Riot-Grrrls auf Rollschuhen - das Bear City Roller Derby in Berlin

Rollen und Rocken

Wo Riot-Grrrls auf Rollschuhen durch die Halle toben: ein Besuch beim Bear City Roller Derby in Berlin.

»Wenn du starke Frauen willst, gehst du zum Roller Derby«, sagt Oliver, verschränkt die durchtrainierten Arme über der Brust und lehnt sich lässig gegen die Außenwand der Arena in Berlin-Treptow, während er mit seinen Freunden Lotte und Frank bei einer Zigarette die letzten Sonnenstrahlen genießt. Drinnen, in der ehemaligen Indus­triehalle, findet heute das Bear City Roller Derby statt. Roller Derby ist »ziemlich rock’n’roll« und »richtig dreckig«, sagt Oliver. Der Mittdreißiger mit dem Dreitagebart und der Rockabilly-Pomadenfrisur trägt eine dicke, schwarze Fünfziger-Jahre-Brille und bezeichnet sich als »Fanboy«. Seine Freundin ist eine große Nummer in der stärkeren Mannschaft der beiden heutigen Rennen, dem sogenannten A-Team der Berlin Bombshells. Jetzt müssen er und seine Freunde wieder in die Halle, denn sie wollen die zweite Halbzeit des Spiels – oder »Bout«, wie es eigentlich korrekt heißt – zwischen den Bombshells und den Harbor Girls aus Hamburg nicht verpassen. Den nahezu ausschließlich von Frauen betriebenen Vollkontaktsport aus den USA gibt es in Deutschland noch nicht lange. »Das erste deutsche Team gab es allerdings schon in Stuttgart«, sagt Janina. Die schicke Mittzwanzigerin mit dem Lippen-Piercing hat vor drei Jahren die Berliner Derbymannschaft Bombshells gegründet und heißt folgerichtig mit ihrem Derby-Namen auch »Foxy Führer«. Die Frauen der Roller-Derby-Teams tragen Namen mit popkulturellen Anspielungen und ironischen Brüchen: Master Blaster, Tequila Knockout, Lizzy Slaughter oder Resident Shevil nennen sich einige der Läuferinnen des heutigen Abends. Und sie sehen aus, als hätte Madonna zu Halloween ein Video mit Dita von Teese gedreht. Goldene Glitzerminis, Ringelsöckchen, Strapse, Tattoos und natürlich ganz viele Piercings; einige Spielerinnen haben sich als Totenköpfe geschminkt oder sich blutige Verletzungen ins Gesicht gemalt. Aufgeregt kreiselt Foxy Führer um die Merchandise-Stände der Teams und der Sporthelmfirma Nutcase. Gleich hat sie einen Fototermin. Das erste Rennen beginnt in wenigen Minuten, und die Ränge auf den eigens für das Derby aufgestellten Tribünen füllen sich bereits. Um die ovale Rennbahn, den Track, heizt das offizielle Maskottchen der Bombshells, der I-Don’t-Care-Bear, bereits fahneschwingend das Publikum an und macht ein paar drollige Purzelbäume.

Anzeige

Im Gegensatz zu den Rollin Heartbreakers aus Kopenhagen und den Harbor Girls aus Hamburg haben die Berlinerinnen wenigstens ein Maskottchen. Die gegnerischen Mannschaften sind zum Fahnenschwenken und für Pepprunden auf besonders engagierte Fans angewiesen. Mit Protektoren, Helmen und Mundschutz rollen die Teams in die Halle. Musik von Peaches dröhnt aus den Lautsprechern, während die Läuferinnen von Moderator Eurotrash laut ausgerufen werden. Mit gebeugten Knien und in die Luft gerissenen Armen begrüßen sie ihr Publikum. Wir suchen uns einen guten Platz und ein kühles Bier – das gibt es, wie in den USA, leider nur in Plastikbechern –, und dann geht es auch schon los. Der Teil der Mannschaft, der sich auf dem Feld befindet, nennt sich »Pack«, Englisch für Rudel. Ein Bout besteht aus zwei Halbzeiten zu je 30 Minuten, die in zweiminütige Runden, sogenannte Jams, eingeteilt sind. Das Pack besteht aus Jammerinnen, Pivots und drei Blockerinnen. An der Startlinie baut sich das Pack auf. Die Blockerinnen und Pivots stehen vorne, hinter ihnen die beiden Jammerinnen. Diese erkennt man gleich an dem großen fünfzackigen Stern auf dem Helm, die Pivots tragen dafür einen dicken Längsstreifen. Auf den Startpfiff setzen sich beide Packs in Bewegung, wobei die Jammerinnen Tequila Knockout und Spooky Spiky versuchen, an den Blockerinnen vorbei zu kommen. Dafür gibt es dann Punkte. Das ist zumindest in der kleinen Broschüre zu lesen, die man am Eingang erhält. Haken schlagend oder mit gekonnten Hüft- und Schulterstößen drängen sich Tequila und Spiky durch die gegnerischen Blockerinnen. Ein besonders pfiffiger Move besteht darin, sich an der Hüfte einer Blockerin des eigenen Packs festzuhalten und sich mit deren Schwung blitzschnell an den Gegnerinnen vorbeizukatapultieren. Anders als beim historischen Roller Derby ist hier jedoch nicht alles erlaubt.

