Was »hygge« ist

Der große Hygge-Report

Aus Deutschland wird neidvoll gen Norden geschaut. Kerzen, Tee und Wollsocken sollen die Dänen zur glücklichsten Nation der Welt gemacht haben. Kriegen wir das auch hin? Das neue Lieblingswort der Ikea-Boheme ist »hygge«. Gabriele Haefs erklärt seine Herkunft und Bedeutung.

Es ist noch gar nicht lange her, da sagte hin und wieder jemand, »gemütlich« sei doch so ein schönes Wort, so was hätten sie in anderen Sprachen nicht. Und wenn man dann widersprach, andere Sprachen hätten eben etwas anderes, gezellig auf niederländisch, acolhedor auf portugiesisch, die Liste ließe sich noch ziemlich lange fortsetzen, wurde man verächtlich angeschaut, weil man ja nun gar keinen Sinn für echte Gemütlichkeit habe. Fast sehnt man sich nach diesen alten Zeiten, seit das Wort hygge überall herumgebrüllt wird und ein neues Lebensideal bezeichnen soll.
Hygge, das ist dänisch, immerhin, das hat sich herumgesprochen, obwohl die Deutschen sonst gern alles, was sich nördlich von ihnen abspielt, unter dem Sammelbegriff »skandinavisch« zusammenfassen. Aber schwedisch und hygge, das geht nicht. Schweden ist Ikea, und Ikea ist un­begreifliche Bauanleitungen und endloses Anstehen an der Ausgabe für Köttbullar, nein, hygge geht anders. Im Norwegischen gibt es das Wort hygge auch, aber das dringt nicht so recht ins allgemeine Bewusstsein, denn in Norwegen sind die Wikinger, die hyggen sich nicht. Sie hyggen sich nicht, ganz richtig, es gibt nämlich auf dänisch und norwegisch allerlei schöne Ableitungen des Wortes. Hygge als Substantiv meint eben so ungefähr »Gemütlichkeit«, »die Seele baumeln lassen«, »fünfe gerade sein lassen«. Hyggelig ist das Adjektiv und hygge sig, das bedeutet, sich hyggen eben, also »es sich gemütlich machen«. Im Norwegischen gibt es übrigens das Synonym kose seg, mit kos als Substantiv und koselig als Adjektiv. Norwegen wäre dann gleichsam doppelt hyggelig, aber die Dänen haben die Marktlücke zuerst gefunden und sind nun die Weltmeister im hyggen.
Den Hygge-Trend ausgelöst hat der dänische Ethnologe Jeppe Trolle Linnet, der seinen Landsleuten angeblich nur auf die Finger schauen wollte, weil die das hyggen bisweilen übertreiben würden. Übertrieben sei es, stets verbindlich und friedlich zu bleiben, lieber nicht über Politik zu sprechen und einfach noch ein Smørrebrød zu bestellen, wenn die Dansk Folkeparti dafür sorgt, dass die Grenzen dicht gemacht werden – von wegen, man kann ja doch nichts ändern und dann ist es immerhin besser, es ­hyggelig zu haben. Dass sein Buch zum Thema ein internationaler ­Erfolg wurde und in Teilen der Welt als Aufruf aufgefasst wird, es den Dänen gleichzutun, habe er nicht erwartet, sagt Linnet. Dabei lächelt er so schelmisch, wie das nur ein hyggeliger Däne kann. Die Frage zu stellen, ob er vorher gar nicht überlegt hat, wie er einen Beststeller schreiben könnte, wäre nun wahrlich überaus unhyggelig.
Im »Großen Etymologischen Wörterbuch der dänischen Sprache« zu schmökern, kann überaus hyggelig sein, und da erfährt man einiges  über das neue Lieblingswort. Hygge bedeutete ursprünglich »trösten«, »Mut machen«. Es kommt vom altnordischen hyggja (für »denken«), ist verwandt mit dem gotischen hugja und dem althochdeutschen huggen, die ebenfalls »denken« bedeuten, aber auch mit dem altnordischen hugr für »Mut«. Und das sind nur einige der hier aufgeführten Verwandten. Das norwegische koselig wird im »Etymologischen Wörterbuch der dänischen Sprache« auch erwähnt, es hat eine wirklich charmante Herkunft. Es ist verwandt mit dem deutschen »liebkosen«, nicht aber mit »Kost« oder dem althochdeutschen »kósa« (für Streit) (vom lateinischen causa). Eine Verwandtschaft mit dem Sanskritwort guspitá ist nachweisbar, was so viel wie »verwirrt« bedeutet. Bei so vielen Verwandten, wie das Wörterbuch sie anführt, kein Wunder.

