Trash and truth in Zeiten von Donald Trumps Präsidentschaft

Dieser obskure Trump-Effekt

Vieles, was der Politik im Spätkapitalismus attestiert wurde – Karne­vali­sierung, Postdemokratie und Populismus –, treibt die Charakter­maske Trump auf die Spitze. Schockstarre und stille Faszination gehen Gewöhnung und Affirmation voraus.

Einen Vorwurf hat Donald J. Trump bereits in den ersten Tagen seiner Amtszeit entkräftet: dass er ein Dampfplauderer sei. Die meisten diskurskritischen Fingerübungen, dieses blondierte Phänomen zu fassen, führten zu gebrochenen Fingern. The Donald ist kein Simulacrum. Wo Trump draufsteht, ist Trump drin, und während alles von post- und kontrafaktischer Politik schwafelt, schafft er hard facts per Dekret. Ein US-Präsident, der den Baustopp an einer Pipeline, an der er als Investor beteiligt ist, per Executive Order aufhebt und muslimische Länder vom Einreiseverbot ausnimmt, zu denen er Geschäftsbeziehungen pflegt – dieser brutale Kurzschluss von Interesse und Macht mag all die Politexperten düpieren, die jahrzehntelang mit feinsten Instrumenten die Seitenarme erkundeten, während der Hauptstrom mit ungehinderter vulgärmarxistischer Wucht die Wirklichkeit flutete.
Ihnen erteilt Trump mit hemdsärmeliger Unbedarftheit die Lektion, wie Macht im Neandertal funktioniert, das der Spätkapitalismus als Alterswohnsitz in Erwägung zieht. Nicht umsonst hängte sich Trump unmittelbar nach Amtsantritt ein Porträt seines Lieblingspräsidenten Andrew Jackson (1829–1837) ins Oval Office – »an amazing figure in American history – very unique in so many ways«. Unique vor allem in der Verquickung von privatem und allgemeinem Interesse, also dem seiner Klasse: Als Besitzer von 150 Sklaven führte Jackson den Feldzug gegen die Seminolen in Florida auch deshalb, weil diese gerne entlaufene Sklaven bei sich aufnahmen. Nach dem Sieg über die Indianer wurden die Sklaven ihren rechtmäßigen Besitzern rück­erstattet.

Trash & Truth

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Auch wenn es so aussieht, als hätte der kulturindustrielle Trash, der zur Ersatzwirklichkeit der Überflüssigen, Abgehängten und Wütenden wurde, die politische Realität ersetzt und als hätten diese sich eine Mischung aus apokalyptischem Joker, High-School-Film-Trottel und Milliardär wie du und ich ins Weiße Haus gewählt, und selbst wenn Trump per Dekret den Central Park abholzen ließe und ein Pferd zu seinem Vize machte – es ändert nichts daran, dass er ein bewährtes, rational analysierbares, wenngleich parodistisch ­zugespitztes Herrschaftsmodell verkörpert: die rechte Rebellion gegen das Establishment, um eben dessen Interessen zu vertreten.
Noch ist Europa empört über die Übertreibung der eigenen Flüchtlings- und Exklusionspolitik. Das ist alles nicht sehr schön. Und dennoch im dehnbaren Rahmen des Demokratischen. Was den Aktienmärkten gefällt, wird wohl so schlimm nicht sein. Alle Prognosen von einem vor Trumps Unberechenbarkeit einknickenden Dow-Jones-Index haben sich als falsch erwiesen. Im Gegenteil, der tat den höchsten Freudensprung in der 130jährigen Geschichte seines Bestehens. Dies als Widerspruch zu empfinden, ist Ausdruck genau jener Kontrafaktizität, von der die liberale Expertise ständig faselt, und die ist von wegen postfaktisch, sondern mindestens so alt wie die Verweigerung faktischer Evidenz selbst. Sie zeigt sich zum Beispiel in der Ideologie, welche gesellschaftliche Freiheit und die Freiheit des Marktes als einander bedingende Werte phantasiert und sich auch durch den Gleichschritt der Nazis und des Kapitals nicht beirren ließ. Donald Trump kann noch so hohe Mauern ­gegen Mexikaner bauen, er reißt zugleich die letzten Ruinen staatlicher Regulierung ein.

Faschist oder gefälschter Denkzettel?

Während besonnene Geister innerhalb der in Endlosschleife per Click & Memes revoltierenden sozialen Netzwerke vor Gewöhnung warnen, bricht allerorts bereits verhohlene Sympathie für diesen flotten neuen Zeitgeist einer rechten Trash-Comics-Politik aus. Die putinfreundlichen und neopatriotischen Teile der Linken bewerten Trump als notwendiges Übel, als eine Art Savonarola, der mit plebejischem Mandat und Protektionismus gegen den Imperialismus des neoliberalen Establishments wütet.
Den vernünftigeren Teilen der Linken hingegen geht in berechtigter Nervosität die Faschismusdiagnose zu schnell von der Hand. Die Beziehungen zu Breitbart News und der Alt-Right-­Bewegung, Sexismus, Autoritarismus, Rassismus, white supremacy, Heimatkult, der Dreischritt von sozialistischer Phraseologie, kleinbürgerlicher Massenbasis und großkapitalistischer Interessenspolitik, zudem ein Antiintellektualismus, dessen Ausmaß die gängige Geistfeindlichkeit beinahe schon mit ihrem Gegner versöhnt, die Verkümmerung der bislang üblichen Politphrasen zu automatisiertem Grunzen, gefolgt von der scheußlichen Identität von Grunzen und Tat – all das trägt faschistische Züge. Dennoch hat Trump keine militarisierte Massenbewegung hinter sich und reizt bloß Schwachstellen und Widersprüche der US-ameri­kanischen Demokratie zu seinen Gunsten aus, ja, er lehrt die liberalen Träumer, wie viel antidemokratischen Spielraum ihre vergötzte Demokratie zulässt.
Sucht man nach historischen Referenzen, drängt sich der »prinzliche Lumpenproletarier« Charles Louis Napoléon Bonaparte auf, dessen plebejischen Putsch im Namen des Großkapitals Karl Marx in seinem »Achtzehnten Brumaire« so brillant analysiert hat. Trump wird freilich kein Kaiserreich errichten, doch auch innerhalb des formaldemokratischen Rahmens dürfen seine faschistoiden Züge nicht ­bagatellisiert werden. Subtrahiert man aus dem Kanon der Faschismustheo­rien den totalitären Staat von Trumps Portefeuille, dann lässt sich lange darüber streiten, inwiefern hier von »­demokratischem Faschismus« gesprochen werden kann, und während die Diskussion darüber beginnt, werden Modelle in diese Richtung bereits allerorts getestet und ausgereizt und auf ihre Zustimmung durchs Wahlvolk ­geprüft.