Die Sportart entstand in den USA in den späten dreißiger Jahren aus dem damals noch gemischtgeschlechtlichen Roller Marathon Race. Nachdem es 1938 auf dem Track in Miami zu einer spontanen Schlägerei gekommen war, rastete das Publikum vor Begeisterung völlig aus. Der Veranstalter des Roller Marathon Race, Leo Seltzer, entwickelte daraus eine wesentlich gewalttätigere Variante und beanspruchte seitdem, das moderne Roller Derby erfunden zu haben, bei dem es neben dem spektakulärem Raufen mit Faustschlägen, Beinstellen und Haareziehen gelegentlich sogar zum Einsatz von Baseballschlägern kam. Nach den Regeln der World Flat Track Derby Association (WFTDA) ist heute aber nur der Einsatz von Schultern und Hüfte erlaubt, alles andere wird als Foul abgepfiffen. Trotzdem sind schwere Blessuren nicht nur an der Tagesordnung, sie gehören fest zum Image des Roller Derby. Die Spielerinnen präsentieren ihre Verletzungen wie Trophäen, sie richten sich sogar sogenannte Halls of Maim ein, wo sie ihre Verletzungen ausstellen. Stolz berichtet der Freund von Killing Zoe, Blockerin der Harbor Girls, von einem Bout in Stockholm: »Meine hatte danach alles blau – stahlblau.« Er zeigt dabei auf seine Oberschenkel. Den Jungs gefällt es jedenfalls: »Frauen auf Rollschuhen, die sich auf die Fresse hauen, trendiger geht es kaum«, meint ein anderer Fanboy. In der Mitte der Rennbahn und an deren Rändern hat sich eine kleine Armee von Punktezählern und Schiedsrichtern positioniert. Die »Non Skating Officials« und Referees haben mindestens so skurrile Namen wie die Läuferinnen. Hier sind auch Männer erlaubt. Sie heißen U-Go-Boss, Count Tracula, Napalm Ref oder Apocalypse Meow und zählen innerhalb des rasanten Jam die Punkte, pfeifen die Fouls und geben Informationen an den Score Keeper, Priscilla Refley, weiter. »Die Regeln beim Roller Derby sind komplizierter als beim Kricket«, kommentiert ­Eurotrash.

