Ulrike Heider im Gespräch über patriarchale Gesetze, den Penis als Waffe und linke Selbstjustiz

»Verdächtige Einigkeit zwischen Feminismus und Konservatismus«

Ulrike Heider war Teil der westdeutschen Sponti­bewegung und schreibt seit Jahren Bücher und Essays über Schüler- und Studentenbewegung, Anarchismus, afroamerikanische Politik und Sexualität. Mit der »Jungle World« sprach sie über patriarchale ­Gesetze, den Penis als Waffe und linke Selbstjustiz.

Im neuen Vorschlag zur Verschärfung des Sexualstrafrechts soll der Grundsatz »Nein heißt nein« aufgenommen werden. Wird nun eine jahrzehntelange feministische Forderung erfüllt? Die Parole »Nein heißt nein« gehört seit den siebziger Jahren zu den Grundsätzen der internationalen neuen Frauenbewegung. Sie hat sich in verschiedenen Vorschlägen zu Gesellschafts- und Gesetzesveränderungen und teilweise auch deren Verwirklichung niedergeschlagen. Die heute in den USA und Europa weitgehend anerkannte sexuelle Verhandlungsmoral ist ein positives Ergebnis davon, ebenso wie das gesetzliche Verbot der Vergewaltigung in der Ehe. Einige sogenannte Radikalfeministinnen, wie die Anhängerinnen von Susan Brownmiller, die den Bestseller »Gegen unseren Willen« schrieb, verbreiteten die Ideologie vom Mann als dem geborenen Vergewaltiger mit der Waffe Penis. Wie ein brutaler Urhordenmann fällt demnach auch der moderne Schwanzträger über jede Frau her, wenn ihn keiner daran hindert. Ein von dieser Mentalität zeugender Feldzug gegen die Pornographie führte in den USA stellenweise zur Allianz mit konservativen Saubermännern. 1987 griff Alice Schwarzer die amerikanische Kampagne auf und legte einen Gesetzentwurf für ein Verbot von Gewaltpornographie vor, der abgelehnt wurde. Auch sie geriet dabei ins sektiererische Fahrwasser, sprach ernsthaft von einem geplanten Ausrottungskrieg der Männer gegen die Frauen. Die heutige Forderung nach einem Sexkaufverbot für Männer, für das sich jüngst ebenso viele Progressive wie Konservative ausgesprochen haben, setzt diese Tradition fort. Die geplante Verschärfung unseres Sexualstrafrechts erfüllt zum Teil berechtigte feministische Forderungen, zeugt aber auch von einer verdächtigen Einigkeit zwischen Feminismus und Konservatismus. Auch unerwünschte Berührungen sollen künftig strafbar werden. Ist das nicht eine sehr weitgehende Regelung? Diese Idee, von der zurzeit so viele linke wie rechte Politiker und Frauensprecherinnen besessen sind, tendiert zur Sexualisierung und Kriminalisierung jeglicher sozialen Körperlichkeit. Wer weiß, ob es eine Frau oder ein Mann mag, wenn man sie oder ihn bei der Begrüßung umarmt und küsst? Menschliches Sozialverhalten kann man mit Gesetzen allein schwer regeln. Das gilt auch für den sexuellen Umgang miteinander. Auch ich finde, dass ein »Nein« genügen sollte, einem Mann zu signalisieren, was eine Frau nicht will, und dass dies im Gesetz stehen sollte. Versuche aber, intime Situationen zu verrechtlichen, halte ich für problematisch. Welche Folgen könnte eine Verschärfung auf rechtlicher Ebene haben? Ich bin keine Juristin, meine aber, Experten wie der Rechtswissenschaftlerin Monika Frommel oder dem Richter Thomas Fischer glauben zu können. Die sagen, das bisherige Strafrecht hätte bei richtiger Anwendung all das abgedeckt, was jetzt Schutzlücke genannt wird. Meine Befürchtung ist vielmehr, dass das Sexualstrafrecht weiter verschärft wird, bis es sich gegen die richtet, die ursprünglich davon geschützt werden sollten. Eben das geschieht jetzt schon in der neuen Regelung zur Definition von Kinderpornographie, die dazu