»Hygge«, das ist dänisch, immerhin, das hat sich herumgesprochen, obwohl die Deutschen sonst gern alles, was sich nördlich von ihnen abspielt, unter dem Sammelbegriff »skandinavisch« zusammenfassen. Aber schwedisch und hygge, das geht nicht. Schweden ist Ikea, und Ikea ist unbegreifliche Bauanleitungen und endloses Anstehen an der Ausgabe für Köttbullar.

Finnland ist gleich dem schwedischen Nachbarn keine Fundgrube für hygge. Für das Adjektiv hyggelig gibt es nur dürftige Entsprechungen wie hauska oder mukava, die aber, sagen finnische Gewährsleute, eigentlich nicht so richtig mithalten können und höchstens »angenehm« oder »spaßig« bedeuten. Meillä oli hyvin hauskaa. (Es war sehr nett/­gemütlich; wir haben viel Spaß gehabt.) Ansonsten kann man auf Finnisch nur sagen, dass man »sich wohlfühlt« oder »sich amüsiert«. Trinken schließlich ist niemals hyggelig, wird uns finnischerseits aus­einandergesetzt. Der Satz »jetzt hyggen wir uns mit einem Glas Wein« könnte auf Finnisch nicht so übertragen werden. Man muss das irgendwie umschreiben. Und Island? Wir fragen den Übersetzer Einar Olafsson, der seit Jahren darüber klagt, dass er immer auf dieses verdammte Wort stößt, wenn er dänische und norwegische Bücher übersetzt. Immer hyggen sich die Leute. Und immer muss er sich dann irgendwas aus den Fingern saugen, weil es so ein Wort im Isländischen nicht gibt. »Aber was macht ihr denn, wenn ihr abends aus dem kalten Wind ins Haus kommt, nach ­getaner Arbeit, und es euch dann schön mit einem Glas Wein am ­Kamin gemütlich macht?« – »Dann setzen wir uns schön mit einem Glas Wein an den Kamin. Das ist ja wohl ganz normal! Mit hygge hat das nichts zu tun.«
Wenn das, was in Dänemark hygge heißt und neuerdings in aller Welt als neues Lebensideal vermarktet wird, in Island ganz normal und nicht der Rede wert ist, müsste Island doch das Paradies der hygge sein? Müsste – aber Dänemarks Position als Hygge-Nation scheint derzeit durch nichts zu erschüttern zu sein. Im Grunde jedoch läuft alles auf ­eines hinaus: Wir kennen es alle, haben es früher »gemütlich« genannt, jetzt muss es also hygge sein. Ein neuer Begriff – und schon ist der alte Kram wie Filzpantoffeln, Bärenfell und Ingwertee wieder hochaktuell. Was wir daraus lernen? Keine Ahnung, das wird der Kollege Jeppe Linnet hoffentlich in einer neuen Untersuchung ermitteln.
Vollends verwirrend wird die Sache, wenn wir nun zum »Großen Etymologischen Wörterbuch der dänischen Sprache« zurückkehren, denn am Ende des langen Eintrags zum H-Wort teilt es mit, das dänische Wort sei abgeleitet vom mittelhochdeutschen hügelich, was »an­genehm, erfreulich« bedeutet habe. Ist das nicht typisch? Wir hatten das Wort und sicher auch die hygge, haben beides leichtfertig den Dänen überlassen und dann vergessen. Oder eigentlich nicht vergessen, sondern einfach nur noch für Gegenden mit vielen Hügeln reserviert, egal, wie gemütlich es dort zugeht. Sagt das nun etwas über die deutsche Unfähigkeit zum hyggen? Vermutlich nicht, sprachgeschichtlich gibt es viele Beispiele dafür, dass von zwei gleichlautenden Wörtern eines verschwindet, nämlich das, für welches noch ein Synonym existiert. Dann überlebt das Synonym. Aus »hügelich« wurde »hügelig«, in der Bedeutung, die das Wort heute hat. Und wir wurden gemütlich, denn dieses Wort gab es auch schon im Mittelhochdeutschen. Das »Große Etymologische Wörterbuch der dänischen Sprache« teilt übrigens mit, Jahrhunderte lang sei im Dänischen das Wort gemytlig üblich gewesen, als Synonym für hyggelig, mit der Erklärung: übernommen aus dem Deutschen.

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