoisien im Namen des gemeinsamen ­Antikommunismus«. Diese Gedenkpolitik habe negative Auswirkungen: »Das ist ein weiterer Schritt zur offenen und vollständigen Rehabilitation des Faschismus. Bald werden die Faschisten offen als Retter Italiens vor der Bolschewisierung dargestellt werden.« Linke Gegenaktivitäten sind am 13. Juli nicht zu erwarten. Auch dies zeigt, wie hegemonial diese nationalen Geschichtsdeutungen mittlerweile sind.