tendiert, Jugendlichen ihr Recht auf Sexualität abzusprechen. Handelt es sich da um einen konservativen Backlash? Der Ruf nach strengeren Gesetzen zum Schutz der Frauen vor sexuell zudringlichen und gewalttätigen Männern ist nur ein Teil dessen, wonach sonst noch gebrüllt wird. Man denke an die antifeministischen Polemiken gegen das Gender-Mainstreaming und die Sehnsucht nach der traditionellen Hausfrau, an das Vordringen der Abtreibungsgegner in den gesellschaftlichen Mainstream, an die absurden Debatten um das Adoptionsrecht für Homosexuelle und an die hysterische Furcht vor der Beschmutzung der Kinder mit sexuellem Wissen im Sexualkundeunterricht. Von rechts außen erheben sich Stimmen für die Wiedereinführung des Paragraphen 175. Im Internet werden Folter- und Hinrichtungsmethoden für den der Pädophilie verdächtigten SPD-Politiker Sebastian Edathy erdacht, obwohl man ihm keine Straftat nachweisen konnte. Der Fußballtrainer Sascha Lewandowski, der sich vermutlich auf einen 12jährigen eingelassen hat und möglicherweise wirklich zum Sexualstraftäter wurde, hat mit seinem Selbstmord am 8. Juni die von Neonazis und Netzfaschisten geforderte Todesstrafe für Pädophile an sich selbst vollzogen. Kritikerinnen bemängeln am Gesetzentwurf die Fokussierung auf den Täter und die Vernachlässigung der Opferperspektive. Ist das ein Problem? Ich sehe das Problem eher in der automatischen Zuschreibung der Opferrolle für Frauen – wenn erwachsene Frauen vom Gesetzgeber behandelt werden sollen wie besonders hilflose Personengruppen, Kinder, minderjährige Jugendliche, psychisch Kranke, Gefangene und Abhängige. Wer meint, dass das Gesetz den Schutz der Frauen gegen potentielle Vergewaltiger um jeden Preis garantieren muss, vergisst Freiheit und Selbstverantwortung, ohne die ein glückliches Liebesleben auch für Frauen nicht möglich ist. Die neusten Änderungen sind eine unmittelbare Reaktion auf die Silvesternacht von Köln. Sind juristische Maßnahmen da ausreichend? Wie schlimm sich die jungen Männer aus Ländern, in denen Alkohol verpönt und Sexualität stark unterdrückt ist, in der Neujahrsnacht wirklich benommen haben, ist schwer zu rekonstruieren. Vielleicht haben sie die deutschen Trink-, Schunkel- und Verbrüderungsbräuche bei Massenpartys wie dem Fasching, dem Oktoberfest oder der Jahreswende für eine Erlaubnis allgemeiner Libertinage gehalten. Statt jetzt auf Immigranten zugeschnittene Grapscher- oder Gruppenbelästigerparagraphen zu erlassen, sollte man lieber Aufklärungskampagnen zur Geschlechtergleicheit und über einvernehmliche Sexualität für In- und Ausländer organisieren. Das Gerede aber von »null Toleranz«, von der »ganzen Härte des Gesetzes«, von einem »Sex-Mob«, von einer »neuen Form organisierter Kriminalität« und von »marodierenden Männern« (Zitat Emma) reproduziert eine der übelsten Traditionen unseres Landes: der vom allzeit notwendigen Schutz deutscher Frauen vor lüsternen Juden, Franzosen oder sonstigen Fremdlingen. Tatsächlich sind die Silvesternachtereignisse auch zum willkommenen Vehikel einer Aushöhlung des Asylrechts geworden. Haben sich die Modalitäten des Aushandelns von Sex geändert? Als ich jung war, sprach man nicht über Sexualität. Kinder fragten sich jahrelang, ob die Babys bei der Mutter vorne oder hinten rauskommen. Jugendliche hatten nur vage Vorstellungen vom Geschlechtsverkehr. Ich selber konnte mit meinem ersten Freund sexuell nicht glücklich werden, weil wir beide tragisch unaufgeklärt waren. Erst 1969 in der damaligen radikalen Linken traf ich Menschen, die es für eine Tugend hielten, über Sex zu sprechen und über