Extremsportarten im Selbstversuch: Canyoning

Like a Canyonball

Extremsportarten im Selbstversuch II. Diesmal testet die Jungle World Canyoning in der Sušec-Schlucht.

Es geht steil bergab, das Herz klopft, im Magen wird’s schummrig. Werden wir diese Biegung noch schaffen oder dahinter in den Abgrund stürzen und auf den grauen Felsen der Julischen Alpen zerschellen? War es das? War es das wert? Das bisschen Adrenalin? Es riecht streng nach Gummi. Da kommt schon die nächste Kurve, was dahinter kommt, wissen wir nicht. Also Augen zu und durch. Bis auf die Fahrerin natürlich, die kommt auch mit rauchenden Bremsen heil ins Soča-Tal runter. So fängt sie an, unsere Extremsporterfahrung, bevor sie überhaupt angefangen hat. Hydrospeed hätte es eigentlich sein sollen: auf Bodyboards in den reißenden Wildwassersog der Soča stürzen. Der »ultimative« neue Trend­sport ist das angeblich, und die Jungle World-Redaktion ist sich für keinen Trend zu schade. Leider fehlte wegen des sonnigen und extrem regenarmen Sommers für die Speed das ganze Hydro, statt auf Boards zu rasen, hätten wir durch flaches Wasser waten müssen. Da würden wir uns unsere arme Neoprenhaut an den scharfkantigen Steinen im Flussbett aufschürfen. Das wäre dann schon fast extremistisch und das mögen wir nicht, also lassen wir uns zur bereits etablierteren, aber, wie uns versichert wird, ebenso aufregenden Sportart Canyoning überreden. Goran wird unser Führer sein. Als »funny, but safe« will er uns das Canyoning­erlebnis näherbringen. Sein Humor hält sich allerdings in Grenzen, blitzt nur manchmal, aber sehr subtil und trocken auf während unserer zweistündigen, sehr nassen Tour. Sicher wirkt es allerdings, schließlich ist Goran schon ein alter Bergsporthase, seit 25 Jahren schleppt er fast täglich Sporttouristinnen und -touristen auf die Canyontour im Soča-Tal. Selbst der Schutzhelm in leuchtendem Pink wirkt nicht seltsam für einen Wildnisburschen wie ihn. Die Konkurrenz ist groß im Wassersportzentrum Bovec. Alle zehn Meter finden sich in dem im Nationalpark Triglav gelegenen Örtchen Anbieter für Wassersport- und andere »Outdoor«-Aktivitäten. Vor 30 Jahren habe das alles angefangen, meint Goran. Sonst meint er nicht mehr viel, bis wir nach einer komplizierten Neoprenanzugsanprobe – eng müssen die Dinger sein und dementsprechend schwer wird man sie wieder los – zum Ausgangspunkt unseres Abenteuers kommen. Das müssen wir uns jedoch zunächst hart erklettern, ein Canyon ist schließlich kein Casino, vor das man in Abendgarderobe im Cabriolet vorfährt, um sich dann bequem seine Portion Nervenkitzel abzuholen. In Badebekleidung, mit einem »Rucksack« aus Neoprenanzug und quietschgelber Poposchutz­windel, einem farblich passenden Helm und in Gummischuhen kraxeln wir den schmalen Berg­­weg hinauf. Bescheuert auszusehen ist wohl bereits Teil der Mutprobe. Das Bergpanorama lenkt den Blick und die Gedanken netterweise auf erbaulichere Dinge. Wie im schön­­sten Heimatfilm erheben sich die Gipfel und Wipfel in der Ferne, die Luft schmerzt vor Sauerstoff. Schwitzend oben angekommen, müssen wir gleich wieder ein Stück runterklettern. Wenn die Fahrt nach Bovec über den 1 611 Meter hohen Vršičpass nicht bereits das Nervenaufreibendste war, dann dieser Abstieg auf rutschigem Geröll. Noch ist die Haut nicht vom Neo­pren geschützt, wenn wir hier ausrutschen, gehen die Steinchen direkt ins nackte Fleisch unterhalb der Badehose. Goran hat bereits mehrere vorzeigbare Narben an seinen Oberschenkeln. Endlich erreichen wir unser eigentliches Ziel, den Canyon Sušec. Dieses natürliche Spaßbad aus Rutschen, Bassins und Wasserfällen wird uns die nächsten anderthalb Stunden erfreuen. Türkisblau leuchtet das Wasser, von dem wir erstmal einen Schluck nehmen. Spaßbad und Erfrischungsgetränk in einem. Die erste Etappe besteht aus einer kurzen Rutschpartie. Beine gestreckt zusammen, Füße geflext, Arme vor der Brust gekreuzt. So ist es »safe«. Das war einfach, und die gelbe Windel über dem Neoprenanzug hält das Sitzfleisch unzerkratzt rosig. Wir waten und schwimmen durch ein paar weitere Bassins, das eiskalte Wasser rinnt unter den Anzug, wir klettern über rutschige Felsen und hüpfen von einem abgeschliffenen Stein zum nächsten. Dann sagt Goran: »Jump!