Recht hat er: So langsam blickt man kaum noch durch. Eurotrash und Bobby Babylon wechseln sich beim Kommentieren und Erklären des Geschehens ab. Das ist auch bitter notwendig. Beim ersten Spiel versteht man kaum, wie die Punkte beim gegenseitigen Rumschubsen und Überholen zustande gekommen sind. Jedenfalls haben die Bomb­shells mit 175 zu 89 haushoch gewonnen. Die Hamburgerinnen haben hart gekämpft, konnten aber nicht mehr aufholen, ein regelwidriger Ellbogencheck von Heavy Miss Gale im vorletzten Jam hat nur noch zu einer Massenkarambolage geführt. Nach der Pause kommt das eigentliche Highlight des Abends, die Begegnung zwischen den Rollin Heartbreakers aus Kopenhagen und dem ­A-Team der Bombshells. Die Spielerinnen des dänischen Teams tragen Schwarz und Goldglitzer, sie sind fast alle groß und blond und haben dicke Wikingerzöpfe. Team Captain Saboteur und Co-Captain Eurotrasher sehen mit ihren goldenen Schulterklappen wie preußische Generäle aus. Die Berlinerinnen im unscheinbaren Grau scheinen im ersten Jam noch unterlegen, aber dann geht es für die Heartbreakers rasant bergab. Die Jammerinnen Crazy Kris und Martattack geben ihr Bestes, haben aber Schwierigkeiten, die Verteidigungslinie der gegnerischen Mannschaft zu überwinden. Die dänischen Blockerinnen schaffen es dagegen kaum, die gegnerischen Jammerinnen Zandy Zunder, Kata Pulta oder die schnelle Paulina Pocket in den Griff zu bekommen. Schon zur Halbzeit führen die Bombshells mit 109 zu 34. In der folgenden halbe Stunde brechen die Kopenhagenerinnen wirklich fast unser Herz. Nach 20 Minuten erbitterten Gerangels steht es schon 253 zu 66 für die Bombshells, als Krazy Kris noch einmal alle Kräfte für einen heroischen Spurt sammelt – und auf den Boden kracht. »Aua!« Ein Mitleidsruf geht durch die Zuschauertribünen, aber Krazy Kris rappelt sich auf und macht weiter. Als der Jam abgepfiffen wird, bricht sie erschöpft zusammen. Ein spontaner Applaus kommt auch von den Fans der Bombshells. Man zollt Respekt. Der nächste Jam beginnt zu dem Song »These boots are made for walkin’« von Lee Hazelwoods, und die Bombshells schwingen bereits siegessicher die Hüften im Takt.

Das Spiel endet erwartungsgemäß mit überlegenen 316 zu 79 für die Bombshells. Am Ende fahren alle Spielerinnen in einer Art Highspeed-Polonaise im Kreis, die Fans springen auf, jubeln und umringen den Track. Man klatscht Hände ab. »Hey-ho, let’s go« grölen die Ramones. Der anschließende Höhepunkt besteht eigentlich nicht in der Verteilung von langweiligen Urkunden – eine Art Pokal hätte man schon erwartet. Foxy Führer hat sich das Mikrofon geschnappt und gibt die Siegerinnen der einzelnen Kategorien bekannt: »best blocker«, »best jammer« und »coolste Sau auf dem Track«. Gewählt wurden sie jeweils durch die gegnerische Mannschaft. Kaum pointierter könnte der antihierarchische Anspruch der WFTDA verdeutlicht werden. Denn tatsächlich wurde die Satzung des Verbands von feministischen Prinzipien und vor allem vom »Riot Grrrl-Manifest« inspiriert, das 1991 von Kath­leen Hanna geschrieben wurde. In diesem Sinne ist Roller Derby mehr als nur ein Sport und ein Lifestyle zwischen Punkrock und Rockabilly, er greift auch feministische Aspekte auf. Die Renaissance des Roller Derby, das in den USA der achtziger und neunziger Jahre ausgestorben war, setzte erst nach der Jahrtausendwende ein und steht im Zusammenhang mit der Dritten Welle des Feminismus. Anders als das historische Derby setzten die Neubegründerinnen aus der Riot-Grrrl-Szene in Austin, Texas, auf Sportlichkeit statt auf reines Spektakel sowie auf den Do-It-Yourself- und Graswurzel-Charakter der Veranstaltungen. Aber gut aussehen und rocken sollte es natürlich auch. Wie es die Userin eines amerkanischen Riot-Grrrl-Blogs formuliert: »When girls on skates kick ass: that’s Feminism!« Auf den feministischen Aspekt von Roller Derby angesprochen, müssen zwei angereiste Fans aus Kopenhagen lachen. »Ich wusste, dass die Frage kommt«, sagt Maya, die einen Irokesenschnitt und Ringelsocken in der Farbe ihres Teams trägt. Maya und Luise sind »Newbies«, wie Roller Girls genannt werden, die zwar bei einer Mannschaft trainieren, aber beim Bout noch nicht mitlaufen. Luise kann diesen Moment kaum abwarten. »Ich träume sogar nachts vom Roller Derby.« Ihr Team hat zwar haushoch verloren, gute Laune haben die beiden trotzdem. Jetzt wollen sie erst einmal zur »Afterboutparty«.