Neonazis in Finnland

Marsch der nordischen Nazis

In Helsinki veranstalteten Neonazis und andere Rechtsextreme zum finnischen Unabhängigkeitstag zwei große Demonstrationen.

Es sind gespenstische Szenen. 300 ­Neonazis marschieren am finnischen ­Unabhängigkeitstag durch Helsinki. Unter den Teilnehmern sind Mitglieder der panskandinavischen »Nordiska mot­ståndsrörelsen« (Nordische Widerstandsbewegung, NMR), Vertreter der ausländerfeindlichen »Soldiers of Odin« und des neonazistischen Netzwerks »Blood & Honour«, das in Deutschland verboten ist. Auch eine Abordnung der NPD-Jugendorganisation »Junge Nationaldemokraten« ist mit von der Partie. Am Abend schließlich paradieren 2 000 Rechtsextreme mit Fackeln durch die finnische Hauptstadt. Manche Teilnehmer zeigen den Hitlergruß, einige haben ihre Kinder mitgebracht.

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2017 war bekanntlich ein Jubiläumsjahr. Vor 100 Jahren begannen die ­Bolschewiki in Russland die Oktoberrevolution. Der folgende Bürgerkrieg begünstigte nationalistische Bestrebungen – so auch im autonomen Groß­fürstentum Finnland. Schon seit der Absetzung des Zaren im März 1917 wollten die finnischen Nationalisten das damals zum Russischen Reich ­gehörende Land für unabhängig erklären. Die Revolutionsregierung akzeptierte Ende 1917 die am 6. Dezember ausgerufene finnische Unabhängigkeit.

Doch auch in Finnland gab es Versuche, der Oktoberrevolution beizuspringen, vor allem die Sozialdemokraten beteiligten sich an Generalstreiks. Die bürgerlichen Kräfte hingegen fürchteten die Revolution. Sie riefen die ­Unabhängigkeit aus und stellten eigene Streitkräfte auf. Ihr Befehlshaber wurde im Januar 1918 Freiherr Carl Gustaf Emil Mannerheim, ein finnisch-schwedischer Offizier aus der ehemaligen ­Zarenarmee. Er führte in einem erbitterten Bürgerkrieg die »Weißen« zum Sieg über die »Roten«, 70 000 finnische Sozialisten wurden in Lagern wie der berüchtigten Festungsinsel Suomenlinna interniert. Allein dort starben etwa 3 000 Gefangene.

Knapp ein Jahrhundert später stehen sich die Nachkommen der »Weißen« und der »Roten« gegenüber. Eine gesellschaftliche Aufarbeitung hat bisher kaum stattgefunden – über die abstrakt als »Negativereignisse« bezeichneten Folgen von Unabhängigkeit und Bürgerkrieg möchte man nur ungern sprechen. Das zeigte sich auch beim hundertsten Jubiläum der finnischen ­Unabhängigkeit am Mittwoch vergangener Woche, als sich die 300 Neo­nazis auf dem Narinkkatori-Platz in Helsinki versammelten, unweit des Denkmals des als Nationalhelden geltenden Mannerheim.

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Die »Soldiers of Odin« tragen Bomberjacken mit Patches ihrer Herkunftsorte

