Die neue Biographie über Joni Mitchell

Bloß nicht bourgeois sein

Dem Musikkritiker David Yaffe steht in seiner Biographie Joni Mitchells die Bewunderung für die Sängerin im Weg.

Der Klang der Stimme der 1943 in dem kleinen Ort Fort Macleod in Kanada geborenen Roberta Joan Anderson ist vermutlich weltweit bekannt. Ihre Musik zu schätzen, verbindet auch heute noch die zerstrittenen ­Generationen der Boomer und der Millennials, die in guter Studentenmanier ihre Abende mit der Gitarre am Lagerfeuer ausklingen lassen. Für den US-amerikanischen Musikjournalisten David Yaffe war es also naheliegend, sich gerade jetzt dem Werk der Musikerin, Poetin und Malerin zu widmen. Herausgekommen ist ein fast 600 Seiten umfassendes Buch, dessen deutscher Titel lautet wie der Künstlername, den ­Anderson seit Mitte der Sechziger verwendet: Joni Mitchell.

Biograph David Yaffe führte unzählige Interviews sowohl mit Mitchell selbst als auch mit beruflichen und persönlichen Wegbegleitern der mittlerweile 76jährigen, wie beispielsweise Leonard Cohen und Joan Baez.

Den Regeln der Künstlerbiographie folgend, begibt sich der Leser mit Yaffe auf eine Reise durch das Leben der Kanadierin: Von ihrem Geburtsort geht es nach Saskatoon in die kanadische Provinz, zu einem Lehrer, dessen Einfluss ihr Leben prägen sollte und der aus ihr die Künstlerin herauskitzelte. Zuvor aber landete sie als Achtjährige in den Baracken der Polio-Klinik, nachdem sie 1951, wie Tausende andere in Kanada, an Kinderlähmung erkrankt war. Diese Erfahrung verbindet sie bis heute mit ihrem Freund Neil Young, der die Krankheit damals ebenso knapp überlebte wie sie. Mitchell blieben Folgeschäden der Erkrankung; ihre Musik ist geprägt von offenen Gitarren­akkorden, da sie sich außerstande sah, mit ihrer linken Hand die Saiten anders zu greifen. Das hat ihrem Ruhm keinen Abbruch getan; ihre drei ­Oktaven umfassende Stimme verzauberte nicht bloß ihr angestammtes Publikum aus Hippies und Achtundsechzigern, sondern auch Weltstars wie Leonard Cohen, Graham Nash und James Taylor, mit denen sie auch liiert war. Auch Jimi Hendrix und Prince verehrten die Sängerin zeitlebens.

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Der Autor Yaffe führte unzählige Interviews sowohl mit Mitchell selbst als auch mit beruflichen und persönlichen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern der mittlerweile 76jährigen, wie beispielsweise Leonard Cohen und Joan Baez. Nicht ohne Grund wurde das Buch besonders in den USA für sein mitreißendes Tempo gelobt. Die Übergänge zwischen persönlichen Katastrophen, wie einer frühen Schwangerschaft, die darin resultierte, dass Mitchell ihre einzige Tochter zur Adaption freigab, und den Anfängen ihrer Musikkarriere sind so fließend und flott erzählt, dass man manchmal zum Durchatmen innehalten muss. Glücklicherweise verschränkt Yaffe persönliche Schicksalsschläge wie auch Glücksmomente mit Songtexten der Sängerin. Man muss kein großer Freund psychologisch-biographischer Lesarten von Popsongs sein, um hier Andeutungen und Zitate plausibel gedeutet und interessante Zusammenhänge zwischen Leben und Werk Mitchells aufgezeigt zu finden.

Handwerklich ist diese Biographie makellos. Und doch gibt es Probleme. Der Autor verbeugt sich zu tief vor der Poptitanin Mitchell und identifiziert sich zu sehr mit ihrer Lebensgeschichte. Eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Prota­gonistin sucht man meist vergeblich, dabei hätte man an vielen Stellen ganz wunderbar die gesellschaftlichen und kulturellen Umstände ­verdeutlichen können, in denen Mitchell gelebt und gearbeitet hat. Oder man hätte die Sängerin tatsächlich als Stimme und Gesicht einer Genera­tion ernst nehmen können – dann wäre womöglich eine Art Psychogramm der heutzutage belächelten und gern gerügten Hippies und Boomer entstanden.

