Führt das Grundeinkommen zu einer Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse?

Das bisschen Haushalt

Ob ein bedingungsloses Grundeinkommen die Geschlechterhierachie zwischen Männern und Frauen aufheben kann oder sie vielleicht sogar noch verstärkt, hängt vom Modell ab. Wenn Care-Arbeit durch das Grundeinkommen wieder privatisiert wird, reproduziert es auch alte Rollenbilder.

In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde in den USA zur Armutsbekämpfung in vier Städten versuchsweise ein Grundeinkommen eingeführt. Das Experiment war mit Amtsantritt des republikanischen Präsidenten Richard Nixon beendet, die erhobenen Daten wurden unter Verschluss gehalten. Bis heute ist unklar, ob das Grundeinkommen zu einer ­höheren Unabhängigkeit der Frauen führte – wofür eine höhere Scheidungsrate ein Indiz sein könnte. Ob es die tatsächlich gab, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Bringt die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens Frauen größere Spielräume oder die Festschreibung traditioneller Geschlechterrollen? Für den Schweizerischen Verband »Männer.ch« ist die Sache eindeutig: »Durch das Grundeinkommen verringert sich die Diskrepanz zwischen Männer- und Frauenrollen automatisch.« Am 5. Juni wird in der Schweiz über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens abgestimmt. Der Dachverband progressiver Männer- und Väterorganisationen in der Schweiz ruft dazu auf, dafür zu stimmen. »Das Grundeinkommen fördert die männliche Mehrbeteiligung in der Familien- und Hausarbeit – und diese fördert die Erwerbskontinuität der Frauen«, argumentieren die fortschrittlichen Männer, die sich selbst allerdings auch eine große Entlastung versprechen: »Wenn alle finanziell abgesichert sind, braucht es keinen Ernährer mehr.« Männer ständen so also unter geringerem Erfolgsdruck. »Diese Rollenangleichung führt zu neuen Alltagserfahrungen für Menschen in Beziehungen«, glauben die Männer. Allerdings mit Einschränkungen: Das Grundeinkommen ist eine Armutssicherung, keine Wohlstandssicherung. Wer wegen eines hohen Konsumniveaus viel Geld braucht, für den oder die ändert es weniger als für jene, die ihre Lebenshaltungskosten damit bestreiten müssten. Vor allem übersieht die Organisation eins: Die meisten Männer – und Frauen – gehen nicht nur wegen des Geldes arbeiten. Arbeit bringt auch soziale Kontakte und Anerkennung. Deshalb ist die Befürchtung, dass Menschen keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen wollen, wenn sie genug Geld zum Leben haben, unbegründet. Doch für Männer und Frauen sind die Auswirkungen höchst unterschiedlich. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Rollenbilder für Männer enorm verändert. Ihnen haben sich quasi alle Berufe eröffnet, in denen traditionell Frauen arbeiten. Entscheiden sie sich dafür, werden sie nicht selten Chefs – was Frauen dagegen oft verwehrt bleibt, weil sie wegen der häuslichen Reproduktions- und Erziehungsarbeit in Teilzeit arbeiten oder wegen des nach wie vor existierenden Sexismus als ungeeignet angesehen werden. Frauen und Männer bekommen für die gleiche Arbeit oft nicht nur nicht das gleiche Geld, sondern auch nicht die gleiche Anerkennung. Immerhin müssen sich arbeitende Frauen mit Kindern heute seltener anhören, »Rabenmütter« zu sein – jedenfalls, wenn sie keinen Vollzeitjob haben. Wer je einen Blick in die Spielzeug- und Kinderbekleidungsabteilungen der Warenhäuser geworfen hat, weiß aber: Die geschlechtsspezi­fische Konsumsozialisation ist heute wieder viel ausgeprägter als in den siebziger Jahren. Die Vermutung liegt nahe, dass sich alte, starre Rollenklischees reaktivieren lassen, wenn es entsprechende Anreize gibt. Manche halten das bedingungslose Grundeinkommen für einen solchen. Es könnte auf Frauen wie eine »Herdprämie« wirken – also als Anreiz, sich auf die häusliche Reproduktionsarbeit zu konzentrieren, warnt die Schweizer grünliberale Nationalrätin Kathrin Bertschy, eine von zwei Präsidentinnen des Bundes Schweizerischer Frauen­organisationen Alliance F. »Für die Frauen sinkt der Anreiz, außer Haus zu ­arbeiten«, sagt sie. Dieses Argument funktioniert allerdings nur, wenn gleichzeitig angenommen wird, dass Frauen nur wegen des Geldes arbeiten – und nicht aus Gründen der Selbstverwirklichung, wegen sozialer Kontakte oder der Wertschätzung. Diese Motive werden hingegen bei Männern für selbstverständlich genommen. Für Gegnerinnen des bedingungs­losen Grundeinkommens wie Bertschy ist die »Herdprämie« ein willkommenes Argument. Das gilt auch für den sozialdemokratischen Philosophen Julian Nida-Rümelin. »Die bestehende Gender-Spaltung würde dramatisch vertieft werden«, konstatiert Nida-Rümelin, der im ersten Kabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder Kulturstaatsminister