Homestory #30


Wie die geschätzte Leser- und Leserinnenschaft schon weiß, arbeitet die Redaktion Ihrer Lieblingszeitung immer noch im Homeoffice. In der vergangenen Woche fand nun das zweite Treffen im real life seit der Verhängung der Kontaktbeschränkungen statt – leider nicht mit allen, aber das ist ja in der Urlaubszeit auch nicht zu erwarten. Der befürchtete Regen, der einen Kollegen von der Teilnahme abgehalten hatte, blieb glücklicherweise aus, auch wenn sich zwischendurch die Luftfeuchtigkeit etwas erhöhte.

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Zwar ging es in den Gesprächen vornehmlich um Berufliches und Geschäftliches, am meisten erregte die Gemüter jedoch die Frage, ob US-Präsident Jimmy Carter 1979 auf einem Angelboot tatsächlich von einem »killer rabbit« angegriffen wurde. Fake news oder Ansatzpunkt für eine politische Analyse? Können Kaninchen überhaupt schwimmen? Von was für einem Tier müsste Donald Trump angegriffen werden, um im Jahr 2020 einen ähnlichen medialen Effekt auszulösen? Der Redakteur, der die Story kolportiert hatte, lieferte am nächsten Tag die Fakten mit einem Link zu Wikipedia nach: Es gibt ein Foto von dem Vorfall, auf dem das Kaninchen jedoch vom Ruderboot des Präsidenten wegschwimmt – aber Ende der siebziger Jahre gab es halt noch keine Handykameras. Es handelte sich um ein Sumpfkaninchen, diese Tiere, die in den Feuchtgebieten der südlichen Vereinigten Staaten verbreitet auftreten, sind gute Schwimmer. Aggressive Absichten hatte das Kaninchen wohl nicht, vielmehr wurde es wohl auf der Flucht von dem ein Paddel schwenkenden Präsidenten erschreckt. Doch der »Angriff« wurde für viele Gegner Carters zum Symbol für die Schwäche des Präsidenten und damit des ganzen Landes. Die politische Bedeutung des Vorfalls konnte weder bei dem abendlichen Redaktionstreffen noch in der Telegram-Gruppe abschließend geklärt werden.

Ein Video von 2015 zeigt, wie Trump mit einem Weißkopfseeadler für das Cover der Times posieren will und dann von dem Vogel at­tackiert wird. Wohl nicht aus politischen Gründen, doch da der Weißkopfseeadler der Wappenvogel der USA ist, hat die Szene ein gewisse Symbolik. Geschadet hat ihm das nicht, ebenso wenig wie Tatsache, dass er als erster US-Präsident seit mehr als 150 Jahren kein Haustier hat – aus Angst, dass es ihn beißen oder flüchten würde? Jedenfalls müssen auch wir, wie alle anderen, abwarten, was die US-Wahlen im Herbst bringen werden – und ob Trump ihr Ergebnis akzeptieren wird.

Wir zumindest wurden nicht von Stadtfüchsen oder anderem Getier attackiert. Der Kiosk im Park schloss dann irgendwann, abgeschnitten vom Getränkenachschub löste sich die Runde in kleinere Einheiten auf. Die letzten auf dem Heimweg getrunkenen Absackerbiere verschafften einem Redaktionsmitglied dann auch »endlich wieder einen Kater« – und das ist in Coronazeiten auch mal wichtig für die Rocklinke.