Bild:
Sören Kohlhuber

Am 30. November verbot das Bezirksgericht in Tampere – die Stadt war im Bürgerkrieg eine Hochburg der »Roten« – den finnischen Ableger der »Nordischen Widerstandsbewegung«, die »Pohjoismainen vastarintaliike« (PVL). Diese rufe zu Gewalt auf und stelle sich gegen die demokratischen Prinzipien des Landes, so die Begründung des Gerichts. Als Beleg dafür gilt der Angriff des PVL-Mitglieds Jesse Torniainen auf den Antifaschisten Jimi Karttunen. Am 10. September 2016 hatten Mitglieder der PVL vor dem Hauptbahnhof von Helsinki Flugblätter verteilt. Karttunen hatte darüber seinen Unmut geäußert, indem er den Neonazis vor die Füße spuckte. Gezielt hatte ­daraufhin Torniainen dem Antifaschisten einen Tritt verpasst. Der 28jährige ging zu Boden und verlor das Bewusstsein. Später entließ Karttunen sich selbst aus dem Krankenhaus und starb sechs Tage nach dem Angriff an den Folgen eines Hirntraumas. Torniainen kam vor Gericht, doch man konnte nicht zweifelsfrei belegen, dass Karttunens Tod unmittelbar mit dem Tritt in Verbindung stand. Der Neonazi wurde wegen schwerer Körperverletzung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Auch in anderen Ländern tritt die NMR gewalttätig auf, unter anderem mit Bombenanschlägen wie in Göteborg 2016. Nun allerdings sieht sie sich in der Defen­sive. In einem Aufruf zu dem Aufmarsch in Helsinki beschwerte sie sich über die »politische Polizei«. Mit der Kundgebung zum Unabhängigkeitstag wollte sie ihre Stärke beweisen. Das Verbot der PVL durch das Gericht will sie ohnehin anfechten. Bereits Tage vor dem Marsch verteilten NMR-Mitglieder Flyer vor dem finnischen Parlament und trugen dabei ihre Jacken mit der markanten Tyr-Rune.

Als hätte es kein Verbot gegeben, ist die NMR auch am Abend des Unabhängigkeitstages auf dem Narinkkatori-Platz dabei. Es handelt sich nicht um eine lose Ansammlung, die Teilnehmer stehen in straffen Dreierreihen quer über den Platz. In den ersten Reihen, stramm mit Jacken und Fahnen, stehen die Mitglieder der NMR. Deren grüne Fahnen mit dem schwarzen Pfeil sind in jüngster Zeit auch in Deutschland aufgetaucht, denn die militante Kameradschaft unterhält sehr gute Kontakte zur neonazistischen Kleinpartei »Der III. Weg«. Als die NMR im Sommer einen Aufmarsch im schwedischen ­Göteborg veranstaltete, sollten auch Mitglieder von »Der III. Weg« mit­marschieren, einer sollte sogar eine Rede halten. Doch bereits am Bahnhof wurden die Deutschen in Haft genommen – die Polizei fand Messer in ihrem Gepäck.

Umso überraschender, dass in Helsinki hinter den NMR-Emblemen plötzlich rot-weiße Fahnen zu sehen waren. Sie gehören den »Jungen National­demokraten« (JN). Eine Gruppe um den neuen Landesvorsitzenden der JN Sachsen, Maik Müller, unterstützt demonstrativ die nordischen Kameraden. Dahinter folgen zwei weitere Blöcke: die in Deutschland verbotene Organisation »Blood & Honour« sowie die in Deutschland offen agierenden »Soldiers of Odin«, die Bomberjacken mit Patches ihrer jeweiligen Herkunftsorte tragen. Zunächst läuft alles relativ ruhig. Mit wenig Polizeibegleitung, umringt von vielen Reportern, zieht der Tross in den Norden der Stadt.

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Alpakas gegen Faschismus

Bild:
Sören Kohlhuber

Ungestört bleiben die Rechtsextremen allerdings nicht. Aus einem Haus ruft eine Anwohnerin, dass Neonazis hier nicht willkommen seien. Die Marschteilnehmer ignorieren sie. Man versteht sich als künftige Elite und will ein gutes Bild abgeben, auch wenn die Naziskinheads im hinteren Teil des Zugs auf die Bevölkerung eher abschreckend wirken dürften. Die Anwohnerin ist nicht allein mit ihrem Protest: Mehr als 2 500 Menschen bilden eine Gegendemonstration. »Keine Nazis in Helsinki! Keine Nazis nirgendwo!« rufend, ziehen sie durch die Straßen, um ihre Ablehnung zu zeigen. Ihr Symbol ist ein Alpaka. Unter den Hashtags »Alpakkagate« und »Alpakat« ­hatten in den Tagen vor dem Fackelmarsch Antifaschisten auf Twitter ­ihren Unmut über eine Polizeientscheidung zum Ausdruck gebracht. Der ­Fackelmarsch war nämlich bei der Polizei, nicht aber bei der Stadtverwaltung angemeldet worden. Die hatte auf dem von den Neonazis für den Demonstrationsbeginn gewählten Platz eigentlich ein Kinderfest mit Alpakareiten geplant. Aus Angst, Gegendemonstranten könnten sich das Kinderfest zunutze machen, untersagte die Polizei kurzerhand das Fest und gab den Platz für die Rechtsextremen frei. Das Kinderfest fand schließlich dennoch statt – der Sportverein Helsingfors IFK bot den Alpakas als Ausweichort das Olympiastadion an.