war. Auch er glaubt, dass Mütter mit geringem Einkommen ihren Job an den Nagel hängen würden. Unter Feministinnen wird schon lange über das Grundeinkommen gestritten. Etliche stehen ihm skeptisch bis ablehnend gegenüber, weil sie ein Rollen-Rollback oder Einfrieren der bestehenden Verhältnisse fürchten. Ein vernichtendes Urteil fällt der feministische Schweizer Debattierclub »Women in Development Europe« (Wide). Es sei zu bezweifeln, dass ein bedingungs­loses Grundeinkommen Frauen »von ihrer gesellschaftlichen Rollenzuteilung, der nach wie vor de facto existierenden Pflichten und Aufgaben als Mütter, Betreuerinnen und Pflegerinnen entlastet, ihnen den Zugang zu anderen Tätigkeiten öffnet und damit ihre Positionen auf den Erwerbsarbeitsmärkten verbessert«, kritisiert der Wide-Club in einem Diskussions­papier. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass mit der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens der Druck auf Frauen steigen könnte, zugunsten von Haus-, Erziehungs-. Pflege- oder gar ehrenamtlicher Arbeit auf eine Erwerbstätigkeit zu verzichten. Nicht nur von konservativer Seite gibt es immer wieder die Forderung, diese Arbeiten etwa mit Geldleistungen aufzuwerten. Das ist gefährlich, denn es führt Frauen direkt aus dem Erwerbsleben ins gesellschaftliche Abseits und es zementiert die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Deshalb dürfte ein bedingungsloses Grundeinkommen auf keinen Fall einhergehen mit dem Abbau sozialer Infrastruktur wie Kitas oder Pflegeeinrichtungen für Senioren. Was Frauen von einem bedingungslosen Grundeinkommen haben, hängt vom Modell ab. Wenn das Grundeinkommen dazu dient, Care-Arbeit weiter aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen, dann wirkt es sich negativ auf Frauen aus. Deshalb mahnen auch Feministinnen, die für die Einführung eines Grundeinkommens sind, zur Vorsicht. »Das Ziel muss sein, eine gesellschaft­liche Diskussion darüber anzustoßen, wie wir in Zukunft mit der Care-Arbeit umgehen wollen«, sagt etwa die Publizistin und Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp. »Nur dann bleibt das Grundeinkommen keine abstrakte Idee.« Sie warnt davor, das Grundeinkommen an sich als Lösung zu begreifen. »Es ist immer nur ein Teil der ­Lösung, ein Puzzleteil, das dann Sinn ergibt, wenn die anderen Puzzleteile drumherum auch da sind.« Das bedingungslose Grundeinkommen alleine wird Frauen und Männer nicht von Rollenklischees befreien und gesellschaftliche Geschlechtergerechtigkeit herstellen. Aber es ist – unter bestimmten Voraussetzungen – ein Schritt in die richtige Richtung. Denn es ist gerade für Frauen ein wichtiges Instrument der sozialen Absicherung, das ihnen neue Spielräume eröffnet. In patriachalen Gesellschaften sind Frauen als Gruppe immer die materiell unterlegenen – auch wenn es einzelne reiche Unternehmerinnen, Managerinnen oder Erbinnen gibt. Frauen sind im Schnitt in weitaus größerem Ausmaß von Armut, prekären Arbeits­verhältnissen und völlig fehlender eigener finanzieller Absicherung betroffen als Männer. Sie müssten keine schlechten Jobs oder ungeliebte Partner mehr ertragen. Sie würden mehr Sicherheit und größere individuelle Freiräume gewinnen. Das Grundeinkommen ist in den meisten Modellen gedacht als ein unterstes finanzielles Halteseil. Entsprechend würden die direkten ökonomischen Auswirkungen zuerst armen Frauen zugute kommen. Existenzängste zu nehmen ist ein wichtiger Schritt, auch wenn damit die Finanzprobleme der alternativen Mittelschichtspaare nicht gelöst werden, die das Geld für die Privatschule der Kinder und das neue Elektroauto meinen zusammenkratzen zu müssen. Aber das bedingungslose Grundeinkommen hat das Potential, weit über die reine Armuts­sicherung hinaus zu wirken. Die grüne Adrienne Goehler, ehemalige Präsidentin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und Ex- Senatorin für Wissenschaft, Forschung in Berlin, spannt einen ganz weiten Bogen unter dem Dreiklang »Freiheit. Gleichheit. Grundeinkommen«. Mit dem Grundeinkommen würden die humanistischen Ideale der Aufklärung, die sich in der Französischen Revolution erstmals manifestierten, eingelöst, argumentiert sie. Denn es wäre das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass Frauen und Männer in Bezug auf ihre Existenzsicherung die gleichen ökonomischen Voraussetzungen hätten. »Das ist ein gedanklicher Paradigmenwechsel, dessen Tragweite weit über das Finanzielle und auch über Teilhabe an der Gesellschaft durch Erwerbsarbeit hinausgeht«, schreibt sie. Die vielversprechende Konsequenz: »Wir können neue Modelle ersinnen.« Das wäre auch vonnöten: Ohne neue Modelle für Frauen, Männer und Transgender wird das mit der Geschlechtergerechtigkeit nichts.

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