»Liebe auf Iranisch«. Eine Comic-Reportage

Erschöpfte Jugend

Die Comic-Reportage »Liebe auf Iranisch« fußt auf den heimlichen Gesprächen eines französischen Journalistenpaars mit jungen Iranern, die über den Einfluss von Religion und Politik auf ihre Vorstellungen von Liebe und Beziehung Auskunft geben.

Ich glaube, die Leute haben heute keine Kraft mehr zu kämpfen. Wir sind zermürbt. Vielleicht kommt es mit der nächsten Generation. Unsere Generation ist erschöpft. Sie werden nie die Macht abgeben. Wenn nötig, werden sie alle töten. Sie wären dazu imstande«, sagt der 20jährige Saviosh aus Teheran gegenüber den beiden französischen Journalisten, die ihre nicht genehmigten Recherchen im Iran unter dem Pseudonym Jane Deuxard veröffentlicht haben. »Sie«, das sind die Mullahs und die Politiker. Eine ganze Generation junger Iraner scheint seit der Niederschlagung der Demonstrationen nach der Wiederwahl Mahmud Ahmadinejads 2009 die Hoffnung auf politische Veränderungen aufgegeben zu haben.

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Das Journalistenpaar Jane Deuxard hat den Iran nach der »Grünen Revolution« mehrfach bereist und den kritischen und resignierten Stimmen der gescheiterten Protestgeneration in zahlreichen Reportagen ein Forum gegeben. Aus den Interviews mit den heute 20- bis 30jährigen ­Gesprächspartnern entstanden aber nicht nur journalistische Texte. In Zusammenarbeit mit dem Zeichner Zac Deloupy produzierten sie den Comic »Liebe auf Iranisch«, der sich mit dem Alltag der jungen Genera­tion beschäftigt. Deutlich wird, welchen Einfluss Politik und Religion auf das private Leben nehmen. Ist es überhaupt möglich, unter den Bedingungen der Repression und religiösen Kontrolle eine glückliche Be­ziehung zu führen? Und machen die gesellschaftlichen Umstände aus der Liebe einen politischen Akt?

Weil sie den politischen Strategien des Westens nicht mehr vertrauen und der iranische Staat immer mächtiger wird, unterwerfen sich die Jugendlichen zunehmend den Zwängen des Systems – aus Mangel an Alternativen und wegen der fehlenden Unterstützung aus Europa und den USA.

»Ich bin müde, Angst zu haben«, sagt die 26jährige Gila. Müdigkeit hat fast alle der Porträtierten erfasst; aus dem einstigen politischen Widerstand ist ein trotziges Bemühen ­geworden, trotz der Repression ein glückliches Liebesleben zu führen. Doch selbst diese Sehnsucht nach der kleinen Freiheit im falschen Ganzen erfüllt sich nur selten in einem Land, in dem die Mehrzahl der Ehen von der Familie arrangiert wird und Sexualität vor der Hochzeit streng ver­boten ist. Zwar haben die Paare, die die Journalisten getroffen haben, Liebesstrategien entwickelt, geheime Treffpunkte, Signale und vor allem eine schier unmenschliche Geduld, aber die allumfassende Müdigkeit angesichts der Verhältnisse lässt sie alle früher oder später resignieren. Sie reiben sich auf in Kämpfen, deren Ausgang nichts an der Gesamt­situation ändert. Saeedeh etwa will sich dem familiären Druck nicht ­länger beugen und weigert sich, im Haus der Schwiegereltern den Schleier zu tragen. Als die Journalisten ihr von den Alltagskämpfen und Träumen der anderen Interviewten erzählen, wird die ganze Tragik dieser Generation deutlich, denn erst jetzt wird Saeedeh bewusst, dass ihre privaten Probleme die einer ganzen ­Generation sind: »Ihr lasst mich unser Leben entdecken, das meines Volkes. Wir reden nicht untereinander. Wir trauen uns nicht.«
Die jungen Leute sind die Kinder ­jener Generation, die Marjane Satrapi in »Persepolis« beschrieben hat. Während Satrapis Mitschüler und Freunde allerdings noch mit einer Ahnung von dem Leben vor der islamischen Revolution 1979 aufwuchsen, einer vagen Erinnerung an jene Zeit, in der ihre Mütter ohne Kopftuch das Haus verlassen konnten, es eine feministische Bewegung gab und die Religion im Alltag kaum eine Rolle spielte, gibt es diese unmittelbare Erfahrung für die jungen Menschen der Gegenwart nicht mehr. Sie haben ihre gesamte Jugend in der Islamischen Republik Iran verbracht. Umso erstaunlicher ist es, dass sie 2009 den Weg des Widerstands wählten. Während Satrapi die Idee der Freiheit zumindest noch von ihren Eltern vermittelt bekam, wachsen die jungen Leute heute in einem Land auf, in dem lediglich Kulturgüter die Utopie eines anderen Lebens verkörpern. Die Freiheiten voriger Generationen kennen sie nur noch aus Erzählungen. »Die Menschen werden immer feiger, sie haben sich an das Regime gewöhnt«, sagt der 26jährige Vahid, der 2009 zwei Mal festgenommen und gefoltert wurde. »Eine Revolution heute? Unmöglich. Das Regime lässt nichts mehr durchgehen. Es kontrolliert alles. Seit der grünen Revolution hat es gelernt, mit den neuen Technologien umzugehen.«