Probleme, die man damit hatte: über Frigidität, Impotenz, vorzeitigen Samenerguss oder Vaginismus. Es gehörte zum guten Ton vor allem bei Männern, ihre Partnerinnen zu fragen, welche Techniken sie gerne hätten. Seit den achtziger Jahren führte Michel Foucaults weitverbreitete These, dass die moderne Sexualität nicht an Unterdrückung, sondern an übermäßiger Diskursivierung kranke, zu einem abermaligen Paradigmenwechsel. Das Sprechen über Sexualität galt auf einmal als altmodisch. Man meinte, damit jegliche Sinnlichkeit zu »zerreden«. Ich weiß nicht, ob dieser Trend bis heute wirksam ist. Aber junge Menschen berichten immer wieder, dass man trotz der medialen Übersättigung mit vor allem pornographischer Sexualität kaum über die eigene Praxis spricht. Wie ist die gesellschaftliche Einstellung zur Sexualität im Vergleich zu 1968? Typisch für die späten sechziger und die siebziger Jahre war ein positives Bild von der Sexualität. Solange sie nicht unterdrückt sei, dachte man, sei sie grundsätzlich, gut, gesund und friedensstiftend. Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch wurden ausgeblendet. Dazu trat seit Mitte der siebziger Jahre die feministische Idee von einer guten, zärtlichen und sanften Frauensexualität, der die böse, tendenziell vergewaltigende Männerbrunst entgegenstehe. Seit Beginn der achtziger Jahre gewann ein dämonisches Bild von der menschlichen Lust an Einfluss. Abgründige Leidenschaften, verbunden mit Obszönität, Gefahr, Gewalt und Todesnähe, wurden Kult. Dieser Trend hielt sich bis in die neunziger Jahre. Seine Überbleibsel verschwistern sich heute mit dem neuen Sexualkonservatismus – in »50 Shades of Grey« beispielsweise, wo sowohl gewalttätige Sexualität als auch erzkonservative Geschlechterrollen propagiert werden. In der radikalen Linken gab und gibt es ja auch Formen der »Strafverfolgung« von Sexualstraftätern. In der Frankfurter Spontiszene der frühen siebziger Jahre gab es einen solchen Fall. Ein Haschischdealer aus Marokko überrumpelte in einem besetzten Haus eine schlafende Frau, hielt ihr ein Messer an die Kehle und vergewaltigte sie. Ein paar Tage später versuchte dieser Mann, mich zu vergewaltigen. Ich entkam durch einen Sprung vom Balkon in den Vorgarten. Die Sache sprach sich herum und man beriet, was zu tun sei. Ihn anzuzeigen, wäre der damaligen linken Moral entsprechend nicht in Frage gekommen, zumal der Mann keine Aufenthaltsgenehmigung hatte. Eine Gruppe von Feministinnen schlug vor, den Kerl mit Frauenhänden zu verprügeln. Ich war dagegen, vor allem weil ich ihn für geistig behindert hielt. Viel später erst erfuhr ich, dass Joschka Fischer den Vergewaltiger mit ein paar Faustschlägen abgestraft hatte. Mehr noch als damals lehne ich heute jegliche Selbstjustiz ab. Ist der Ansatz der Definitionsmacht fortschrittlicher als das bürgerliche Recht? Auf keinen Fall. Die Annahme, dass nur eine Frau weiß, was Vergewaltigung ist, entspringt einem extremen Ungleichheitsdenken. Wenn in einem schwer zu rekonstruierenden Fall von sexueller Nötigung oder Vergewaltigung nur der Frau geglaubt wird, ist das ebenso schlimm, wie wenn nur der Mann glaubwürdig erscheint. Wenn Dritte über eine intime Situation zwischen zwei Menschen urteilen, müssen sie von Gleichheit und gleichem Recht der Beteiligten ausgehen, was die Berücksichtigung kulturell bedingter Unterschiede nicht ausschließen muss. Alles andere wäre die Reproduktion konservativer Ideologien wie der vom ewigen Krieg der Geschlechter oder von der natürlichen Opferrolle der Frau beim Sex.

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