Auch die antifaschistische Demonstration muss sich Behinderungen durch die Polizei gefallen lassen, damit die Neonazis ungehindert durch die Stadt laufen können, denn die Routen des NMR-Marsches und der Antifaschisten kreuzen sich. Zur Abschreckung karrt die Polizei Spezialeinsatzkräfte heran, die Gewehre mit Gummischrot mit sich führen.

Am Zielort der antifaschistischen Demonstration findet schließlich unter strenger Bewachung einer Einsatzhundertschaft ein Konzert statt. Vom Marsch der Neonazis dagegen ziehen sich mit der Zeit sämtliche Einsatzkräfte zurück. Nur ein Fahrzeug und etwa zehn Beamte der Grenzpolizei bleiben dort. Im Halbkreis um einen Redner stehen die Fahnenträger; der Platz ist so beleuchtet, dass man nur Redner und Fahnen erkennen kann. Neonazis verteilen Aufkleber des verbotenen finnischen NMR-Ablegers – mit dem Konterfei Adolf Hitlers.

Noch während die NMR-Mitglieder ihre Abschlusskundgebung abhalten, sammeln sich erste Nationalisten vor einer Bühne auf dem Töölöntori, ­einem düsteren Marktplatz. Die Klientel besteht hier weniger aus organisierten Neonazis, sie erinnert eher ein wenig an Pegida. Ältere ­Teilnehmer in Alltagskleidung und mit finnischen Fahnen sind zu sehen. Mehr als 2 000 Menschen versammeln sich. Doch auch die Neonazis von der NMR stoßen dazu. Auf ihrer eigenen Abschlusskundgebung entzünden sie bengalische Fackeln, ehe sie geschlossen die wenigen Hundert Meter zum Töölöntori-Platz laufen. Hier halten sich die meisten der Neonazis bedeckter, Fahnen und Transparente werden eingepackt, die »Soldiers of Odin« drehen ihre Bomberjacken um. Nur die NMR-Mitglieder sind anhand einiger Jacken, Mützen und Schals deutlich erkennbar. Am Rande stehen Gruppen von Antifaschisten und rufen Parolen gegen den Fackelmarsch. Die Rechten antworten vereinzelt mit dem Ruf »Ha, Ha, Ha – Antifa«, Hitlergrüßen und einem lautstarken »Suomi!« (Finnland). Die Polizei steht passiv am Rand. Ansonsten bewegt sich der Fackel­tross ungehindert durch das abendliche Helsinki.

Zum vierten Mal in Folge laufen Neonazis und Nationalisten am Unabhängigkeitstag diese Route. Sie führt zum Friedhof Hietaniemi. Er ist die größte Ruhestätte Helsinkis, auch Staatsbegräbnisse werden hier abgehalten. Auch der Anführer der »Weißen« im Bürgerkrieg und spätere Staatspräsident Mannerheim liegt auf dem Friedhof begraben. Am Eingang löschen die Teilnehmer des Marsches ihre Fackeln. Die letzten Teilnehmer kommen nicht mehr geordnet auf den Friedhof, sondern als Pulk. Einige sind stark angetrunken, einer tritt aus dem Marsch her­aus und zeigt den Hitlergruß in Richtung der Journalisten. Die Veranstalter sagen, weder verehrten sie Hitler noch seien sie Neonazis. Doch die häufig zu sehenden SS-Totenköpfe auf der Kleidung der Teilnehmer zeigen, mit wem sie sich identifizieren.

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