« Unter uns, tief unter uns sehen wir ein kleines, dunkelblaues Wasserbecken, das zu den Rändern hin ins Türkise übergeht. Eingeschlossen ist es von Felswänden, an manchen Stellen stehen die Felsen etwas hervor. Hübsch ist das, vielleicht badet da bei Vollmond Gollum aus »Der Herr der Ringe« und singt seltsame Lieder über seinen Schatz. Da machen wir gerne ein Foto, aber runterspringen? Und nicht springen und sich vor der Gruppe und dem Berghasen Goran blamieren? Worum ging es nochmal? Adrenalin! Extremsport! Adrenalin! Ohne Angst wäre das natürlich kein Spaß. Einfach loshopsen auf »Los!« wäre da zu einfach. Die Angstsekunden müssen zelebriert werden. Also vorsichtig rauf auf den Felsvorsprung, ganz nah an den Rand, in den Abgrund starrend, so nah, dass man gleich ausrutschen könnte, mit dem Genick auf den Felsen prallen, ins Wasser fallen, die anderen in Panik, springen hinterher, auf einen drauf. Ach, das Bewusstsein wäre eh schon weg, dann Rettungsaktion, vier panische Menschen in Neoprenanzügen schleifen eine unbewegliche Gummipuppe durch den Canyon, ein Gewitter kommt, sie retten sich in eine Höhle, dort haust ein verrückter Partisan, der seit Jahren nichts mehr gegessen hat, großes Massaker, aufwachen, was man noch spüren kann, tut weh, im schummrigen Licht eine blutverschmierte Fratze … Oder wird die blutverschmierte Fratze gar die eigene sein? Möglichst viele schlimme Gedanken braucht es, die Angst muss da sein, damit das Adrenalin steigen kann, wie das kalte Canyonwasser. Langsam füllt die Angst die Neoprenschuhe, zieht in die Waden, lässt die Knie zittern, umschließt eisig die Hüfte. Dann ist eh alles scheißegal und die Gedanken sind weg, die Synapsen nehmen als nächstes einen Aufprall wahr und wirklich kaltes Wasser, das durch die Nase und die Ohren ins Hirn schießt und es sanft umspült. Geile Scheiße! Nach dem Sprung sind alle aufgeputscht wie koksende Kreative und lachen und brabbeln durcheinander. Danke, Führer Go­ran! Du sagst »spring«, wir springen. Und rutschen rückwärts metertiefe Abgründe hinunter und strecken den rechten Arm zum Schutze aus. Wir wollen mehr und »schluchteln« uns aufgeregt und vor jeder neuen Etappe unseren Schiss zelebrierend durch das Gewässer. Wir sind selbst bereits kleine Gollum-Trolle in bizzaren Kostümen, die grinsend von Stein zu Stein hüpfen, im flow mit dem Fluss … Beim Viererbob ohne Bob bleiben wir kurz in einer Felsrinne stecken, aber beim Aufprall auf dem Wasser hat niemand seinem Hintermann bzw. seiner Hinterfrau den Helm in die Visage geschlagen, wie zuvor befürchtet. Fünfeinhalb Meter tief von einem Felsen in ein unbekanntes kleines Wasserloch springen? Gerne! Nochmal! Goran gibt Anweisungen, wo genau wir hinspringen sollen, woanders sei es zu flach, wir sollen die Beine anziehen, es sei wirklich sehr flach da unten, wiederholt Goran eindringlich. Und tatsächlich ist es manchmal nur brusttief, das Wasser der Sušec, in das wir hüpfen, während wir immer weniger über die möglichen Konsequenzen nachdenken. Die Angst lässt ein wenig nach, dafür breitet sich langsam die Kälte in uns aus. Schließlich laufen, schwimmen, rutschen wir seit mehr als einer Stunde in einem eiskalten Bergbach, der Wasserpegel in unseren Gummischuhen ist konstant hoch, schwapp, schwapp, der Neoprenanzug ist eher ein Polster, ein Airbag, wasserabweisend ist er nicht. Zwischendurch hat es kurz geregnet, das haben wir kaum mitbekommen. Das Wasser ist längst überall, wir sind erschöpft. Da kommt die letzte Prüfung, ein etwa 15 Meter tiefer Wasserfall. Wir stehen oben, wir blicken hinunter, blicken uns an, blicken Goran an. Schweigen. Stille. Nur das Wasser rauscht laut und geduldig. Dann öffnet Goran endlich seinen Mund und sagt: »Nein, springen kann man hier nicht.« Er befestigt Seile und Karabinerhaken an der Bergwand. Nun lässt er uns einen nach dem anderen mitten im Wasserfall am Seil hinunter. Naja, nicht ganz. Die letzten Meter lässt er uns fallen, soviel »funny« muss sein. Nun liegen wir unten im letzten Wasserbecken der Tour, direkt am Parkplatz, von wo wir vor gefühlt drei Tagen in die Wildnis aufgebrochen sind, um Abenteuer zu erleben. Jetzt sich noch schnell aus der glitschigen Gummiummantelung schälen. Extrem-Umziehen gehört auch zu diesem Sport. Einen Kollegen erwischt es, der erste Unfall dieser Tour. Beim Umziehen landet er auf dem blanken Po. Autsch. Seine Schmerzen kompensiert er anschließend im Auto beim Rasen durch die Kurven, zwei Stunden lang, den anderen wird schlecht. Wir sehnen uns nach unserem friedlichen, kleinen Bach zurück.

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