»Liebe auf Iranisch« zeigt eine Generation, die die Hoffnung auf politische Veränderungen aufzugeben scheint: »Wir haben weder 2009 für Mussawi noch 2013 für Rohani gestimmt. Wir glauben an keinen Politiker. Sie ziehen alle am selben Strick, selbst die Moderaten lügen. Selbst sie sind gewalttätig«, sagt die 30jährige Saeedeh. Und die 29jährige ­Jamieh aus Schiras ergänzt: »Ihr im Westen denkt, dass sich die Schlinge nach und nach lockern wird. Dass das Atomabkommen ein Zeichen für Fortschritt ist. Ihr haltet eure Träume für Realität. Das Gegenteil wird der Fall sein.«
Weil sie den politischen Strategien des Westens nicht mehr vertrauen und der iranische Staat immer mächtiger wird, unterwerfen sich die ­Jugendlichen zunehmend den Zwängen des Systems – aus Mangel an ­Alternativen und wegen der fehlenden Unterstützung aus Europa und den USA. Der nur wenige Jahre jüngere Bruder von Vahid etwa kann die Intention der Proteste von 2009 schon gar nicht mehr nachvollziehen. ­Vahid sagt: »Mein kleiner Bruder nennt mich einen verwöhnten ­Bengel. Seine Freunde verstehen die grüne Bewegung nicht mehr. Für sie haben wir mit dem Feuer gespielt.«

Der politische Konformismus wirkt sich auch auf die Vorstellungen von Liebe, Ehe und Geschlechter­rollen aus. Das Interview mit Ashem und Nima beispielsweise nimmt eine überraschende Wendung. Dass die jungen Leute ihre Liebe nur im Verborgenen leben können, lässt den Paaren wenig Raum, über Fragen der gemeinsamen Zukunft zu sprechen und sich kennenzulernen. ­Während des Gesprächs mit den Journalisten offenbart sich Ashem als ein Mensch, der die religiösen Vorschriften verinnerlicht hat: »Ich verstehe sowieso nicht diese Frauen, die arbeiten wollen. Die können nicht richtig ticken.« Als Nima widerspricht, fährt er sie an: »Die wichtigen Entscheidungen treffe ich, als Mann. Frauen sind nicht rational. Sie träumen von Ländern, in denen es sich gut leben lässt. Sie träumen von Freiheit. Aber mit Freiheit verdient man kein Geld.« Der Zeichner Deloupy kommentiert die unerwartete Wendung des Gesprächs, indem er die beiden Protagonisten während der Unterhaltung deutlich altern lässt – die Hoffnungen der Jugend sind der Realität gewichen, die Jungen sind zu ihren eigenen Eltern geworden. »Es klingt vielleicht verrückt, aber wir haben diese Fragen nie angesprochen. Wir sehen uns so selten …Wenn wir die Männer häufiger und ungezwungener treffen dürften, könnten wir unseren Ehemann besser auswählen«, erklärt Nima nach Ashems Abgang die Problematik von Beziehungen im Iran. Immerhin: »Jetzt weiß ich, woran ich bin.«

Die 20jährige Zeinab hat eine sehr eigene Interpretation von weiblicher Macht: »Das Leben der Frauen im Iran ist viel einfacher. In den westlichen Ländern erwartet man von euch Frauen, dass ihr für euren Unterhalt sorgt.« Dass es zu Zeiten des Schah eine iranische Frauenbewegung gab und die Grüne Revolution 2009 von vielen jungen Frauen unterstützt wurde, beeindruckt Zeinab nicht. »Wir Frauen«, meint sie, »sind nicht dazu gemacht, um zu schuften! Wir können uns mit leichten Arbeiten begnügen: Kochen, Schlafen. Gott hat den Mann kräftig geschaffen und dazu fähig, alles zu ertragen. Man darf Gott nicht widersprechen.« So endet der Comic mit der bitteren Erkenntnis, dass auch kleine Freiheiten in einem System der Unfreiheit nicht glücklich machen können. »Das Leben der Jugend im Iran ist hart«, sagt die 26jährige Leihla, »die Leute, denen das klar ist, sind traurig und deprimiert. Nur die Blinden sind hier glücklich.«

Jane Deuxard/Deloupy: Liebe auf Iranisch. Bielefeld 2017, Splitter-Verlag, 144 S., 19,80 Euro