Platte Buch

Therapeut ausgetrickst

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Lucy Schröder ist Schneekugeldesignerin und das ist ein schöner Beruf, von dem sie sogar leben kann. Beziehungsweise könnte, wenn man sie nur in Ruhe ließe. Nichts will Lucy mehr. Aber verärgerte Mitbewohner haben ihr den psychiatrischen Notdienst auf den Hals gehetzt. Nun steht sie vor der Wahl: Entweder sie wird in die Klapsmühle eingewiesen oder begibt sich unter Leute und schließt Bekanntschaften. Selbstverständlich entscheidet sie sich für das kleinere Übel und wandert los. Irgendwo zwischen Lucys Wohnung und dem Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg liegt ein heruntergekommenes ­Warenhaus. Nicht der richtige Ort zum Kennenlernen vielleicht, dafür aber zum Beobachten. Man muss sich dann nur die passenden Leben für diese Leute ausdenken und schon ist der Therapeut zufrieden – einer, der Pawel Schneu heißt, muss ja wohl auszutricksen sein!

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buchDas Kaufhaus ist wirklich sehr marode, im Café gibt es statt leckerer ­Eclairs nur fahlen Fisch und in der Heimtierab­teilung haben die Chamäleons aufgehört, sich zu verfärben. Der Geschäftsführer ist zu gut für diese Welt, die Teilhaber ­wollen ihn entlassen und am liebsten das ganze Warenhaus verhökern. Es wimmelt nur so von Leuten, die ihrerseits dringend andere kennenlernen möchten, kurzum, es gibt viel zu tun. Lucy Schröder hat als Beraterin eine neue Aufgabe. Den Chamäleons Farbe bringen, den Koch zum Backen animieren und den eingebildeten (aber ach, so schönen) Schwertmann eine Nummer kleiner machen. Gelingt das alles, kann es überhaupt gelingen? »Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten« ist so traurig wie witzig, und wenn man gar nichts begriffen ­hätte, könnte man die Geschichte als traurige Parabel über das entfremdete Dasein in der Großstadt bezeichnen. Man kann das auch lassen und erzählen, was aus den Personen im Buch wird: »Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Aber das geht ja ­allen so.«

Susann Rehlein: Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten. Dumont-Verlag, Köln 2016, 285 Seiten, 18 Euro

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