Anreize für Anleger und Imitatoren

Die politische Mitte indes weiß ihr heimliches Faible für einen demokratisch gewählten, aber unternehmerfreundlichen Faschismus noch als mahnenden Pragmatismus zu tarnen. Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer zum Beispiel ist ganz neidisch auf Trumps Möglichkeiten, anachronistische Demokratie auszuhebeln: »Er setzt mit Konsequenz und Geschwindigkeit seine Wahlversprechen Punkt für Punkt um«, schwärmte er in Bild am Sonntag. »In Deutschland würden wir da erst mal einen Arbeitskreis einsetzen, dann eine Prüfgruppe und dann noch eine Umsetzungsgruppe.« Und dass es dann vielleicht auch noch durch den Bundestag müsste, hat der demokratisch überforderte Prüf- und Umsetzungsgruppenleiter vorsorglich vergessen. Aber Dachau ist auch nicht an einem Tag erbaut worden.
Trump kommt wie gerufen, er setzt das als unmöglich Gedachte in Amerika um, damit seine Kritiker und Bewunderer in Europa zumindest das Mögliche an Nationalismus, Rassismus und Entdemokratisierung beschleunigen können. Er fungiert als eine Art Standartenträger der zivilisatorischen Verelendung. Man wird ihn dorthin vorschicken, wo man sich noch nicht hintraut, und wohin er sein Banner pflanzt, rückt man zaghaft nach, nicht ohne zu beteuern, er sei wieder mal zu weit gegangen. Das Entsetzen über seine ­faschistoide Clownerie sediert die Wahrnehmung dafür, was auch seine staatsmännischen Kritiker in seinem Windschatten aushecken. Der abnormale Wahnsinn soll mit dem normalen versöhnen. Mit der Stunde des Clowns hat zugleich die Stunde der geringeren Übel geschlagen. Spaßkultur und Kabarett mit ihren Trump-Parodien erfüllen diese Funktion auch trotz vorgeb­licher Kritik an ihrem Sujet. Die halblustigen, von Trump kommentierten Länderporträts etwa, mit denen Staatssender ihre halb­lustigsten Quotenclowns betrauen – die Niederlande und die Schweiz machten den Anfang, Jan Böhmermann schlug am Abend des 3. Februar zu –, sollen das Publikum nicht nur an die totale Identität von Politik und Entertainment gewöhnen, sondern geben ihm per launiger Selbststereotypisierung einen Vorgeschmack auf den protektionistischen Rückfall in die Kleinstaaterei.

Was tun?

Die größte Gefahr, die von der blondierten Bestie ausgeht, liegt also darin, dass die überspitzte Mischung aus Spaßkultur und reaktionärem Ernst auch ihre Kritiker durch Gewöhnung verdummt und sie diese im permanenten Fasching des politischen Ausnahmezustandes die Sicherheitszonen kühler Analyse nicht mehr finden lässt, von welchen aus sich die wahren Proportionen erkennen lassen. Die beste Übung dafür, die Monstren zu vertreiben, die der Schlaf der Vernunft gebiert, ist, bei der Kritik schon dort anzusetzen, wo der Trumpismus im Kern angelegt ist. Hier in Europa, nicht nur beim wuchernden Faschismus und Rassismus, sondern bei all den Kräften der Mitte, die sich diesen anbiedern und dennoch als ziviles Gegengift dazu verkaufen, nicht nur bei Nationalisten und Rechten also, sondern bei den Vollstreckern und Profiteuren von Austerität, Enteignung und Deregulierung. Sie untergraben eine fragile Zivilisation, die wohl einmal mehr in völkischer Gülle ertrinken wird.
Alles, was Trump tut, ist nicht Antithese, sondern Übertreibung einer auch diesseits des Atlantiks voranschreitenden Entdemokratisierung. Besonnene Konservative, Liberale und Sozialdemokraten, denen die Faschisierung des Abendlandes mittlerweile etwas unbehaglich geworden ist, müssten aus reiner Selbsterhaltung in eine radikale, aber demokratische Linke investieren, so verhasst deren Ideen ihnen auch sein mögen, nur damit der nach rechts kippende Kahn der Zivilisation zum Auslegeboot wird. Darauf ließe sich dann weiterstreiten.

Richard Schuberth ist Schriftsteller und lebt in Wien.