Anlässe hätte es genug gegeben, zum Beispiel gleich im Vorwort. Hier erzählt Yaffe von seiner ersten Begegnung mit der Sängerin in Los Angeles in einem Diner, von einem ­tollen Gespräch über Musik und Gott und die Welt, das gar in Mitchells Villa weitergeführt wurde. Der Artikel darüber in der New York Times brachte Yaffe allerdings einiges an Ärger ein: Mitchell machte ihn im Nachhinein »zur Schnecke«, wie er schreibt. Neben dem beigefügten Foto, das der Sängerin missfiel, war es vor allem ein Begriff, den sie so nicht stehen lassen wollte: Mittelklasse. Der Autor hatte ihr Heim so genannt, und das traf die Porträtierte sehr, als »Kunstakademie-Abbrecherin, für die es nichts Schlimmeres gab, als bourgeois zu sein«.

Mitchell sieht sich bis heute eher als Malerin, auch wenn sie als Musi­kerin berühmt geworden ist. Ihre Malerei, die viele ihrer Plattencover ziert, ist allerdings nicht besonders interessant; es handelt sich vor allem um Selbstporträts, die Mitchell beispielsweise mit ihrer Lieblingskatze zeigen. Im Buch wird bemerkt, dass Mitchell an der Kunstakademie in Calgary nie glücklich geworden sei. Dass dies womöglich mit dem alt­backenen Kunstverständnis Mitchells zusammenhing, erwägt Yaffe nicht. Während sich ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen für aktuelle Kunsttendenzen interessierten, ließ sie bloß Picasso, Van Gogh und Rem­brandt gelten, für eine Kunststudentin in den sechziger Jahren äußerst bemerkenswert. Dass Mitchell sich anscheinend für eine grandiose ­Malerin hält, während ihre Bilder eher gewöhnlich sind, legt die Ver­mutung nahe, dass ihr Narzissmus nicht fremd ist. Yaffe hat diesen ­Aspekt ihrer Persönlichkeit aber nicht im Blick. So erkennt er auch nicht, dass diese und andere Formen der Selbstüberhöhung durchaus ein konstitutives Merkmal der Hippie-Bewegung waren. Die egomane Aufforderung, »locker zu sein«, wurde ­gelegentlich ziemlich rigoros durchgesetzt. Die Hippie-Kommune konnte selbstverständlich ein hochgradig aggressiver Raum sein.

Die Hippies tendierten immer zu einem Zwang zur Authentizität, so auch Mitchell. Yaffe beschreibt in der Biographie an einigen Stellen, welcher Ärger jedem Freund und Wegbegleiter der Sängerin drohte, der in Verdacht geriet, »nicht authentisch« zu sein. Das Werk ihres damaligen Lebensgefährten Leonard Cohen, ­eines der größten Songwriter überhaupt, wird abfällig auf Diebstahl ­abgeklopft: Yaffe reicht Rilke- und Camus-Zitate nach und lässt die ­Sängerin kommentieren, dass das Bonmot »Talent leiht, Genie stiehlt« in ihrer Welt keine Relevanz habe. Mitchells Authentizitätsdrang engte ihre Songs thematisch geradezu ein. Es gibt im Buch einen Moment der Selbsterkenntnis, wenn die Sängerin feststellt, dass sie 1967 / 1968 nicht nur keine politische Künstlerin gewesen sei, sondern schlicht und ergreifend nichts zu sagen hatte, was nicht mit ihr zu tun hatte. »(Sie) hatte ein Repertoire von Songs über ihre verschiedenen Lebensphasen, Lieb­haber, die aufgetaucht sind und wieder verschwunden waren, Städte, in denen sie gelebt und die sie wieder verlassen hatte.«

Die Selbstbesoffenheit tritt hier ziemlich klar zutage, ganz unbeteiligt wollte Mitchell dann aber doch nicht sein, und so schrieb sie mit »Woodstock« eines der bekanntesten Lieder ihrer Generation. Ironischerweise schrieb sie den Song in einem Hotelzimmer; aufgrund des großen Andrangs war sie nie auf dem Woodstock-Gelände angekommen.

Gerade wenn man kein Fan ist und ein wenig Abstand besitzt, sind die vielfältigen Verweise interessant zu lesen, beleuchten sie doch beispielsweise psychologische Aspekte des Hippietums, die in der öffentlichen Erinnerung zu kurz kommen. Und für begeisterte Anhänger Joni Mitchells ist das Buch sowieso unverzichtbar.

David Yaffe: Joni Mitchell – Ein Porträt. Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Kellner. Matthes & Seitz, Berlin 2020, 583 Seiten, 28 Euro